Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.

Tahrir-Platz: Ägyptisches Militär droht Demonstranten mit Gewalt

Mubarak ist gestürzt, doch Ägypten kommt nicht zur Ruhe. Im Zentrum steht wieder der Tahrir-Platz im Herzen Kairos - Tausende demonstrieren hier erneut gegen den regierenden Militärrat. Doch dieses Mal hält sich die Armee nicht zurück und kündigte an, die Proteste notfalls "mit Gewalt" aufzulösen.

Der Tahrir-Platz am Samstag: Demonstrationen gegen das harte Vorgehen der Armee Zur Großansicht
AP

Der Tahrir-Platz am Samstag: Demonstrationen gegen das harte Vorgehen der Armee

Kairo - Hier schliefen, froren, kämpften und demonstrierten Tausende Ägypter und machten damit das Unmögliche möglich: Der Tahrir-Platz im Zentrum der ägyptischen Hauptstadt Kairo steht für den vom ägyptischen Volk erreichten Rücktritt des jahrzehntelangen Machthabers Husni Mubarak. Und er steht für eine fast friedliche, unblutige Revolution - griff doch das Militär nicht ein, sondern verhielt sich neutral und stellte sich am Ende sogar auf die Seite der Demonstranten.

Jetzt, knapp zwei Monate nach Mubaraks Rücktritt, stehen die Ägypter wieder auf dem Tahrir-Platz - aus Protest gegen den regierenden Militärrat, der bis zu den angekündigten Wahlen im Herbst die Macht übernommen hat. Tausende kamen am Samstag zusammen und forderten den Chef des Militärrates, Feldmarschall Mohammed Hussein Tantawi, zum Rücktritt auf. Tantawi sei ein treuer Gefolgsmann Mubaraks und könne deshalb nicht die neue Führung Ägyptens repräsentieren, sagen sie. Sie fordern einen echten Bruch mit dem Mubarak-Regime.

Doch dieses Mal will sich die Armee offenbar anders verhalten: Der Militärrat kündigte am Samstag an, notfalls auch Gewalt gegen die Demonstranten anzuwenden, um den Tahrir-Platz zu räumen und das Leben wieder in die "normalen Bahnen zu lenken".

Nachdem mehrere hundert Oppositionelle nach einer friedlichen Großkundgebung am Freitag den Ort nicht verlassen wollten, kam es bereits im Laufe Nacht und in den Morgenstunden auf dem Tahrir-Platz zu gewaltsamen Zusammenstößen von Demonstranten mit Militär und Polizei. Laut Augenzeugen gab es vier Tote und viele Verletzte. Nach Informationen aus einem Kairoer Krankenhaus starben nach den Demonstrationen vom Freitag zwei Männer an Schusswunden, insgesamt seien 15 Leute mit Schussverletzungen eingeliefert worden. Die Armee beteuerte, sie habe keine scharfe Munition eingesetzt, als sie versuchte, die Demonstration aufzulösen. Die Soldaten hätten nur mit Platzpatronen in die Luft geschossen.

Maschinengewehr-Salven morgens um halb drei

Die Demonstration am Freitag war die größte seit dem Sturz von Mubarak. Mehrere Zehntausende forderten einen sofortigen Prozess gegen Mubarak und die alte Machtelite. Das Militär solle entschiedener gegen die wegen Korruption, Amtsmissbrauch und Verbrechen beschuldigten Ex-Ministern und Entscheidungsträger vorgehen.

Das Militär begann kurz nach der verhängten Ausgangssperre, die Demonstranten mit Warnschüssen zu vertreiben. Bis in den Morgen spitzen sich die Zusammenstöße dann weiter zu. Schon um Mitternacht meldeten Demonstranten besorgt per Twitter, dass sich Militär und Polizei in einer dem Tahrir-Platz nahen Straßen sammelten. Gegen 2 Uhr umzingelte das Militär den Platz und versuchte die Demonstrationen aufzulösen.

Laut Anwohnern begann das Militär ab 2.30 Uhr mit minutenlangen Maschinengewehr-Salven, um die Menge auseinanderzutreiben. Dabei wurden auch Personen verletzt. Ob es sich dabei um absichtliche Schüsse handelte, lässt sich nicht mit Sicherheit sagen. In den umliegenden Straßen sammelten sich immer wieder Demonstranten in kleinen Gruppen. Militärische Einheiten zerstreuten die Ansammlungen auch hier mit Gewehrschüssen. Nach Angaben der Demonstranten starben angeblich auch Kinder sowie ein Offizier.

Rund eine halbe Stunde nach dem Beginn des Angriffs schlossen sich Polizeikräfte dem Militär an. Laut den Demonstranten seien diese besonders brutal vorgegangen. Es entwickelten sich Straßenschlachten, in denen Steine geworfen und Fahrzeuge angezündet wurden. Demonstranten berichteten, dass sie geschlagen und beschimpft wurden. Die Kämpfe dauerten an, bis sich Militär und Polizei um circa 5.30 Uhr zurückzogen.

Ägyptisches Museum wegen der Unruhen geschlossen

Wegen der neuen Unruhen ist am Samstag das Ägyptische Museum in Kairo auf unbestimmte Zeit geschlossen worden. Das Haus mit seiner einzigartigen Sammlung altägyptischer Mumien und Kunstwerke liegt am Tahrir-Platz. Die Schließung stelle eine "Vorsichtsmaßnahme" dar, sagte Altertümer-Minister Zahi Hawass.

Das Museum wurde bei den Ausschreitungen nicht in Mitleidenschaft gezogen, obwohl gegen das dort postierte Militär Steine flogen. Während der Unruhen im Januar und Februar war ins Ägyptische Museum eingebrochen worden. 54 antike Kunstwerke waren gestohlen worden, darunter zwei vergoldete hölzerne Statuen des Pharaos Tutanchamun.

Unterstützer des Militärs beschuldigten am Samstag die Demonstranten, die nächtliche Ausgangssperre von 2 bis 5 Uhr ignoriert und so ein militärisches Einschreiten provoziert zu haben. Die Demonstranten halten dagegen: "Es sind die gleichen Methoden wie am 28. Januar", sagt ein Mann. Damals reagierte das Mubarak-Regime auf die noch jungen Proteste ebenfalls mit Waffengewalt und stiftete Kameltreiber an, durch die Massen zu reiten. Auch jetzt, so argwöhnen Demonstranten auf Twitter, sei die Gewalt-Eskalation von oben inszeniert. Viele der Protestierer, die erst nach Mitternacht gekommen waren, seien bestellte Aufrührer.

Ein ranghoher Offizier machte dagegen Anhänger des früheren Machthabers Mubarak für die jüngsten Unruhen verantwortlich. In einem Zugeständnis an die Forderungen der Demonstranten kündigte der Rat dem staatlichen Fernsehen zufolge jedoch gleichzeitig an, einige von Mubarak ernannte Provinzgouverneure auszutauschen.

Trotzdem strömten auch am Samstag wieder Tausende Menschen auf den Tahrir-Platz.

Von Marc Röhlig und Christoph Borgans, mit Material von dpa und Reuters

Diesen Artikel...
Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 9 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1. dr titel
psypunk 09.04.2011
Zitat von sysopMubarak ist gestürzt, doch Ägypten kommt nicht zur Ruhe. Im Zentrum steht erneut der Tahrir-Platz im Herzen Kairos - Tausende demonstrieren hier*erneut gegen den regierenden Militärrat. Doch dieses Mal hält sich die Armee nicht zurück und kündigte an, die Proteste notfalls "mit Gewalt" aufzulösen. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,756078,00.html
das musste man leider erwarten, denn die reichen und mächtigen, werden sich nicht so einfach ihre pfründe nehmen lassen, und das militär, immerhin prominenter und stützender teil des "gestürzten" systems, taugt nun einmal nicht für eine friedliche revolution.
2. Militärdiktatur
rabenkrähe 09.04.2011
Zitat von sysopMubarak ist gestürzt, doch Ägypten kommt nicht zur Ruhe. Im Zentrum steht erneut der Tahrir-Platz im Herzen Kairos - Tausende demonstrieren hier*erneut gegen den regierenden Militärrat. Doch dieses Mal hält sich die Armee nicht zurück und kündigte an, die Proteste notfalls "mit Gewalt" aufzulösen. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,756078,00.html
...... Ägypten ist zu einer MIlitär-Diktatur von US-Gnaden geworden. Es brauchen nur die Stunden und Tage gezählt werden, bis es dort wieder richtig rund geht. Einzig Mubarak ist weg, die Situation der Einwohner ist eher noch angespannter geworden, weil ja Einnahmen fehlen. Das ist, fürwahr, ein Pulverfaß. rabenkrähe
3. So was
Wolfes74 09.04.2011
Sowas kommt von sowas. Da hat wohl das Revolutionskomitee der Ägypter nicht aufgepasst. Lediglich das Gesicht (Mubarak)des alten Regimes wurde entfernt aber am Regime ändert sich dadurch noch lange nichts. Man kann nun mal keine Revolution umsetzen wenn man den Grossteil des alten Machtgefüges inkl. Personal in ihren Positionen belässt und desweiteren die Eigentumsverhältnisse nicht neu anpasst. Naja das Ende der Welt ist noch nicht unmittelbar absehbar - Zeit für einen Neuversuch ist genug. Viel Glück!!!
4. Ist die Menschheit zur mehr als Gleichgültigkeit fähig?
Demokrator2007 09.04.2011
Zitat von rabenkrähe...... Ägypten ist zu einer MIlitär-Diktatur von US-Gnaden geworden. Es brauchen nur die Stunden und Tage gezählt werden, bis es dort wieder richtig rund geht. Einzig Mubarak ist weg, die Situation der Einwohner ist eher noch angespannter geworden, weil ja Einnahmen fehlen. Das ist, fürwahr, ein Pulverfaß. rabenkrähe
Das dumme an der Sache ist , das auch in Ländern wo keine Interventionen von Außen erfolgt sich Gegner irgendwann abschlachten, aus welche Gründen auch immer. Wenn ich mir mal als Beispiel vorstelle ich hätte ein Aquarium in dem sich fast alle Fische gegenseitig jagen und fressen, würde ich das Aquarium über kurz oder lang abschaffen. Vielleicht ist Gleichgültigkeit ja doch die einzige Überlebensstrategie für die Menschheit. Ciao DerDemokrator
5. Wieder und wieder
hamoukshah 09.04.2011
Zitat von sysopMubarak ist gestürzt, doch Ägypten kommt nicht zur Ruhe. Im Zentrum steht erneut der Tahrir-Platz im Herzen Kairos - Tausende demonstrieren hier*erneut gegen den regierenden Militärrat. Doch dieses Mal hält sich die Armee nicht zurück und kündigte an, die Proteste notfalls "mit Gewalt" aufzulösen. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,756078,00.html
Nun wollen Verschwoerungstheoretiker erneut die Staatssicherheitsbeamter und die Mitglieder der Nationalen Demokratischen Partei fuer alles verantwortlich machen. Sie sollen die Konterrevolution inszeniert haben und gegen die "legitime" Armeefuehrung agieren. Suendenboecke wurden sie gemacht und hauptwahrscheinlich wurden auch brutal geopfert. Niemand fordert Justiz, nur blinde Vergeltung. Und wie ueblich ignoriert SPON die juengsten erschreckenden Nachrichten. Darunter sind der Rueckkehr 3000 aegyptische Militanten aus Somalien, Tschetschenien, Albanien, Bosnien und Pakistan. Die wiederholten Angriffe der Islamisten auf Christen und Liberalen. Der Sitzstreik vor der israelischen Botschaft und die Verbrennung der israelischen Flagge. Die Gesetzlosigkeit der Sinai, was auch ungeheure Liferungen von Waffen an die Hamas bedeutet. Hurra fuer Deomkratie. Versteht mir aber auch nicht falsch. Ich rufe nicht dazu auf, dass Mubarak wieder eingerichtet werden soll. Nur das. Erwartet nichts Grossartiges von den Aegyptern in den naechsten Jahren. Man bestreitet nun die Islamisierung des Staates nicht mehr. Es sei eine erledigte Angelegnheit, so die Fuehrung der Islamisten.
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    

© SPIEGEL ONLINE 2011
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH



Fläche: 1.009.450 km²

Bevölkerung: 85,783 Mio.

Hauptstadt: Kairo

Staatsoberhaupt:
Abdel Fattah el-Sisi

Regierungschef: Sherif Ismail

Mehr auf der Themenseite | Wikipedia | Ägypten-Reiseseite


Ägyptens Opposition
Muslimbruderschaft
Die konservative Bewegung wird von einem Kollektiv aus Gelehrten angeführt. Neben anderen tritt der 66-jährige Mohammed Badie häufig als Sprecher auf. Die Muslimbruderschaft ist die größte Oppositionsgruppe. Um Repressalien der Regierung zu vermeiden, hält sich die Bruderschaft in der Öffentlichkeit mit politischen Forderungen zurück. Die Regierung hat die Bewegung zwar offiziell verboten, erlaubt ihr aber begrenzte Aktivitäten.
Mohamed ElBaradei
Der frühere Chef der Uno-Atombehörde IAEA steht an der Spitze einer "Nationalen Koalition für den Wandel", der sich auch kleinere Gruppen angeschlossen haben. Der 68-jährige Jurist fordert ein Ende des autoritären Mubarak-Regimes. Der Friedensnobelpreisträger von 2005 bietet sich für eine Übergangsregierung an. Viele Oppositionelle kritisieren, dass ElBaradei die vergangenen Monate zu großen Teilen im Ausland verbracht hat.
Wafd-Partei
Die Partei gilt traditionell als Bastion der liberalen Demokraten im Land. Doch ihr wird vorgeworfen, in den vergangenen Jahren mit Mubaraks Regierung gemeinsame Sache gemacht zu haben. Wafd heißt übersetzt "Delegation". Zu ihren Anhängern zählen vor allem die koptischen Christen.

Tagammu-Partei
Tagammu heißt übersetzt "Sammlung". Die linksgerichtete Partei spielt eine ähnliche Rolle wie die Wafd-Partei. Sozialisten, Kommunisten und Nasseristen - Anhänger des arabischen Volkshelden Gamal Abdelnasser, der in den fünfziger und fechziger Jahren eine Art arabischen Sozialismus propagierte - sie alle finden sich in der Tagammu-Partei. Die verschiedenen Strömungen galten als zerstritten.
Bewegung 6. April
Diese Gruppe gilt als Sammelbecken der aufständischen Jugend. (Quelle: Reuters)
Kefaja
Die Kefaja-Bewegung wurde 2004 von Gewerkschaftschef George Ischak gegründet. Sie spricht insbesondere Geschäftsleute der Mittelklasse an und trat im Jahr 2005 bei Protesten gegen Mubaraks Herrschaft in Erscheinung.
Al-Ghad-Partei
Fast bedeutungslos ist die liberale Bewegung Al-Ghad-Partei (übersetzt: Morgengrauen) des Rechtsanwalts Aymar Nour. Er hatte Präsident Husni Mubarak 2005 medienwirksam herausgefordert und wanderte dafür anschließend für vier Jahre ins Gefängnis.

Der kompakte Nachrichtenüberblick am Morgen: aktuell und meinungsstark. Jeden Morgen (werktags) um 6 Uhr. Bestellen Sie direkt hier: