Von Hasnain Kazim, Islamabad
Die Proteste in Pakistan gegen die Regierung dauern an. Tausende Menschen haben vor dem Parlamentsgebäude campiert, viele haben die Nacht nur in Decken gehüllt bei fünf Grad in Pakistans Hauptstadt Islamabad verbracht. Am Mittwochmittag hielt der selbsternannte Revolutionsführer Muhammad Tahir-ul-Qadri seine dritte, rund drei Stunden dauernde Rede vor den Menschenmassen.
"Wenn diese Diebe nicht in Pakistan regiert hätten, würde heute jedes Kind in Pakistan ein Lächeln auf dem Gesicht haben!", rief Tahir-ul-Qadri seinen Anhängern zu. "Heute oder morgen wird diese Regierung aufgelöst", versprach der 61-Jährige. "Diese Diebe, Räuber und Gangster werden in den kommenden zwei Tagen davonlaufen." Die Regierung habe "keine moralische Autorität" mehr. An die Regierenden gerichtet, sagte er: "In Gottes Namen, lasst die Menschen in Frieden. Eure Zeit ist vorbei, geht jetzt!"
Beamte und angestellte Staatsbedienstete forderte er auf, offiziellen Anordnungen von Vorgesetzten nicht mehr Folge zu leisten. Gezielt sprach er die Mitarbeiter der Medienaufsichtsbehörde an, weil angeblich die Ausstrahlung seiner Reden im Fernsehen durch die Regierung behindert worden sei. Faktisch gebe es schon jetzt keine Regierung in Pakistan mehr, sie existiere nur noch "im Fernsehen und in Pressemitteilungen".
Vor Neuwahlen innerhalb von 90 Tagen müsse eine Wahlrechtsreform durchgesetzt werden, die es Menschen, die Steuern hinterzogen haben, verbietet zu kandidieren, konkretisierte er seine zentrale Forderung. Auch die Wahlkommission, die eine Übergangsregierung bis zu den Neuwahlen bildet, müsse neu zusammengesetzt werden. Diese Reformen seien innerhalb von 30 Tagen möglich. Er selbst, betonte er, wolle nicht Mitglied einer Übergangsregierung sein.
Neuer Schub für Tahir-ul-Qadris Protest
Tahir-ul-Qadri hatte seinen "Langen Marsch" am Sonntag in der ostpakistanischen Metropole Lahore begonnen und war, gefolgt von mehreren zehntausend Menschen, in der Nacht von Montag auf Dienstag in Islamabad eingetroffen. Der Geistliche und Rechtsgelehrte war erst im Dezember von einem mehrjährigen Aufenthalt in Kanada in sein Heimatland Pakistan zurückgekehrt und innerhalb weniger Wochen von einem politischen Niemand zu einem Politikstar aufgestiegen, der eine "Revolution" in Pakistan will. Beobachter vermuten, dass das Militär ihn unterstützt und seine millionenschwere Kampagne erst ermöglicht hat.
Sein Festhalten an Wahlrechtsreformen begründete Tahir-ul-Qadri damit, dass andernfalls "dieselben korrupten Politiker an die Macht zurückkehren und Pakistan in den kommenden fünf Jahren zerstören werden", erklärte er. Als Beispiel dafür nannte er den Skandal um gefälschte Universitätsabschlüsse von Parlamentariern im vergangenen Jahr. Unzureichende gesetzliche Änderungen hätten damals nur dazu geführt, "dass disqualifizierte Abgeordnete innerhalb von drei Monaten wieder im Parlament waren".
Am Dienstag hatte seine Bewegung, die an Fahrt zu verlieren drohte, neuen Schub bekommen, als mitten in seine Rede die Nachricht platzte, dass der Oberste Gerichtshof die Festnahme von Regierungschef Raja Pervez Ashraf wegen Korruptionsvorwürfen angeordnet hatte. "Kein anderes Land in der Welt hat einen Premierminister, dem eine Verhaftung wegen Korruption droht", unterstrich Tahir-ul-Qadri seine Kritik an den Herrschenden.
Ein Wechsel zu einem "wirklich demokratischen System" sei möglich, wenn die Entschlossenheit der Menschen nicht nachlasse, motivierte er seine Anhänger, die Demonstration nicht zu verlassen. "Wenn ihr jetzt aufgebt, wird es nie einen Wandel geben." Sollte die Regierung zurücktreten, aber keine Reform des Wahlrechts zulassen, werde er seinen Protest fortsetzen und notfalls auch sein Leben opfern. "Unsere Brust ist bereit, von Kugeln getroffen zu werden", sagte er pathetisch, während er selbst in einer schusssicheren Kabine saß.
Prominente Unterstützung von Ex-Cricket-Star Imran Khan
Kritik, die Anordnung zur Festnahme des Premierministers sei zwischen ihm und dem Obersten Gerichtshof abgesprochen, sei eine "Lüge". "Ich wusste nicht einmal, dass der Fall gestern angehört wurde." Wer behaupten würde, er stecke mit den Richtern unter einer Decke oder werde heimlich vom Militär unterstützt, sage die Unwahrheit. "Status quo must go", rief Tahir-ul-Qadri, und die Menschen auf der Straße wiederholten das minutenlang.
Unterstützung erhielt er am Mittwoch vom ehemaligen Cricket-Star und Politiker Imran Khan, der ebenfalls gegen Korruption kämpft und Neuwahlen fordert. Tahir-ul-Qadri hatte Khan zuvor aufgefordert, seinen "Langen Marsch" und die "Revolution" zu unterstützen. Er wisse, dass Khan "nicht zur Riege der Korrupten" gehöre, hatte Tahir-ul-Qadri gesagt. "Ich zähle sie zu denen, die in der Lage sind, Veränderungen in Pakistan zu bewirken."
Khan erklärte, er unterstütze die Forderung, dass sofort eine Übergangsregierung die Geschäfte übernehme und dass ein Wahltermin festgelegt werde. Im Gegensatz zu Tahir-ul-Qadri glaube er aber, dass echte Veränderungen nur durch die Wahlurne kommen könnten, nicht von der Straße, sagte Khan. Seine Partei PTI halte sich noch im Hintergrund und beobachte die Lage, die sich "sehr verschlechtern könnte". Aber auch er befürchte, dass dieselben korrupten Politiker sich wieder in ihre Ämter "kaufen" würden. "Ich gratuliere allen Menschen, die jetzt Änderungen verlangen", sagte er. Am Abend ließ er über einen Sprecher verbreiten, er werde sich dem Protest nicht anschließen, weil der undemokratisch sei.
Befürchtungen, er wolle als Geistlicher einen Gottesstaat errichten, wies Tahir-ul-Qadri zurück. Unter anderem sagte er, er lehne es ab, dass Nicht-Muslime ständig als Minderheiten bezeichnet würden. "Sie sind gleichberechtigte Bürger von Pakistan." An die westlichen Beobachter gerichtet, erklärte er, er habe seine Karriere als Anwalt begonnen und habe auch an vielen westlichen Universitäten gelehrt, unter anderem in London und Washington. "Ihr habt es jetzt nicht mit einem Mullah zu tun, sondern mit einem Juraprofessor", sagte er auf Englisch in seiner ansonsten auf Urdu gehaltenen Rede.
Die Taliban, die die moderate Barelvi-Denkschule, der Tahir-ul-Qadri angehört, ablehnen, kritisierten den Anführer der Proteste. "Wir verlieren allmählich die Geduld mit Qadri", schrieben sie in einer SMS. "Wir erwarten, dass dieses inszenierte Drama endlich aufhört."
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