Taliban-Kommandant: "Al-Qaida ist eine Plage, mit der uns der Himmel straft"

Sie kämpfen Seite an Seite gegen westliche Soldaten in Afghanistan, doch zwischen Taliban und al-Qaida gibt es offenbar schwere Spannungen. Jetzt kritisiert ein Taliban-Kommandant das Terrornetzwerk in einem Interview scharf - und bejubelt den Tod Osama Bin Ladens.

Taliban an der Grenze von Afghanistan und Pakistan: Probleme mit al-Qaida Zur Großansicht
AP

Taliban an der Grenze von Afghanistan und Pakistan: Probleme mit al-Qaida

Kabul - Mawlvi weiß, wovon er spricht. Er ist Kommandant und Veteran der Taliban, steht in direktem Kontakt mit der obersten Kommandoebene und hat als Häftling in Guantanamo gesessen. Nun hat er mit dem britischen Magazin "New Statesman" gesprochen - und liefert einen detaillierten Einblick in das schwierige Verhältnis zwischen den Taliban und al-Qaida.

Auch wenn beide Gruppen gern gleichgesetzt oder verwechselt werden, geht Mawlvi in dem Interview klar auf Distanz: "Al-Qaida ist eine Plage, mir der uns der Himmel straft. Ich schätze, dass 70 Prozent der Taliban gewaltige Wut auf al-Qaida verspüren."

Mawlvis Nachnamen nennt der "New Statesman" nicht, und auch bei dem Vornamen dürfte es sich um ein Pseudonym handeln. Unter dem Schutz der Anonymität jedoch holt der Talib zum Rundumschlag gegen al-Qaida aus. "Um ehrlich zu sein, war ich froh, als Osama Bin Laden getötet wurde. Er hat Afghanistan zerstört. Wenn er wirklich an den Heiligen Krieg geglaubt hätte, wäre er nach Saudi-Arabien gegangen. Stattdessen hat er unser Land kaputtgemacht."

Solche Töne gab es von einem Mitglied der Taliban-Führung wohl noch nicht zu hören. Qaida-Führer Bin Laden war im Mai 2011 von einer US-Spezialeinheit getötet worden.

Das Interview führte Michael Semple, ehemaliger Uno-Gesandter in Afghanistan und Kenner der Führungsstrukturen der Taliban. Er beschreibt Mawlvi als Vertreter des pragmatischen Flügels innerhalb der islamistischen Miliz.

Tatsächlich fällt dessen Einschätzung der Lage in Afghanistan nüchtern aus - und hat wenig gemein mit den Parolen der radikaleren Fraktion. "Ein Eingreifen Gottes wäre nötig, um den Taliban noch einen Sieg in diesem Konflikt zu schenken", so Mawlvi. Es sei nahezu unmöglich, die Hauptstadt Kabul zurückzuerobern. Das wüssten auch die anderen Führungskader - nur zugeben könne es natürlich niemand. "Das würde die Moral der Truppe untergraben", so der Kommandant.

Keine Verhandlungen wegen al-Qaida

Stattdessen müssten nun politische Lösungen gefunden werden. "Wenn wir es nicht schaffen, das Land zu erobern, müssen wir uns als politische Kraft etablieren", sagte Mawlvi dem "New Statesman". Das Problem auf diesem Weg: der Einfluss von al-Qaida. "Die Nato hat immer betont, dass sie mit den Taliban verhandeln will. Aber eben nicht, solange al-Qaida noch so viel zu sagen hat."

Es ist allerdings offen, wie viel Einfluss Pragmatiker wie Mawlvi tatsächlich auf die Ausrichtung der Taliban haben. Deren oberster Anführer Mullah Omar vertritt bisher einen radikaleren Kurs. Im Versteck Bin Ladens im pakistanischen Abbottabad fanden sich zudem deutliche Indizien für eine enge, einvernehmliche Kooperation zwischen Taliban und al-Qaida.

In einem Punkt sind sich Pragmatiker und Radikale jedoch einig: Afghanistans Präsident Hamid Karzai ist der falsche Mann an der Spitze des Landes. Mawlvi: "Es ergibt derzeit wenig Sinn, mit Kabul zu sprechen. Die wirkliche Autorität liegt bei den Amerikanern."

jok

Diesen Artikel...
  • Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.
  • Auf anderen Social Networks teilen

Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 31 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1.
Cotti 11.07.2012
Zitat von sysopAPSie kämpfen Seite an Seite gegen westliche Soldaten in Afghanistan, doch zwischen Taliban und al-Qaida gibt es offenbar schwere Spannungen. Jetzt kritisiert ein Taliban-Kommandant das Terrornetzwerk in einem Interview scharf - und bejubelt den Tod Osama Bin Ladens. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,843788,00.html
Das hat aber gedauert. Trotzdem ist es nicht ausgeschlossen, dass der von den USA aufgehetzte Westen nicht trotzdem in Afg. eingefallen wäre, auch wenn Osama die Anschläge auf das WTC nicht auf seine Kappe genommen hätte.
2. optional
moev 11.07.2012
---Zitat--- Es sei nahezu unmöglich, die Hauptstadt Kabul zurückzuerobern. Das wüssten auch die anderen Führungskader - nur zugeben könne es natürlich niemand. ---Zitatende--- Auch nach Abzug der westlichen Kampftruppen?
3. bitte um geschichtsbewußtsein
infopanter 11.07.2012
die religiösen kampfeinheiten sind kinder der cia, geschaffen um im kampf gegen die ehem. russ. besatzer den "religionsturbo" zu nutzen: rücksichtslos gegenüber den eigenen verlusten durch das parasiesversprechen beim tod im kampf. ich bin immer wieder über die historische verdrängungsleistung, auch der medien, verwundert...
4. Nicht gelesen
rumsfallera 11.07.2012
Aus Sicht der festgelegten Menschenrechte ist ein von Taliban geführter Staat ein ganz schlimmer Unrechtsstaat. Nur hatte man diesem Staat ihr teuflisches Wirken gelassen, ja wenn da dort nicht auch die Al-Qaiada wäre, die ja den Westen angreift. So gesehen, schon lästig für die Taliban...
5. Meinungen
Malshandir 11.07.2012
Es ist sicher so, dass Kabul nicht eroberbar ist, da auch die Bevoelkerung die Schnauze voll hat. Es ginge natuerlich auhc ein Status Quo mit Warlords, die als Provinzgouverneure ihren eigenen Kram machen. Mit Taliban waere sicher ein Waffenstillstand moeglich, denn es handelt sihc um eine Armee. Die Al-Quaida sind durchgeknallte Irre.
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik Politik
Twitter | RSS
alles aus der Rubrik Ausland
RSS
alles zum Thema Taliban
RSS

© SPIEGEL ONLINE 2012
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH



  • Drucken Senden
  • Nutzungsrechte Feedback
  • Kommentieren | 31 Kommentare

Fläche: 652.225 km²

Bevölkerung: 31,412 Mio.

Hauptstadt: Kabul

Staatsoberhaupt:
Ashraf Ghani Ahmadsai

Regierungschef: Abdullah Abdullah

Mehr auf der Themenseite | Wikipedia | Lexikon