Malala Yousafzai Taliban-Opfer spricht vor der Uno

Die Taliban schossen Malala Yousafzai in den Kopf, weil sie ein Recht auf Bildung forderte. Doch das junge Mädchen überlebte. Heute wird sie 16 Jahre alt und spricht vor der Uno. In ihrer Heimat Pakistan nimmt man das mit gemischten Gefühlen auf.

Von , Islamabad


Malala Yousafzai nutzt jede Gelegenheit, von ihrem Traum zu erzählen. Darin hat jedes Kind auf dieser Welt die Möglichkeit, zur Schule zu gehen. Vor vielen Kameras hat sie gesprochen, in zig Mikrofone. Es wären kaum bemerkenswerte Worte, käme Malala nicht aus dem nordpakistanischen Swat-Tal - dort, wo zwischen 2008 bis zu einer Militäroffensive im Frühjahr 2009 die Taliban herrschten, dort, wo heute noch - wie in vielen Teilen Pakistans - drei Viertel aller Mädchen der Zugang zu Bildung versperrt ist. Dort, wo sie im Oktober von einem Extremisten niedergeschossen wurde.

An diesem Freitag, ihrem 16. Geburtstag, hält sie eine Rede vor der Uno in New York. Ihr Thema ist der mangelnde Zugang von Kindern zu Bildung. Mehr als 500 Schülerinnen und Schüler aus mehr als 80 Ländern werden ihr vor Ort zuhören. Der Saal gehört heute der "Jugend-Generalversammlung". Die Uno hat den "Malala-Tag" ausgerufen.

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Malala Yousafzai: Schülerin, Opfer, Heldin
Es ist der wichtigste öffentliche Auftritt der Kinderrechtsaktivistin Malala Yousafzai seit dem Attentat. Damals war ein bewaffneter Mann in ihren Schulbus gestiegen, hatte gefragt, wer Malala sei, und ihr in den Kopf geschossen. Sie erlitt lebensgefährliche Verletzungen, auch eine Mitschülerin wurde getroffen. Malala wurde in Pakistan und später im britischen Birmingham operiert.

Die Taliban hassen das Mädchen, weil es für die BBC über ihren Alltag unter den Extremisten und über den Krieg der pakistanischen Armee gegen die Taliban gebloggt hatte. Die damals elfjährige Malala schrieb über ihre Sehnsucht, zur Schule gehen zu dürfen. Über die Grausamkeiten der Extremisten. Über die Toten in den Straßen und über die Raubzüge der vermeintlich Gottesfürchtigen. Tausende lasen ihre Berichte. Im Dezember 2011 verlieh ihr die pakistanische Regierung einen Friedenspreis.

Nach dem Attentat wurde sie zur Ikone

Nach dem Attentat wurde sie zur Ikone, auch weil sie schon vom Krankenbett aus wieder das Recht auf Bildung einforderte. Das "Time"-Magazin zählte sie zu den hundert einflussreichsten Menschen des Jahres 2013. Viele Stars, darunter Madonna und Angelina Jolie, lobten ihren Mut und spendeten Geld. Sie ist für den Friedensnobelpreis nominiert.

"Die Menschen in Pakistan nehmen nicht länger hin, dass Schulen in die Luft gejagt werden", erklärt der britische Ex-Premier Gordon Brown, jetzt Sonderbeauftragter der Uno für Bildung. Malala habe in ihrem Heimatland einen Kampf für das Recht auf Bildung ausgelöst.

Wenn er sich da nicht täuscht. Die Proteste gegen die Taliban nach dem Angriff auf das Mädchen hielten nur kurz an. Längst jagen sie in Teilen Pakistans, vor allem in den Stammesgebieten an der Grenze zu Afghanistan, wieder Schulen in die Luft. Sie bedrohen Eltern, die ihre Töchter zur Schule schicken, und Lehrer, die Mädchen unterrichten. Für die Extremisten gilt Bildung von Frauen und Mädchen als unislamisch.

"Seit Malala hat sich nichts geändert", sagt ein Lehrer aus der Region Mohmand, der seinen Namen nicht genannt wissen will. "Die Taliban gehen mit aller Härte gegen diejenigen vor, die sich ihrem Weltbild widersetzen." In den meisten Teilen der Stammesgebiete würden Mädchen nicht zur Schule gehen. "Ich befürchte, dass viele Eltern dieses Recht auch nicht einfordern, entweder aus Angst oder weil sie dieses Weltbild teilen."

Die kritischen Stimmen nehmen zu

Malala, sagen viele Menschen aus den Stammesgebieten, werde "instrumentalisiert". "Das arme Mädchen ist doch noch so jung, und nun soll sie das Bildungssystem in Pakistan retten. Was für eine Bürde!", sagt ein Lehrer aus der Region Khyber SPIEGEL ONLINE am Telefon. "Die pakistanische Regierung wünscht ihr doch nur den Nobelpreis, damit sie sagen kann: Schaut her, bei uns setzen sich die Mädchen selbst für ihr Recht auf Bildung ein! Anstatt Nobelpreise zu verteilen, sollte die internationale Gemeinschaft lieber Druck auf unsere Regierung ausüben."

Auch im Swat-Tal nehmen die kritischen Stimmen zu, oft scheint Neid dabei zu sein. "Malala ist eine Ware geworden", sagt eine ihrer früheren Mitschülerinnen. "Wir alle wollen Bildung. Warum reden alle nur über Malala? Warum spricht niemand mehr über das andere Mädchen, das bei dem Attentat ebenfalls verletzt wurde?" Tatsächlich lebt das andere Opfer seit kurzem ebenfalls in Birmingham und besucht dort die Schule. Der Plan, Malalas alte Schule nach ihr zu benennen, lehnten die Schülerinnen ab - offiziell mit der Begründung, sie würden so die Aufmerksamkeit der Taliban auf sich ziehen.

Neid auf millionenschweren Buch-Deal

Kritisch merkt man an, ihr Vater, der Lehrer Ziauddin Yousafzai, sei "ein sehr guter Geschäftsmann". "Für ihre Lebensgeschichte bekommt sie einen millionenschweren Buchvertrag. Das hat er sehr geschickt ausgehandelt", sagt ein Beamter aus der Stadtverwaltung in Mingora, in Malalas Heimat.

Im Swat-Tal heißt es, Malala gebe nur noch gegen Geld Interviews. Ein Lehrer in Mingora lästert, er wundere sich, dass Malala "gedenkt, in Großbritannien zu bleiben und zu studieren, wo sie sich doch so für die Bildung in Pakistan ausspricht".

Manche in ihrer Heimat nennen das Attentat auf Malala eine "Verschwörung des Westens". Sehr viel bösartiger geht es noch im Internet zu, wo Malala als "Marionette der USA" oder sogar als "Prostituierte Amerikas" beschimpft wird. Schüler Abdullah sagt, in Pakistan wären "mehr als 40.000 Menschen Opfer von Terroristen" geworden, "warum vergisst man die und feiert nur Malala?"

Millionen von Pakistanern sind jedoch stolz auf Malala. Sie wünschen ihr die Aufmerksamkeit der Welt, wollen ihr heute im Fernsehen zuschauen, wenn sie in New York spricht, und wünschen ihr den Friedensnobelpreis. "Wir wollen so sein wie Malala: selbstlos, mutig und stark", sagt Schülerin Aamna aus Mingora. "Wenn alle Menschen sich gemeinsam den Taliban widersetzen, werden die eines Tages vielleicht einsehen, dass sie unrecht haben."

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