Afghanistan Der Seelendoktor der Taliban

Rücksichtlos rissen die Taliban in den Neunzigerjahren in Afghanistan die Macht an sich. Das Grauen der Gefechte löste offenbar auch bei Kämpfern der Radikalislamisten Traumata aus - das berichtet ein Psychiater, dem sie sich anvertrauten.

Taliban-Kämpfer in Afghanistan (Aufnahme aus 1995): Täter mit Traumata
REUTERS

Taliban-Kämpfer in Afghanistan (Aufnahme aus 1995): Täter mit Traumata


Hamburg - In seiner Klinik in Masar-i-Scharif im Norden Afghanistans reicht die Schlange der Patienten jeden Tag bis auf die Korridore. Männer und Frauen warten in getrennten Gruppen darauf, dass Nader Alemi sie behandelt. Die Menschen klagen über Depressionen, Alpträume oder Stimmungsschwankungen - und erhoffen sich von dem Psychiater eine Linderung ihres Traumas im Krisenstaat am Hindukusch.

Vor mehr als 15 Jahren hatte Nader Alemi ganz andere Patienten, die er betreute: Ende der Neunzigerjahre hatten die Taliban die Macht in Afghanistan an sich gerissen und tyrannisierten die Bevölkerung. Doch offenbar belasten die Gewaltexzesse auch manche Radikalislamisten - sie suchten Hilfe beim Psychiater.

Nun, mehr als ein Jahrzehnt später, berichtete Nader Alemi der BBC über seine Erfahrungen mit den Taliban als Patienten. "Sie kamen meistens nicht einzeln, sondern in Gruppen", wird der Arzt zitiert. Kämpfer seien mit einem Zettel in der Hand erschienen, auf der sein Name stand. Offenbar hatte Alemi zuvor einen anderen Extremisten behandelt - seine Erfolge sprachen sich herum.

Alemi war angeblich der einzige Psychiater im Norden Afghanistans, der die Taliban-Sprache Paschtu beherrschte. "Weil ich ihre Sprache sprach, vertrauten sie mir", berichtet er. Tausende Kämpfer seien in den Jahren zu ihm gekommen.

Die Taliban hatten die Stadt Masar-i-Scharif im August 1998 unter ihre Kontrolle gebracht und danach auch in immer mehr angrenzenden Gebieten die Macht übernommen.

Der Glaube verbot ihnen, sich selbst zu töten

"Viele Kämpfer waren noch nie bei einem Doktor gewesen", erzählt Alemi. Offen berichteten die Taliban, dass traumatische Erlebnisse sie zu ihm führten. Einer von ihnen sagte zum Beispiel: "Jedes Mal, wenn ich an die Front geschickt werde, hoffe ich, dass mich jemand erschießt. Aber ich bin immer noch da und hasse dieses Leben." Viele Kämpfer hätten Selbstmordgedanken offenbart, aber ihr islamischer Glaube verbiete ihnen, sich zu töten.

Manche hätten ihre Familien monatelang nicht gesehen. Belastet habe sie auch ihre ungewisse Zukunft, über die nicht sie, sondern ihre Kommandeure entschieden. "Sie wurden depressiv, weil sie nie wussten, was von einer Minute zu anderen passieren konnte", berichtet Alemi.

Er habe die Taliban genauso wie seine anderen Patienten behandelt, berichtet der Arzt - obwohl er wusste, welches Leid sie über die Bevölkerung brachten. "Manchmal weinten sie, und ich versuchte sie zu trösten." Eine regelmäßige Betreuung der Taliban sei dadurch erschwert worden, dass sie von ihren Kommandeuren zu neuen Einsätzen geschickt wurden.

Umgerechnet einen Dollar berechnete Nader Alemi für seine Behandlung. Manchmal schickten die Taliban auch ihre Frauen und Töchter als Patienten. "Auch sie hatten Depressionen, weil sie ihre Männer und Väter lange Zeit nicht sahen und ihre Zukunft unklar war."

Alemi wurde nach eigenen Angaben auch zum Psychiater der Taliban-Bosse. Eines Tages sei er zu Mullah Akhtar gerufen worden, hinter Mullah Omar die Nummer zwei in der Führung der Radikalislamisten. "Er hörte Stimmen, war im Wahn. Seine Leibwächter berichteten, dass ihr Chef nachts manchmal um sich schlug und sie gar nicht wiedererkannt habe. Er war selber lange an vorderster Front und hatte dort viele Menschen sterben sehen", sagt Alemi. Die Explosionen und Schreie sei der Taliban-Anführer womöglich nicht mehr losgeworden, als er in die Kommandoebene aufstieg.

Um ihn erfolgreich behandelt zu können, musste Nader Alemi den Mullah regelmäßig und über einen längeren Zeitraum sehen. Doch alle paar Monate zog der Talib in den Kampf.

Im Jahre 2006 wurde er dann bei einem Luftangriff der Alliierten getötet.

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