Ein Kommentar von Christian Neef
Einer wie Gulbuddin Hekmatjar zum Beispiel muss im politischen Kabul künftig irgendwie verankert sein, auch wenn das für den Westen eine Selbstkasteiung wäre. Hekmatjar ist ein typischer Vertreter jener Elite, die in den sechziger Jahren die Kabuler Universität verließ, islamistische Parteien gründete und während der repressiven Herrschaft des Königs-Vetters Mohammed Daud 1974 nach Pakistan flüchtete - dieses Jahr definieren die Islamisten als Beginn des langen Bürgerkriegs. Nach dem Sturz Nadschibullahs gehörte Hekmatjar zu jenen, die Kabul in Schutt und Asche legten.
Hekmatjar lebt jetzt im Untergrund, aber seine Kämpfer gibt es noch, vor allem im Südosten. Er hat sich dieser Tage prompt zu Wort gemeldet, mit einer erstaunlich moderaten Position: Er sei offen für Friedensgespräche mit der afghanischen Regierung, teilte er mit. Aber natürlich müssten die ausländischen Truppen weg und neue Präsidentenwahlen stattfinden. Hekmatjars Worte hören sich an, als ginge er auf Distanz zur Taliban-Führung, die Karzais Versöhnungsprogramm Anfang der Woche in Bausch und Bogen verdammte: "Der Regierung wird es nicht gelingen, mit Hilfe von Geld die Taliban zu teilen und zu schwächen", hatte ihr Sprecher gesagt.
Hier zeigt sich, wie hilflos der Westen allein im Umgang mit dem Wort "Taliban" ist. Es ist ein Hilfsbegriff, den seine Politiker gern benutzen, weil es sie der Notwendigkeit enthebt, sich die Anti-Kabul-Front genauer anzusehen. Denn die ist in Wirklichkeit sehr heterogen. Hekmatjar zum Beispiel war nie Taliban, er wurde durch die radikalisierten Religionsstudenten 1996 sogar wieder aus dem Land vertrieben. Aber als 2001 die westliche Allianz in Afghanistan einmarschierte, gab es für alle, die sich bislang gegenseitig bekämpften, nur noch ein Ziel: die Ausländer wieder aus dem Land zu drängen. Dass Leute wie Hekmatjar (und später auch die Warlords der Nordallianz) unter Karzai keinerlei Einfluss erhielten, hat die jetzige katastrophale Sicherheitslage erst geschaffen.
Versöhnung also ist gut, die Frage ist nur: mit wem? Die eigentlichen Wortführer des Widerstands dabei auszuschließen, wie das deutsche Politiker so gern fordern, ist absurd.
Militärisch kann der Westen nichts mehr ausrichten
Der Vorschlag, die Regierungsmacht in Kabul offiziell zu teilen, ist übrigens nicht neu. Den haben 1989 schon die Russen gemacht. Damals flog Moskaus Außenminister Eduard Schewardnadse eigens ins pakistanische Islamabad, um eine Koalition zwischen den Kommunisten um Nadschibullah und den Mudschahidin zu schmieden. Die amerikanischen und pakistanischen Geheimdienste, CIA und ISI also, lehnten ab, sie wollten den Krieg gegen die Russen zu Ende bringen. Was Schewardnadse schwer verärgerte - so jedenfalls berichtet es der frühere Taliban-Botschafter Abdul Salam Saif in seinem Buch "Mein Leben mit den Taliban".
Bleibt noch die Frage, was sich für den Westen aus der neuen "Aussöhnungspolitik" ergibt.
Erstens: Es ist klar, dass er militärisch in Afghanistan nichts mehr bewegen kann, jede Truppenaufstockung ist damit sinnlos. Mit der neuen Taliban-Strategie siegt der gesunde Menschenverstand, das Land wird den Afghanen zurückgegeben. Der Westen kann diesen Prozess nur noch begleitend sichern - sollte aber tatsächlich nicht Hals über Kopf abziehen, weil dann erneut ein Bürgerkrieg mit all seinen blutigen Abrechnungen beginnt. Ein Krieg, in dem übrigens vermutlich nicht die Taliban siegen.
Zweitens: Wenn der Westen eines Tages doch abziehen wird - und es gibt in Afghanistan dann noch immer nicht flächendeckend Mädchenschulen, wie wir uns das in unserer Naivität so dringend wünschen, und die Frauen in Masar-i-Scharif oder Kandahar tragen immer noch die Burka - dann ist das kein Drama. Schon einmal wurde der Schleierzwang aufgehoben und das Schulsystem liberalisiert. Das war während der großen Reformen Anfang der sechziger Jahre. Aber diese Reformen scheiterten - was nur belegt, dass Afghanistan mit einer stürmischen Modernisierung schnell überfordert ist.
Denn die Taliban sind nicht die einzigen Konservativen in Afghanistan.
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