"Tag des Zorns" in Sanaa "Die Opposition hat Angst vorm Sturz des Regimes"

Auch in Sanaa gab es einen "Tag des Zorns": Zehntausende Jemeniten haben lautstark gegen Präsident Salih demonstriert - doch die Proteste blieben friedlich. Selbst die Gegner des Autokraten fürchten, dass der fragile Staat ohne starke Führung vollends ins Chaos stürzt und zerbricht.

Von Susanne Sporrer

DPA

Pünktlich zum Mittag ist der "Tag des Zorns" in Jemens Hauptstadt Sanaa zu Ende. Die Zehntausende Demonstranten, die eben noch wütend, aber friedlich die Absetzung des seit 32 Jahren amtierenden Präsidenten Ali Abdullah Salih gefordert hatten, eilen durch die verstopften Straßen nach Hause. Die Rufe "Weg mit Ali!" verstummen. Auch die von der Regierung organisierte Gegendemonstration auf dem zentralen Tahrir-Platz löst sich auf. Jung und Alt macht es sich jetzt auf dicken Polstern am Boden kommod und beginnt, sich Qatblätter in die Backen zu stopfen. Der Nachmittag gehört auch in diesen Zeiten der milden Droge, die Revolution macht Pause. Unruhen und Gewalt wie in Ägypten will niemand.

Diese Ruhe ist selbst dem breit gefächerten Bündnis der Oppositionsparteien, das zu dem Protest aufrief, ganz recht. Denn weder die Sozialisten noch die vom Islam und Stämmen geprägte Islah-Partei können einen mehrheitsfähigen Kandidaten für den Präsidentenpalast vorweisen. Zu lange schon ist Salih an der Macht, zu zersplittert ist die politische Landschaft.

Zwischen den Sozialisten, die einst das Kopftuch in der damaligen Volksrepublik Südjemen abschafften, und den islamistischen Scheichs der Islah liegen Welten. In den drei Jahrzehnten im Amt hat Salih Macht und Geld unter Söhnen, Cousins, Neffen und Getreuen verteilt. Seine Feinde hat der Feldmarschall so geschickt gegeneinander ausgespielt oder an sich gebunden, dass ihm keiner mehr gefährlich werden konnte.

Kaum einer will daher Sanaa zu einem zweiten Tunis machen. Eher als mit Tunesien oder Ägypten ist der Jemen in den vergangenen Jahren mit Afghanistan und Somalia verglichen worden, so groß ist die Angst vor einem Zerfall. Seit Jahren gehen die Menschen in Aden auf die Straße und fordern die Abspaltung von der Zentralmacht in Sanaa. Al-Qaida-Kämpfer haben Salih, einem Verbündeten der USA im Kampf gegen den Terrorismus, den Krieg erklärt. Und im nördlichen Grenzgebiet zu Saudi-Arabien tobte fünf Jahre lang ein blutiger Bürgerkrieg mit schiitischen Rebellen. Das Vakuum, das bei einem Rückzug Salihs jetzt entstehen könnte, würde die Somalisierung noch weiter beschleunigen.

"Die Opposition hat Angst vor einem Sturz des Regimes", ist der Menschenrechtler Khaled al-Anesi überzeugt. "Sie hat Angst vor den Militanten, vor al-Qaida, den Stämmen und den ganzen Waffen hier." Der prominente Anwalt gehört zu jenen, die wegen unbotmäßiger Kritik am Präsidenten in den vergangenen Wochen festgenommen worden waren. Die Verhaftungswelle, die den Umsturz in Tunesien begleitete, war einer der Auslöser für die jüngsten Massenproteste.

Ein weiterer war das Ansinnen Salihs, sich die Option auf eine weitere Präsidentschaft zu sichern. Angesichts der wachsenden Zahl von Demonstranten zog der 68-Jährige am Mittwoch die Notbremse: Er ließ eine entsprechende Verfassungsänderung stoppen und versicherte, bei den nächsten Wahlen 2013 nicht wieder antreten zu wollen. Auch seinen Sohn Ahmed werde er nicht zum Nachfolger machen, beteuerte der Staatschef. Doch weder die Opposition noch die Menschen auf den Straßen wollen sich mit diesen Versprechungen zufrieden geben, mehr als einmal entpuppte sich Salih als Lügner.

Auf Demonstranten ließ er scharf schießen

Bereits vor der vergangenen Wahl 2006 hatte Salih angekündigt, nicht noch einmal antreten zu wollen - um sich dann von seinen Anhängern bitten zu lassen. Nach inszenierten Demonstrationen des Volkswillens erklärte er sich noch einmal zur Kandidatur bereit. "In der Vergangenheit hat Salih sein Wort gebrochen, doch jetzt haben sich die Spielregeln geändert", sagt der oppositionsnahe Politikberater Abdulghani al-Iryani. "Jetzt kann er nicht mehr zurück." Wenn Salih seinen Ankündigungen Taten folgen lasse, den ehrlichen Dialog mit der Opposition suche und schnell wirksame Reformen anstoße, dann könne er seine Haut retten. "Der Präsident hat die Chance, einen geordneten Machtwechsel einzuleiten", ist Iryani überzeugt. "Damit könnte er in die Geschichtsbücher eingehen."

Als Beweis, dass es Salih es mit den angekündigten Reformen ernst sei, forderten die Anführer des Oppositionsbündnisses den Präsidenten auf, die Dominanz seines Clans bei den Sicherheitskräften und in der Armee zu beenden.

Fraglich ist jedoch, ob der Machthaber noch die Kraft zu Reformen hat - und den Willen. Mit seinen Widersachern ging Saleh nie zimperlich um: Im Bürgerkrieg gegen die schiitischen Rebellen wurden Tausende getötet, auch auf die Demonstranten in Aden ließ Salih scharf schießen. Dabei liegen Rezepte für eine Befriedung des unruhigen Landes seit Jahren auf dem Tisch: entschlossene Schritte gegen Misswirtschaft und Korruption, mehr Macht für die Provinzen, Kampf gegen Armut statt gegen missliebige Journalisten. Doch viel mehr schien das Salih-Regime bislang am eigenen Machterhalt interessiert.

Weniger als zwei Dollar am Tag

Unter dem Druck der Straße könnte sich das jetzt ändern. Mit seinem angekündigten Rückzug und einem erneuten Gesprächsangebot an die Opposition hat sich Salih einen gewissen Handlungsspielraum geschaffen. Viel Zeit bleibt ihm nicht. Jeder zweite Jemenit lebt von weniger als zwei Dollar am Tag, ebenso viele können nicht lesen und schreiben. Den Bauern in den abgelegenen Bergdörfern, die sich selbst versorgen, geht das Grundwasser aus, und auch die kargen Vorräte an Rohöl dürften nur noch wenige Jahre reichen. Millionen Jugendliche haben keine Perspektive. Fundamentalisten nutzen die wachsende Armut geschickt aus, um Rekruten für den internationalen Terrorismus zu werben.

"Der Jemen ist nicht Tunesien", mahnte Salih gleich nach der Flucht von Tunesiens Diktator Ben Ali in einer Rede vor Militärangehörigen in Sanaa. In diesem einen Punkt stimmt selbst der Rentner Ahmed dem von ihm so verhassten Präsidenten zu. Der 75-jährige Altstadtbewohner hat noch den Imam erlebt, der bis zum Militärputsch 1962 den Nordjemen regierte. Das islamische Oberhaupt habe sich noch persönlich um die Anliegen seiner Bürger gekümmert, erinnert sich Ahmed. "Vielleicht bräuchten wir eine Revolution wie die Tunesier", sagt er. "Aber das bekommen wir nicht hin - nicht, solange uns Qat wichtiger ist als Politik."

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Seite 1
Montanabear 03.02.2011
1. Tag des Zorns in Sanaa
Zitat von sysopAuch in Sanaa gab es einen "Tag des Zorns": Zehntausende Jemeniter haben lautstark gegen Präsident Saleh demonstriert - doch die Proteste blieben friedlich. Selbst die Gegner des Autokraten fürchten, dass der fragile Staat ohne starke Führung vollends ins Chaos stürzt und zerbricht. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,743428,00.html
Und warum fürchten selbst die Gegner von Mubark nicht dasselbe für Aegypten ? War Saleh so viel menschenfreundlicher als Mubarrak ? Und es müsste doch einem Jeden irgendwe auffallen, wie erstaunlich die Zeitgleichheit ist.
caecilia_metella 03.02.2011
2. Unbotmäßige Kritik?
Das kann man glatt mit "Majestätsbeleidigung" übersetzen. Hier ergibt sich nur die Frage, wofür Majestät vergöttert werden will.
shokaku 03.02.2011
3. Hier könnte ein Titel stehen
Zitat von MontanabearUnd warum fürchten selbst die Gegner von Mubark nicht dasselbe für Aegypten ? War Saleh so viel menschenfreundlicher als Mubarrak ? Und es müsste doch einem Jeden irgendwe auffallen, wie erstaunlich die Zeitgleichheit ist.
Der Jemen war zur Zeit des kalten Krieges auch ein gespaltenes Land, ähnlich wie Deutschland. Das wirkt wohl noch nach.
bildhasser 03.02.2011
4. Berechtigte Ängste vor einem Zerfall
Das Quat-Kauen beruhigt und macht friedlich. Wie man sieht, schafft es diese jemenitische Volksdroge, dass sich selbst die "Tage des Zorns“ in einem einzigen Vormittag erschöpfen. Ich hoffe, dass das Quat den Jemen davor bewahren wird, dass es zu zu einer Revolution wie in Tunesien und Ägypten kommt. “Hoffen“ deshalb, weil nach einem plötzlichen Sturz der Regierung möglicherweise über Jahre hinweg bürgerkriegsähnliche Zustände herrschen würden. Die Stämme auf dem Lande würden wieder wie früher einander bekämpfen, um Wasser, um Blutrache, um Ölfelder und Gaspipelines und um alte Feindschaften auszufechten. Der bis 1989 relativ aufgeschlossen gewesene, ehemals kommunistische Südjemen würde wahrscheinlich erneut versuchen, sich vom ungeliebten, strenggläubigen Nordjemen abzuspalten. Eine Gaspipeline, die Gas vom Norden zu einem neu gebauten Gasterminal an die Küste des ehemaligen Südjemen transportiert und dem Land wenigstens eine kleine Perspektive auf wirtschaftliche Verbesserungen verschafft, käme zum erliegen. Für die vielen rechtschaffenen und tiefgläubigen Muslims im ehemaligen Nordjemen, die eigentlich einfach nur in Ruhe leben und ihr Quat kauen möchten, würde der Lebensstandard noch tiefer sinken, als er derzeit schon ist. Selbst in den größeren Städten wären die wenigen Errungenschaften wie Strom- und Wasserversorgung, Schulen, Krankenhäuser, Polizei und Verwaltung wieder in Gefahr, wenn eine staatliche Verteilung der Steuereinnahmen ausbleibt. Ziehmlich sicher würden Korruption, Misswirtschaft und Anarchie eher noch weiter zunehmen, als abnehmen. Somalia lässt grüßen. So sehr ich dem Jemen die Demokratie wünsche, wünsche ich ihm zugleich eine friedlichen und geregelten Übergang und zugleich, dass sie nicht so teuer erkauft werden muss, wie hier prognostiziert.
Crom 03.02.2011
5. ...
Zitat von MontanabearUnd warum fürchten selbst die Gegner von Mubark nicht dasselbe für Aegypten ? War Saleh so viel menschenfreundlicher als Mubarrak ? Und es müsste doch einem Jeden irgendwe auffallen, wie erstaunlich die Zeitgleichheit ist.
Eine Somalisierung ist in Ägypten nicht zu befürchten, im Jemen dagegen eher schon. In Jemen ist bereits heute die Zentralgewalt nicht stark, es gibt verschiedene Stämme, die sich schon jetzt gegenseitig bekriegen. Fällt der Präsident, würde der Jemen auseinanderbrechen wie Somalia. In Ägypten dagegen gibt es keine abfallenden Provinzen etc.
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