Taliban-Offensive nahe Kunduz Herausfordern, hinrichten, herrschen

Die Gewalt im Süden des Bundeswehrstützpunkts Kunduz eskaliert. Taliban haben eine Polizeiwache attackiert, sechs Polizisten enthauptet - als Zeichen der neuen Stärke. Die Region Baghlan droht von den Radikalen überrannt zu werden, die westlichen Truppen schlagen mit Kommandoaktionen zurück.

Bundeswehrsoldaten nahe Kunduz: Wie sicher ist das deutsche Einsatzgebiet noch?
ddp

Bundeswehrsoldaten nahe Kunduz: Wie sicher ist das deutsche Einsatzgebiet noch?

Aus Kabul berichten und Shoib Najafizada


Kabul - Es war ein brutales Ritual und sollte die Macht der Taliban unter Beweis stellen: Extremisten haben am Dienstag sechs afghanische Polizisten enthauptet, nachdem sie stundenlang gegen lokale Sicherheitskräfte gekämpft und schließlich die Polizeiwache der Beamten eingenommen hatten.

Die Gewaltorgie ist ein neuer Höhepunkt der Kämpfe in der Region Baghlan, rund eine Autostunde südlich vom Bundeswehrstandort Kunduz in Nordafghanistan. Am Tag der Afghanistan-Konferenz mit ihren vielen Versprechungen von Präsident Karzai und ebenso zahlreichen Hoffnungsbekundungen der internationalen Gemeinschaft zeigt der Vorfall, wie bedrohlich die Lage in Afghanistan wirklich ist - und wie sehr die lokalen Sicherheitskräfte unter Druck stehen.

Die Sicherheitslage in der Region Baghlan ist prekär, mittlerweile nennen führende Offiziere der Schutztruppe Isaf sie in einem Atemzug mit Taliban-Hochburgen im Süden. Im April wurden Bundeswehrsoldaten während einer Operation nahe der Stadt Baghlan mit Panzerfäusten angegriffen - vier Deutsche starben. Erst kürzlich musste Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg einen Besuch deutscher Kampftruppen in Baghlan wegen laufender Gefechte mit Extremisten kurzfristig absagen.

Der in Deutschland oft zitierte Plan, im Norden schon bald ganze Landstriche an die afghanischen Sicherheitskräfte zu übergeben, wird in Baghlan nicht funktionieren.

"Brutale, barbarische, sinnlose Taten der Taliban"

Höhepunkt der heftigen Kämpfe in der Region war die Enthauptung der Polizisten. Die afghanische Regierung versuchte am Mittwoch, diese Vorkommnisse herunterzuspielen. Entweder waren die lokalen Provinzverantwortlichen nicht erreichbar, oder sie erklärten, dass sie von den brutalen Morden nichts gehört hätten. Die Isaf dagegen bestätigte die Enthauptungen und verurteilte sie aufs Schärfste. "Dieses Ereignis demonstriert erneut die brutalen, barbarischen und sinnlosen Taten der Taliban", sagte ein Sprecher der Schutztruppe in Kabul.

Am Dienstag meldeten die Taliban zudem, dass sie große Teile der Gegend Dana Ghori eingenommen und Polizei und Armee vertrieben hätten. Tatsächlich versuchten Dutzende Kämpfer, mehrere Polizeistationen und sogar das Haus des Gouverneurs zu erobern. Kurzfristig hieß es sogar, sie hätten den Politiker in ihrer Gewalt; dies bestätigte sich jedoch nicht.

Die Taliban haben in den vergangenen Wochen immer häufiger versucht, ganze Gebiete zu überrennen und unter ihre Kontrolle zu bringen. Trotz einer Großoperation der afghanischen Armee, an der auch Mitglieder der Schnellen Eingreiftruppe der Bundeswehr als Trainer beteiligt waren, gelingt es den Aufständischen immer wieder, Gebiete einzunehmen und Polizeiwachen zu stürmen. Ob bei den jüngsten heftigen Kämpfen auch Deutsche direkt oder indirekt beteiligt waren, war zunächst nicht zu erfahren.

Nächtliche Aktionen der US-Elitekämpfer

Erst am Sonntag waren bei der Operation vier Bundeswehrsoldaten durch einen versteckten Sprengsatz verletzt worden. Die Deutschen waren in einem Fahrzeug vom Typ "Wolf" unterwegs, das durch die Detonation schwer beschädigt wurde.

Ziel der aktuellen Operation der Isaf ist es, Landstriche von Taliban zu befreien und sie dann zu halten. Zumindest gelang es den Einheiten der afghanischen Nationalarmee mit dieser Taktik kurzzeitig, die Straße südlich von Kunduz wieder einigermaßen sicher zu machen. Nun aber scheinen die Taliban zurückzuschlagen. In den Bergen der Region haben sie ausreichend Verstecke und Waffenlager.

Etwas weiter nördlich, nahe Kunduz, setzten Spezialeinheiten der US-Armee in der vergangenen Nacht ihre Aktionen gegen die Taliban fort. In einem gezielten Zugriff nahmen sie einen Unterstützer der Aufständischen namens Maulawi Ghazi fest, fünf Kämpfer wurden getötet. Nach Angaben des Gouverneurs von Kunduz spielte der festgenommene Ghazi eine wichtige Rolle bei der Rekrutierung von Kämpfern und dem Eintreiben von Geld für Waffen und Sprengstoff. Außerdem wurden zwei weitere Aufständische festgesetzt.

US-Elitekämpfer sind in den vergangenen Wochen fast jede Nacht gegen Taliban ausgerückt, besonders im Unruheherd Chahar Darreh südwestlich des deutschen Feldlagers. Begleitet werden sie stets von speziell ausgebildeten Afghanen. Die amerikanischen Truppen nahmen Dutzende Kommandeure fest - und töteten mehrere Verdächtige durch gezielte Raketenangriffe auf Gehöfte in der Region.

insgesamt 155 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
unente, 21.07.2010
1. Taliban-Offensive nahe Kunduz: Herausfordern, hinrichten, herrschen
Das ist nur zur Demonstration der Stärke - später werden sie die "Polizisten" auffordern, dass sie den Taliban beitreten sollen - wie sollten die dieses unablehnbare Angebot wohl ablehen können?
DK81, 21.07.2010
2. verloren?
eigentlich schon seit Jahren abzusehen, wird es immer deutlicher: der Krieg in Afghanistan ist verloren.
mitwisser, 21.07.2010
3. Perspektiven braucht das Land
Zitat von sysopDie Gewalt im Süden des Bundeswehrstützpunkts Kunduz eskaliert. Taliban haben eine Polizeiwache attackiert, sechs Polizisten enthauptet - als Zeichen der neuen Stärke. Die Region Baghlan droht von den Radikalen überrannt zu werden, die westlichen Truppen schlagen mit Kommandoaktionen zurück. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,707683,00.html
[QUOTE=sysop;5902148]Die Gewalt im Süden des Bundeswehrstützpunkts Kunduz eskaliert. Taliban haben eine Polizeiwache attackiert, sechs Polizisten enthauptet - als Zeichen der neuen Stärke. Die Region Baghlan droht von den Radikalen überrannt zu werden, die westlichen Truppen schlagen mit Kommandoaktionen zurück. Was hat man eigentlich erwartet? Es wurde offensichtlich zu wenig für die Zivilbevölkerung getan. Die Verluste durch friendly fire wurden immer mehr. Das Geld versickert in einem korrupten Land. Eine Strategie war nie ersichtlich. Verlierer sind - bislang - die normalen Zivilisten. Man könnte meinen, das ist nun einmal das Ergebnis, wenn Schreibtischtäter "Krieg spielen". M.M. gibt es nur zwei Möglichkeiten: massive Militärschläge oder Einbindung der Taliban in die Gesellschaft. Beides führt zu Problemen und Ungerechtigkeiten und ähnelt der Wahl zwischen Not und Elend. Man muß halt zu Ende führen, was man begonnen hat. Das wird vielen nicht schmecken und noch viele Menschenleben kosten. Die Alternative wäre auf Dauer noch gefährlicher. Man solte die Gesellschaft Afghanistans vor folgende Wahl stellen: kriegerische Handlungen bis 2014 verschlingen rund 80 Milliarden (geschätzt) und kosten auf allen Seiten viele Menschenleben ODER aber die Taliban schließen Frieden mit der Zivilgesellschaft, dem Land und den ISAF-Truppen und Afghanistan erhält - als Friedensdividende - 40 Milliarden für den Aufbau, Know How und eine privilegierte Partnerschaft mit den USA und Europa - also eine Perspektive!
neuroheaven 21.07.2010
4. ...
tja, sowas passiert halt, wenn man nicht hart genug durchgreift. städte isolieren und ausgangssperren verhängen. wer trotzdem frei rumläuft wird ohne vorwarnung erschossen. öffentliche hinrichtungen von talibankämpfern belohnungen für verräter mit asyl etc. sämtliche religiöse einrichtungen sofort zerstören. usw usw usw
Klartext007 21.07.2010
5. Raus da!
Zitat von sysopDie Gewalt im Süden des Bundeswehrstützpunkts Kunduz eskaliert. Taliban haben eine Polizeiwache attackiert, sechs Polizisten enthauptet - als Zeichen der neuen Stärke. Die Region Baghlan droht von den Radikalen überrannt zu werden, die westlichen Truppen schlagen mit Kommandoaktionen zurück. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,707683,00.html
Man erinnere sich an den zehnjährigen Einsatz der Sowjets? Außer Tod und Zerstörung nix gewesen. Und jetzt? Selbst der korrupte afghanische Staatspräsident droht schon damit, zu den Terroristen überzulaufen. Dieses Volk steht den Taliban doch näher als allen westlich orientierten Staaten, gleichzeitig pfeiffen diese Verrückten auf Menschenleben. Wir werden daran nichts ändern. Es gibt nur eins: Raus aus dem Land! Sollen sich die Afghanen von Innen heraus erneuern, wenn sie denn wollen (was ich nicht glaube). Dann wär´s authentisch. Aber jeder wie er´s braucht. Die Uno sollte besser den Drogenanbau und -handel wirkungsvoll und gezielt bekämpfen, den Taliban die finanzielle Grundlage entziehen, als die Vergeudung unserer Steuermilliarden zu fordern.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Diskussion geschlossen - lesen Sie die Beiträge! zum Forum...

© SPIEGEL ONLINE 2010
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.