Taliban-Justiz in Nordafghanistan Polizei rettet Frau vor Steinigung

Im Norden Afghanistans gilt nach dem Abzug der Bundeswehr wieder die brutale Justiz der Taliban. In Kunduz hat die Polizei die Steinigung einer fünffachen Mutter gerade noch verhindert.

Afghanistan: Rechte der Frauen bei Abzug der Soldaten in Gefahr
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Afghanistan: Rechte der Frauen bei Abzug der Soldaten in Gefahr

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Berlin/Kabul - Der Einsatz der Polizei in der nordafghanischen Provinzhauptstadt Kunduz erfolgte in letzter Minute. Zusammengekauert und verängstigt fanden die Beamten am Montag eine junge Frau in einer blauen Burka hinter einer verriegelten Tür in einem Gehöft nur eine halbe Stunde vom Stadtzentrum. "Die Frau wartete in dem Verlies auf ihren Tod", sagte einer der Polizisten aus Kunduz. "Zuerst dachte sie, wir seien gekommen, um ihr Urteil zu vollstrecken."

Was sich zuvor im Distrikt Dasht-i-Archi abgespielt hat, zeigt, wie heikel die Lage in Nordafghanistan nach dem Abzug der deutschen Soldaten ist. Nach Angaben der Polizei hatte ein Taliban-Gericht die Mutter von fünf Kindern standrechtlich zum Tode verurteilt; schon bald sollte sie öffentlich gesteinigt werden. Als Beweis genügte den Richtern, dass ihr Ehemann angab, sie habe eine Beziehung mit einem anderen gehabt.

Die brutale Justiz der Taliban greift nach dem Abzug der Bundeswehr immer mehr um sich. Vor einigen Wochen sorgte die öffentliche Hinrichtung eines jungen Paares im südlich von Kunduz gelegenen Baghlan für Aufsehen, das ebenfalls von einem Taliban-Gericht wegen einer angeblich unsittlichen Beziehung verurteilt worden war. Westliche Medien berichten über diese Fälle meist nur, wenn einer der Anwohner die Steinigungen heimlich mit der Handy-Kamera filmt.

In dem aktuellen Fall wagte es die Familie, die Polizei zu alarmieren. "Die Taliban bereiteten die Steinigung draußen vor dem Gehöft schon vor, als wir ankamen", sagte ein Sprecher der Polizei: "Die Kämpfer konnten flüchten." Dorfbewohner berichteten später, der Mann der jungen Mutter sei ein gefürchteter Taliban-Kommandeur, der eine andere Frau heiraten und die Mutter seiner Kinder deswegen loswerden wollte.

Menschenrechtler warnen seit Jahren, dass sich die Lage der Frauen in Afghanistan mit dem schrittweisen Rückzug der Nato-Truppen bis Ende 2014 verschlechtern werde. Erst diese Woche stellte die Uno einen Bericht über die mangelnde Verfolgung von Vergewaltigern und Ehemännern vor, die ihre Frauen misshandeln. Nur die wenigsten von ihnen kommen vor Gericht, stattdessen werden viele Opfer als angebliche Ehebrecherinnen verurteilt oder gesellschaftlich geächtet.

Human Rights Watch fordert Stopp der Hilfsgelder

"Mit dem Rückzug der Truppen steigt das Risiko, dass alle kleinen Fortschritte bei den Frauenrechten in den nächsten Monaten wieder erodieren. Es gibt schon alarmierende Zeichen dafür", sagte diese Woche Georgette Gagnon, die einen Uno-Bericht mitverfasst hat. Frauenaktivisten fügten hinzu, dass auch die Teilnahme am politischen Prozess in den letzten Monaten immer mehr eingeschränkt worden sei. So wurde die Zahl von Frauen im Parlament begrenzt.

Erst kürzlich war zudem bekannt geworden, dass es im Justizministerium Pläne gibt, die Steinigung wieder offiziell ins Gesetzbuch aufzunehmen. Ein durch die Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch öffentlich gemachter Entwurf sieht vor, "moralische Verbrechen" mit Steinigungen zu ahnden. Die Regierung betonte damals, es handele sich nur um Gedankenspiele. Gleichwohl gilt das Justizressort als Hort der religiösen Hardliner.

Human Richts Watch fordert wegen der gefährlichen Entwicklung immer wieder, dass die internationalen Geldgeber Afghanistan mit einem Ende der milliardenschweren Hilfsgelder drohen sollen. Nur so könne man die Regierung zum Handeln zwingen. Tatsächlich betont auch die Bundesregierung regelmäßig, die Zusagen von rund 430 Millionen Euro pro Jahr seien an gesellschaftliche und politische Reformen durch die Regierung Karzai gekoppelt. Konkret eingefordert aber werden diese allerdings kaum noch.

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