Friedensaktivistin Malala Opfer, Heldin, Hassobjekt

Die ganze Welt feiert Malala, das Mädchen, das die Taliban kritisierte, niedergeschossen wurde, überlebte. Jetzt veröffentlicht sie ihre Biografie, sie wird sogar für den Friedensnobelpreis gehandelt. In ihrer Heimat Pakistan ist man darüber alles andere als glücklich.

DPA/RAW IN WAR

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Istanbul - Malala Yousafzai lässt sich die Laune nicht verderben. "Ich liebe Pakistan", sagt sie Journalisten, wieder und wieder. Obwohl man in Pakistan viel Schlechtes über sie redet. Sie weiß davon, hört davon, liest davon auch im Internet, all die Boshaftigkeiten auf Facebook und Twitter.

Ausgerechnet über sie, die am 9. Oktober 2012 von einem Attentäter niedergeschossen wurde, in einem Schulbus vor der Khushal Public School in ihrem geliebten Swat-Tal. Sie nennt die Gegend immer noch "Paradies auf Erden". Malala, die Heldin, die nun sogar als Kandidatin für den Friedensnobelpreis gilt.

Bekannt geworden war Malala durch ein Blog für die Webseite des britischen Senders BBC, den sie während der Taliban-Herrschaft 2008 in dem Tal schrieb. Fortan galt sie als die Stimme der Mädchen aus dem Taliban-Gebiet. Sie schrieb über Explosionen, über Leichen auf den Straßen und über die Plünderungen der vermeintlich gottesfürchtigen Männer. Später, nachdem die pakistanische Armee die Extremisten aus dem Tal vertrieben hatte, wurde sie Sprecherin des dortigen Kinderparlaments. Sie erhielt einen Friedenspreis von der Regierung.

Mehrere Fernsehdokumentationen machten sie noch berühmter - und brachten sie in den Fokus der Taliban. Malala aber ließ sich nicht einschüchtern und machte weiter - bis die Taliban tatsächlich auf sie schossen. Eine Notoperation rettete ihr das Leben.

"Du bist doch nicht die Einzige!"

Natürlich gibt es Menschen in Pakistan, die Malala feiern, die sich über ihre Genesung freuen und darüber, dass sie sich nicht zum Schweigen bringen lässt, sondern weiterkämpft für das Recht auf Bildung. Darüber, dass sie ihre Geschichte aufschrieb. Ihre Autobiografie "Ich bin Malala", gemeinsam mit der britischen Reporterin Christina Lamb verfasst, erscheint am Dienstag in mehreren Sprachen gleichzeitig.

Aber die wütenden Töne, der Neid und der Hass sind kaum zu überhören in Pakistan. Malala, die Opportunistin, die angeblich zwei Millionen Pfund für ihr Buch erhielt und nun auch noch in England lebt anstatt in Pakistan, jenem Land, das sie doch vorgebe, so sehr zu lieben. Malala, die für ihr Engagement für Bildung gefeiert wird, obwohl doch Tausende Mädchen in Pakistan für Bildung kämpfen und zur Schule gehen. "Du bist doch nicht die Einzige!", schreibt ein Internetnutzer auf Malalas Facebook-Seite.

Die Wut richtet sich auch gegen ihren ehrgeizigen Vater Ziauddin Yousafzai, der eine private Schule betrieb und nach dem Attentat mit seiner Familie nach England ausgewandert ist. Er benutze seine intelligente Tochter, lautet ein Vorwurf. Er sei "geil auf ein westliches Visum", behauptet jemand per Twitter.

Überhaupt, Malala sei vom Westen instrumentalisiert, als "Symbol der Schlechtigkeit Pakistans" aufgebaut und von den westlichen Medien zur "Superheldin" hochgeschrieben worden. "Malala ist eine gute Geschichte für den Westen, deshalb stürzen sich alle auf sie, auf unsere Kosten", schreibt ein pakistanischer Blogger. Sollte sie am Freitag den Friedensnobelpreis erhalten, sei dies nur ein weiterer Beweis dafür, dass sie "eine Agentin des Westens", eine "CIA-Spionin" sei.

Dabei war Malala nur nach England ausgeflogen worden, weil sie Spezialisten brauchte für ihre zertrümmerte Schädeldecke und für das zerfetzte linke Ohr. "Natürlich will ich zurück nach Pakistan", betont sie regelmäßig. Sie vermisse ihre Heimat, auch ihre Eltern seien in England nicht dauerhaft glücklich. "Vor allem meine Mutter fühlt sich hier einsam." Allerdings müsse sie hier noch ihre medizinische Behandlung abschließen.

Nobelpreis als Gefahr

Sie sagt, sie habe dem Attentäter und den Taliban vergeben. Sie betont sogar, sie sei für Friedensgespräche mit den Taliban. "Nur so kann ein friedliches Miteinander entstehen." Trotzdem dürfte eine Rückkehr nach Pakistan gefährlich werden für die Jugendliche und ihre Familie. Die Taliban haben unmittelbar nach dem Attentat erklärt, Malala sei weiterhin ihre Feindin und müsse getötet werden.

Es gibt aber auch differenziertere Kritik an einem möglichen Friedensnobelpreis für Malala. Sie sei noch viel zu jung, der Preis wäre eine Last, die sie noch nicht tragen könne, man müsse ihr vielmehr helfen, ein sorgenfreies Leben zu führen. Malala sagt: "Ich sehe alle Auszeichnungen und freundlichen Worte als Ehre, nicht als Last. Und ich möchte meiner Verantwortung stellvertretend für alle Mädchen gerecht werden."

Andere Kritiker sagen, es bestehe die Gefahr, dass die pakistanische Regierung und Teile der Gesellschaft sich auf dieser Auszeichnung ausruhen würden, anstatt wirklich etwas gegen Extremismus zu tun. "Ich halte es für sehr wahrscheinlich, dass wir als Staat, wenn wir den Nobelpreis erst einmal durch Malala eingesackt haben, unseren Blick komplett auf diesen Preis richten anstatt auf das Problem dahinter", sagt die Autorin und politische Beobachterin Ayesha Siddiqa.

Da ist etwas dran. Im vergangenen Jahr erhielt erstmals eine pakistanische Filmemacherin einen Oscar, für eine Dokumentation über Säureangriffe auf Frauen. Als das pakistanische Außenministerium ausländische Diplomaten einlud, diesen Preis zu feiern, wurde die Trophäe gezeigt, jedoch keine Bilder von den verätzten Gesichtern der Frauen. Auf die Frage, warum man nicht das Filmposter aufhänge, gab es nur eine knappe Antwort: Das wäre schlecht fürs Image des Landes.

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