Taliban auf dem Vormarsch Amerikas Scheitern in Afghanistan

Frieden mit den afghanischen Taliban ist nicht in Sicht. Die US-geführte Mission war mehreren Studien zufolge ein Fehlschlag - auch wegen der archaischen Gesellschaft am Hindukusch.

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Ein Soldat der afghanischen Armee und ein Kämpfer der Taliban stehen plaudernd in der Provinz Ghazni im Süden Afghanistans vor einem Humvee. Der Taliban sagt: "Wir wollen nicht die afghanischen Soldaten bekämpfen, sondern die Ausländer." Der Regierungssoldat stimmt ihm zu: "Es ist eine ausländische Verschwörung, die uns Afghanen kämpfen lässt."

Diese Begegnung, die ein Mitarbeiter der International Crisis Group im Juni 2018 beobachtete, wirft ein Schlaglicht auf einen dramatischen Umbruch: 17 Jahre nach Beginn der von den USA angeführten Militärintervention in Afghanistan steht die Operation vor dem Scheitern. Noch befinden sich im Zuge der Nato-Mission "Resolute Support" 20.000 Soldaten am Hindukusch, mehr als die Hälfte davon Amerikaner. Doch Einfluss auf die Verhältnisse im Lande haben sie kaum noch.

Die USA und der von ihnen unterstützte afghanische Präsident Ashraf Ghani, ein ehemaliger US-Bürger, überraschten Anfang Juni mit einem einseitigen Waffenstillstand zum islamischen Opferfest. Zuvor hatte US-Präsident Donald Trump im August 2017 vorgeschlagen, eine "politische Lösung" in Afghanistan zu suchen, die auch "Teile der Taliban einschließen" solle.

Mit amerikanischem Rückhalt rief Präsident Ghani am 19. August erneut einen Waffenstillstand aus, für drei Monate. Noch ist die Waffenruhe brüchig, ein Abkommen mit den Taliban wird erst sondiert.

Wie Berichte der Nato, von US-Behörden und der renommierten International Crisis Gruppe jetzt zeigen, sind die Amerikaner mit ihrem Feldzug ähnlich erfolglos geblieben wie zuvor die Briten und die Sowjets. Alle waren getrieben von Selbstüberschätzung.

"Zu viel Geld" für Korrupte und Deserteure

Die Ursachen des Fiaskos wurden in einer Analyse des Speziellen Generalinspekteurs für den Wiederaufbau Afghanistans (SIGAR) zu Beginn dieses Jahres untersucht.

Die Kernthese: Die "großen Summen an Stabilisierungs-Dollars" hätten vor allem "Korruption ermöglicht". Dies habe "Konflikte verstärkt" und letztlich "die Aufständischen unterstützt". Die USA hätten, so das Fazit, "viel zu viel und viel zu schnell" Geld ausgegeben, das in den Kassen von Clans verschwunden sei.

Durch diese Missstände wurde der Hass der Armen genährt - Wasser auf die Mühlen der Taliban. Als Folge verlor die afghanische Regierung die Kontrolle über nahezu die Hälfte des Landes, darunter die Provinz Helmand im Süden.

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Vor einem "Trend zur Verschlechterung der Sicherheitslage" hatte die International Crisis Group bereits im Juni 2014 gewarnt. Ihr Dossier analysierte die von den Amerikanern subventionierten afghanischen Sicherheitskräfte: Mit brutalem Vorgehen, Entführungen und Folterungen, so der Bericht, trieben sie den Taliban neue Kämpfer zu, meist aus dem Heer der afghanischen Arbeitslosen.

Rekordwachstum bei Opium

Nach einer Studie des Verteidigungs- und Sicherheitsausschusses des Nato-Parlaments vom April sind die afghanische Armee und Polizei gegen den Vormarsch der Taliban kaum mehr abwehrbereit. Die Fluktuation beträgt jedes Jahr 25 bis 30 Prozent. "Schlechte Führung" habe massenhaft Deserteure hervorgebracht, heißt es in dem Bericht.

Desaströs ist das Ergebnis der USA-geführten Intervention auch beim Thema Drogenhandel: Nach dem jüngsten Bericht des für die Drogenbekämpfung zuständigen Büros der Vereinten Nationen UNODC ist die geschätzte Opiumproduktion in Afghanistan 2017 im Vergleich zum Vorjahr um 63 Prozent gestiegen, auf 9000 Tonnen. Die Ursache dafür sieht eine Studie der International Crisis Group in der "wuchernden Korruption auf der Staatsseite". So hätten "korrupte Regierungsbeamte und die staatsnahe Elite lange an der Opium-Wirtschaft teilgehabt".

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Afghanistan: Das Taliban-Dilemma des Westens

Die Taliban profilieren sich in dieser Lage in Aufrufen gegen ein "korruptes und ineffektives Regime" und als "Verteidiger von Religion und Heimatland". Sie präsentieren sich als Beschützer des Volkes gegen die "arroganten Amerikaner" und "ungläubigen Interventen". Rückhalt haben sie vor allem in der größten Volksgruppe des Landes, bei den Paschtunen. Das sind rund 40 Prozent der Bevölkerung.

Afghanistan als Gewaltlabor des Heiligen Krieges

Die Taliban erhalten Hilfe aus dem pakistanischen Geheimdienst und von Sponsoren aus Saudi-Arabien und Katar. Diese hatten schon zu Zeiten der sowjetischen Intervention 1979 bis 1989 Afghanistan zum Gewaltlabor des Heiligen Krieges gemacht.

Die Aufständischen gegen die fremden Besatzer bezogen ihre Energie damals wie heute aus dem archaischen Aufbau der afghanischen Gesellschaft. Dort sind Geistliche und Großgrundbesitzer die Wortführer von Millionen Analphabeten.

Als sich das Scheitern ihrer Intervention abzeichnete, gingen die Sowjets und ihre Schützlinge in Kabul ähnlich vor wie jetzt die Amerikaner: Sie suchten Waffenstillstände mit Aufständischen.

Genützt hat es ihnen nichts: Die letzten sowjetischen Truppen mussten im Februar 1989 abziehen.

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111ich111 09.09.2018
1. Archaische Gesellschaft
Archaische Gesellschaft am Hinukusch. Damit ist alles erklärt. Gesellschaften kann man nicht "zwingen" in der Neuzeit anzukommen. Weder mit Waffengewalt, noch mit missionarischen Mitteln. Eine Gesellschaft muss sich von selbst dort hin entwickeln (wollen). Und das dauert eben. Auch in Europa und der sog. westlichen Welt hat es Jahrhunderte gedauert. Der Westen glaubt immer noch, dass er anderen historisch gewachsenen Kulturen seine Wertevorstellungen überstülpen kann (haben die Kommunisten mit ihrem System auch geglaubt). Hat nie funktioniert und wird nie funktionieren.
mkummer 09.09.2018
2. Das läuft dann
nach dem bekannten Muster: nach dem unvermeidlichen Truppenabzug übernehmen die Taliban nach 17 Jahren wieder die Herrschaft und etablieren einmal mehr ihr Gewaltregime. Wer von den Gebildeten kann wird sein Heil in der Flucht suchen und ins Ausland gehen - geschätzt 1 bis 2 Mio. Und für das ganze haben viel zu viele Soldaten ihr Leben gelassen. Man kann halt niemand seine Werte aufzwingen, wobei der Westen diesbezüglich derzeit auch nicht besonders überzeugend ist.
noalk 09.09.2018
3. Alles ausländische Militär raus aus Afghanistan
Überlasst das Land und das Schicksal seiner eigenen Bevölkerung. Der Westen mit seiner menschenrechtsorientierten Politik hat keine Chance mehr, irgendwas in der Welt mit militärischen Mitteln zu verändern.
n.strohm 09.09.2018
4. Ich bin der
festen Meinung, dass man Kriege heutzutage nicht mehr gewinnen kann - so wie es vor hunderten Jahren noch möglich war -insbesondere dann wenn religiös fanatische Hintergründe eine Rolle spielen. Wenn sogar Russen in Afghanistan kläglich gescheitert sind, haben dann die USA tatsächlich geglaubt, dass es ihnen besser ergehen wird ? Religiös fanatische Kämpfer haben kein Interesse an Bildung und Wohlstand, der nicht durch ihren eigenen Fanatismus hervorgebracht wurde. Sie haben auch kein Interesse an einen Lebensstil, der von aussen erzwungen wird und der nicht zur eigenen Kultur passt. Nur Orientierungslosigkeit ausgelöst durch die eigene ausweglose wirtschaftliche Situation treibt Menschen in den Fanatismus. "Wer nichts hat, hat nichts mehr zu verlieren" wurde mal besungen, leider führt das nicht in die eigene Freiheit, sondern in die Abhängigkeit. Syrien wird das nächste Land, das niemals zur Ruhe kommen wird. Iran, Russen und Türken und die Nähe zu Israel - viel zu unterschiedliche Interessen. Der Iran und Venezuela sind weitere Länder wo es innenpolitisch noch spannender werden wird. Wir sollten uns da raus halten und es der eigenen Bevölkerung überlassen ein Einsehen zu haben.
ginamambo 09.09.2018
5. Wann endlich
wird von der Bundesregierung eingesehen, dass wir unsere Soldaten "sofort" abziehen müssen. Was hat der der Einsatz der BW in Afghanistan, außer toten deutschen Soldaten, gebracht, abgesehen von den wenigen Hilfsprojekten für einzelne Dörfer. Es ist sinnlos dieses archaische Land, ebenso wie Syrien, Irak, Libanon mit unseren westlichen demokratischen Werten befrieden bzw. einigen zu wollen. Wann wird dies endlich einmal eingesehen, diese Länder sind auf Grund ihrer versch. Religionen , Clanstrukturen, Korruption, nicht mit unserer westlichen Kultur zu vergleichen. Sie werden noch Jahrzehnte brauchen um in der Neuzeit an zu kommen wenn sie es denn überhaupt wollen. Aber hauptsächlich geht es hier um den Einfluss der USA, Russland um sich in diesen Regionen zu etablieren. Deutschland verschleudert Millionen welche wir in unserem Land besser verwenden könnten. Mein Gott, es ist so traurig wie unsere Politik reagiert.
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