Taliban-Offensive in Afghanistan Der Albtraum von Ghazni

Die Taliban sind in Ghazni einmarschiert - eine Großstadt nur rund hundert Kilometer vor Kabul. Die Offensive offenbart das Versagen der afghanischen Regierung, die Nato spricht von einem Desaster.

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Eigentlich hätten alle gewarnt sein müssen: die afghanische Armee, die Nato-Mission "Resolute Support" und das US-Militär. Seit dem Frühjahr hatten die Taliban immer größere Teile der Provinz Ghazni unter ihre Kontrolle gebracht. Die Provinz liegt strategisch wichtig zwischen Kabul und Kandahar, ist ungefähr so groß wie Mecklenburg-Vorpommern und ähnlich dünn besiedelt.

Zuletzt waren die Taliban bis in Vororte der Provinzhauptstadt Ghazni vorgerückt, sie errichteten Straßensperren, erpressten Schutzgeld, erschossen Politiker und Staatsbeamte. Trotzdem traf der Vorstoß von rund tausend Talibankämpfern die 270.000-Einwohnerstadt am Freitag völlig unvorbereitet. Die Islamisten griffen Regierungsgebäude und Polizeistationen an und eroberten den Großteil der Stadt.

Die Agentur zur Koordinierung humanitärer Hilfe (OCHA) sprach von mindestens hundert getöteten Zivilisten. Das Innenministerium in Kabul teilte mit, dassmehr als 70 Polizisten getötet worden seien. Zudem habe man mindestens 150 Talibankämpfer getötet.

"Aus dem Fall von Kunduz nichts gelernt"

Die Regierung in Kabul verbreitet unverdrossen Erfolgsmeldungen. Es sei gelungen, die Angreifer in die Randbezirke zurückzudrängen. Die vollständige Rückeroberung sei nur eine Frage der Zeit. Doch auch das ist offenbar Augenwischerei: Denn im Zuge ihrer Offensive haben die Islamisten über das Wochenende weitere Teile der Provinz erobert. Sie kontrollieren damit 16 von 18 Distrikten in Ghazni.

Selbst wenn die Regierungstruppen die Provinzhauptstadt wieder unter ihre Kontrolle bringen, sagt das wenig über die tatsächlichen Machtverhältnisse aus, denn der Einfluss des Provinzgouverneurs endet an der Stadtgrenze.

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Für die Nato-Kommandeure, die seit Jahren versuchen, die afghanische Armee mit Trainern und Ausrüstung im Wert von mehreren Milliarden Dollar schlagkräftiger zu machen, ist der Fall von Ghazni ein Albtraum. Ein hochrangiger Nato-General sprach am Dienstag von einem "Desaster" für die afghanische Armee. "Sie haben aus ähnlichen Vorfällen wie der zeitweiligen Eroberung von Kunduz im Norden des Lands offenbar nichts gelernt", klagte der Offizier.

Düstere Erinnerungen an Schlachten der Vergangenheit

Die Erinnerungen an Kunduz, den ehemaligen Standort eines Bundeswehrlagers, sind bitter. Ähnlich wie in Ghazni hatten die Taliban im Herbst 2015 die Kontrolle über die Provinzhauptstadt übernommen, hissten ihre weiße Fahne mit dem islamischen Glaubensbekenntnis in schwarzer Schrift. Die Armee flüchtete aus Kunduz, erst ein Großaufgebot aus Kabul, unterstützt von massiven Luftschlägen der US Air Force, konnte die Stadt nach Tagen heftiger Kämpfe wieder befreien. Damals schwor man sich, so etwas dürfe nie wieder vorkommen.

In den vergangenen Tagen mussten die Nato-Berater von ihrem Hauptquartier in Kabul dann quasi hilflos mitansehen, wie die Afghanen die Bedrohung von Ghazni durch die Taliban erst gar nicht mitbekamen, dann zu spät reagierten und selbst bei Routine-Operationen wie der Lieferung von Nachschub für die eingeschlossenen Einheiten am Wochenende kläglich versagten. Verzweifelt berichteten Polizisten aus Ghazni, sie würden von Kabul im Stich gelassen.

Offiziell übt sich die Nato noch in gut eingeübten Beschwichtigungen. Ein Sprecher der Mission "Resolute Support" sagte, die afghanische Regierung halte weiterhin wichtige strategische Punkte innerhalb der Stadt. Die Taliban hingegen würden sich in Wohngebieten einnisten und die Zivilbevölkerung als Schutzschild missbrauchen. Der Sprecher sagte aber auch, dass US-Spezialkräfte die Afghanen unterstützten. Das passiert nur, wenn die Lage sehr brenzlig ist.

Machtdemonstration der Taliban

Militärisch ist Ghazni ein neuralgischer Punkt für die Regierung in Kabul. Nur rund hundert Kilometer von der Hauptstadt Kabul entfernt, liegt die Stadt direkt an der sogenannten "Ring Road", diese verbindet die wichtigsten Städte in Afghanistan. Selbst wenn die Taliban Ghazni nicht halten können, zeigt der Sturm auf die Stadt laut Militärexperten, wie verwundbar auch die Hauptstadt ist. Dass afghanische Armee und Polizei den Aufmarsch der Taliban schlicht verschliefen, ist da kein gutes Zeichen.

Die Stärke der Taliban dämpft auch die Hoffnungen auf eine Friedenslösung für Afghanistan. Eine mehrtägige Waffenruhe zum Ende des Ramadans im Juni und Gespräche zwischen Taliban-Vertretern und US-Diplomaten in Katar und Usbekistan hatten leise Zuversicht geweckt, das Blutvergießen könne nach Jahrzehnten dauerhaft beendet werden.

Dass die Taliban überhaupt verhandeln wollen, gilt schon als Erfolg. Dass sie jedoch zu ernsthaften Zugeständnissen bereit sind, ist nach ihrer Machtdemonstration vom Wochenende noch ein bisschen unwahrscheinlicher geworden.

insgesamt 41 Beiträge
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realistano 15.08.2018
1. USA Strategie Doppelspiel
Entweder die USA drucken dien Augen zu , oder sogar kooperieren mit den Taliban. Begründung: laut Pentagon und CIA könnte USA mithilfe der Millitärischen Satteliten ein Objekt von der Größe eines Fußballs orten und selbstverständlich auch mit Drohnen vernichten. Aber die Taliban wie Sie hier in ihrem Artikel schreiben 1000 Kämpfer sammeln sich seit Monaten zusammen , um Ghazni zu attakieren, und kein US Spionage Sattelit hat diese Taliban Bewegung beobachtet , geschweige denn sie anzugreifen und im Keim ersticken. Die ISIS haben die USA in Irak und auch syrien aus der Luft vernichtet aber gegen den Taliban sind die plötzlich blin und sehen nichts. Die USA wollen die Taliban nicht bekämpfen und ich behaupte die US Strategie in Afghanistan ist was ganz anderes , als das was sie immer sagen.
mostly_harmless 15.08.2018
2.
Wie war das noch? Wir schieben wieder nach Afghanistan ab, weil dort Frieden herrscht? Da darf man wohl allen Parteien, die dorthin abschieben oder dafür sind, dorthin abzuschieben, zu so viel "Realitätssinn" gratulieren. Ich wäre ja dafür, dass von allen Parteien, die sowas tun, per Losverfahren ein paar Abgeordnete bestimmt werden, die in diesem ach so friedlichen Land Urlaub machen (müssen). 14 Tage Ghazni stärken unzweifelhaft den Kontakt dieser Abgeordneten zur Realität.
zehwa 15.08.2018
3. Es war ja mal ruhiger
Ein gut informierter und kluger Mann hat mal gesagt, dass die Interessen Deutschlands auch am Hindukusch verteidigt werden. Die Taliban-Offensive zwingt wieder Menschen in die Flucht, und die gleichen sauren Stimmen, die damals die teuren Auslandseinsätze beklagt haben, beklagen jetzt die teuren Flüchtlinge.
nwz86 15.08.2018
4. Sind wir bereit?
"Die Taliban hingegen würden sich in Wohngebieten einnisten und die Zivilbevölkerung als Schutzschild missbrauchen." Das kann in einigen Jahren auch auf uns zukommen, es ist nur eine Frage der Zeit. Was haben wir dem entgegenzustellen? Eine kaputtreduzierte Bundeswehr, die sich in einer Art Kalter-Krieg-light Modus befindet und den Fall der Fälle durchspielt, dass fünf russische Panzer die Fuldalücke durchqueren. Die zukünftigen Auseinandersetzungen in Deutschland und Europa werden urban sein und gegen einen islamistischen Feind, der sich an keinerlei Regeln hält. Darauf sollten wir uns vorbereiten. Selbst eine hochgerüstete Polizei ist alleine personell schon nicht fähig, eine solche eskalierende Lage zu bewältigen.
realistano 15.08.2018
5. gleicher Muster
Es ist immer das gleiche Muster. Taliban sammelt Kämpfer zusammen , um eine Großstadt wie Kunduz Farah oder nun Ghazni anzugreifen, die Nato und afghanische Regierung wissen Bescheid, weder NATO USA Airforce greifen die Taliban im Vorfeld präventiv an ,noch die afghanische Regierung tut was. Erst wenn die Taliban eine Stadt angegriffen haben und alles vernichten, dann wird die US Airforce tätig und fliegt Angriffe gegen die Taliban und danach säubern sie gemeinsam die Stadt wieder vor Taliban. Ein wirklich seltsamer Strategie der USA. man wird den Eindruck nicht los, dass die USA zumindest die Angriffe der Taliban dulden und vielleicht willkommen heißen. Was will die USA mit diese Strategie erreichen ? Will die USA somit ihre Präsenz in der Regiion untermauern? Oder hat Pentagon noch andere Pläne?
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