Offener Brief an Malala Yousafzai Taliban-Vertreter begründet Mordanschlag

Warum sollte Malala Yousafzai sterben? Die junge Pakistanerin entging nach einem Attentat der Taliban nur knapp dem Tod. Ein ranghoher Vertreter der radikalen Islamisten bedauert jetzt in einem offenen Brief den Anschlag - und rechtfertigt ihn dennoch.

REUTERS

Islamabad - Vier Seiten lang ist der Brief, verfasst in holprigem Englisch. Er ist ein Erklärungsversuch für eine unbegreifliche Tat: Ein hochrangiger Vertreter der pakistanischen Taliban (TTP) hat einen offenen Brief an Malala Yousafzai geschrieben. Ein TTP-Kämpfer hatte im Oktober 2012 der damals 15-Jährigen bei einem Attentat in den Kopf geschossen; die Schülerin überlebte schwer verletzt.

Der Angriff habe ihn schockiert, heißt es in dem Schreiben von Adnan Rashid, eines führenden TTP-Manns. Er wünsche sich, die Attacke wäre nie geschehen, oder er hätte das Mädchen vorher gewarnt. Eine Entschuldigung enthält das Schreiben jedoch nicht: Ob es richtig gewesen sei, sie zu attackieren, sei die Entscheidung Allahs, schreibt Rashid.

Er selbst war wegen eines Attentats auf Militärmachthaber Pervez Musharraf 2003 zum Tode verurteilt worden. Die TTP befreite ihn im vergangenen Jahr aus dem Gefängnis. Nun rechtfertigte er das Vorgehen der radikalen Islamisten: Die Schülerin habe eine Schmähkampagne gegen die Taliban unterstützt.

Die TTP kontrollierte zwischen 2008 und 2009 die Region Swat im Norden Pakistans, bis heute attackieren die Taliban dort regelmäßig Regierungstruppen und zivile Einrichtungen. Nach Angaben des pakistanischen Militärs haben sie auch Hunderte Schulen zerstört.

Rückkehr in "pakistanische Heimat"

Der Angriff auf Malala Yousafzai hatte weltweit Empörung ausgelöst. Die 15-jährige hatte für die BBC über das Leben unter der Herrschaft der Taliban gebloggt und unter anderem angeprangert, dass Mädchen das Recht verweigert werde, eine Schule zu besuchen. Am vergangenen Freitag, ihrem 16. Geburtstag, forderte sie bei den Vereinten Nationen in New York Schulbildung für alle Kinder auf der Welt.

Auch auf die neuerliche Ansprache geht Rashid in seinem Schreiben ein: "Taliban oder Mudschahidin sind nicht gegen die Bildung von Männern oder Frauen oder Mädchen." Grund des Anschlags sei gewesen, dass die Taliban Yousafzais Engagement als "Hetzkampagne" empfunden hätten. Die Taliban hätten nur Schulen angegriffen, die den pakistanischen Truppen als Versteck gedient hätten. Die Darstellung wird allerdings von pakistanischer Seite scharf bestritten.

Grundsätzlich würden die Taliban Bildung für Mädchen und Jungen unterstützen, heißt es in dem Schreiben weiter - so lange diese eine islamische Schule besuchen würden. Rashid forderte Malala auf, sie solle für den Besuch einer Mädchen-Madrasa von Großbritannien in ihre pakistanische Heimat zurückkehren. "Studiere und lerne das Buch Allahs, nutze deinen Stift für den Islam", schreibt der Taliban-Kämpfer an die Schülerin.

Den Angriff der Taliban auf sie verglich Rashid mit den Drohnen-Angriffen der USA auf PTT-Kämpfer: "Wenn du von Amerikanern in einem Drohnenangriff getötet worden wärst, hätte die Welt je etwas über deinen Zustand gehört?"

Der frühere britische Premier Gordon Brown, der jetzt die Vereinten Nationen als Repräsentant vertritt, kritisierte den Vorstoß Rashids: Es sei ihm unverständlich wie dieser einen solchen Brief schreiben könne. "Niemand wird ein Wort glauben, das die Taliban über die Rechte von Mädchen wie Malala sagen, so lange sie nicht aufhören, Schulen niederzubrennen und Schüler zu massakrieren."

usp/dpa/Reuters



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