Geiseldrama in Hotel bei Kabul: Blutbad am Kargha-See
Es war ein Ort des Friedens, der Erholung. Genau deshalb wurde der Kargha-See bei Kabul zum Schauplatz des Terrors. Zwölf Stunden lang lieferten sich Taliban eine Schießerei mit Sicherheitskräften, mindestens 24 Menschen starben. Die Extremisten nennen ihre Tat die Strafe für "unislamisches Verhalten".
Die Hotelgäste hatten ausgelassen gefeiert. Jetzt wollten sie nach Hause, nach Kabul, ein paar Kilometer östlich vom Kargha-See. Sie fuhren oft donnerstags an den See, um zu picknicken, die Landschaft zu genießen und die Woche ausklingen zu lassen. Freitag ist Feiertag in Afghanistan.
An diesem Donnerstag endete der Ausflug in einem Drama: Kurz vor Mitternacht hielt ein Minibus vor dem direkt am Wasser gelegenen Spozhmai-Hotel. Fünf Männer sprangen aus dem Wagen, sie trugen Sprengstoffwesten und Maschinenpistolen und eröffneten sofort das Feuer. Ein paar Hotelgäste reagierten blitzschnell, sie sprangen aus einem Fenster in den See. Für alle anderen begann eine Tortur, die erst zwölf Stunden später enden sollte. Etwa 400 Menschen sollen sich zum Zeitpunkt des Angriffs in dem Hotel aufgehalten haben.
Stundenlang waren Schüssen zu hören, in der Nacht wurde es dann für eine Stunde ruhig, bevor die Kämpfe weitergingen, berichten Augenzeugen. Afghanische Polizei, die Armee sowie Nato-Truppen rückten an, um die Geiseln zu befreien. Man sei nur langsam vorangekommen, um Opfer unter den Geiseln zu vermeiden. In der Dunkelheit habe man deshalb das Feuer eingestellt. Das Kommando hatten die Afghanen, betonte ein Nato-Sprecher in Kabul, die Alliierten seien lediglich zur Unterstützung angerückt. Hilfe bekamen die Sicherheitskräfte auch per Hubschrauber. Rund 40 Menschen konnten sich im Laufe der Nacht aus der Gewalt der Terroristen befreien.
Am Freitagmittag erklärte die Polizei die Geiselnahme für beendet. Mindestens 15 Hotelgäste, drei Wachleute, ein Polizist und die Angreifer sind tot, teilte der Kabuler Polizeichef mit. Die Zahl der Toten könne noch steigen, da unklar sei, ob sich weitere Leichen im See befänden, sagte ein Polizist vor Ort SPIEGEL ONLINE. "Bis wir die genaue Zahl kennen, wird es noch dauern."
Der Angriff ist ein Rückschlag bei allen Bemühungen des Westens und der afghanischen Regierung, einen Weg der Annäherung zu den Taliban zu finden. Die Extremisten begründeten ihre Tat ausdrücklich als Angriff auf ein Hotel, in dem "Sittenverfall" festzustellen sei. Man habe die Herberge als Ziel gewählt, weil man dort "unislamisches Verhalten" registriert habe, sagte Taliban-Sprecher Zabihullah Mujahid SPIEGEL ONLINE per Telefon. Es würden dort "wilde Partys" gefeiert, die "inakzeptabel" seien. Das Hotel werde von reichen Afghanen und Ausländern besucht, die dort Alkohol trinken und "anderen Beschäftigungen nachgehen", die mit dem Islam nicht vereinbar seien. Gemeint sind damit romantische Treffen unverheirateter Paare.
Mujahid erklärte, die Taliban hätten die Information gehabt, dass sich am Donnerstag auch Vertreter der Isaf-Truppen sowie westliche Diplomaten auf Einladung von afghanischen Regierungsvertretern im Hotel aufhielten. Die Polizei bestätigte diese Angabe jedoch nicht.
Aufständische wollen Aufmerksamkeit
Der Kargha-See ist ein beliebtes Ziel bei Afghanen und bei in Kabul lebenden Ausländern - Entwicklungshelfer, Berater, Journalisten, Diplomaten. Denn die Freizeitmöglichkeiten in der afghanischen Hauptstadt sind wegen der angespannten Sicherheitslage begrenzt. Viele afghanische Familien verbringen ihre Wochenenden an dem in den fünfziger Jahren angelegten See. Die Gegend ist ein Naherholungsgebiet, um der Hektik von Kabul zu entkommen. An vielen Buden gibt es Tee und Speisen.
Zum Spozhmai-Hotel gehört auch ein Café mit Blick auf den See, gelegentlich werden Wasserski-Kurse und Ausritte um den See angeboten. Ganz in der Nähe liegt außerdem der Golfplatz von Kabul - bekannt dafür, dass er wegen des Sandes braun und nicht grün ist. Auch diese Anlage wird von Ausländern und wohlhabenden Afghanen genutzt.
Den Aufständischen geht es darum, mit solch spektakulären Angriffen Aufmerksamkeit zu erregen und Gespräche zwischen afghanischer Regierung und dem Westen und gemäßigten Taliban zu torpedieren. Extremisten wie Taliban-Sprecher Mujahid wollen demonstrieren, wie unvereinbar ihre Haltung mit liberalen Lebensvorstellungen sind. Außenminister Guido Westerwelle betonte deshalb während einer Reise nach Indien am vergangenen Freitag, Deutschland werde seinen Kurs in Afghanistan nicht ändern. "Der Terror wird uns nicht davon abbringen, für eine bessere, friedliche Zukunft für Afghanistan zu arbeiten."
HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:
© SPIEGEL ONLINE 2012
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH
- Freitag, 22.06.2012 – 13:39 Uhr
- Drucken Versenden
- Nutzungsrechte Feedback
- Kommentieren | 6 Kommentare
Fläche: 652.225 km²
Bevölkerung: 31,412 Mio.
Hauptstadt: Kabul
Staats- und Regierungschef: Hamid Karzai
Mehr auf der Themenseite | Wikipedia | Lexikon
- Taliban-Angriff: Stundenlange Schießerei um Ausflugshotel bei Kabul (22.06.2012)
- Taliban und al-Qaida als Kidnapper: Terroristen füllen Kriegskasse mit Geiselgeld (17.06.2012)
- Pakistan: Dutzende Tote und Verletzte bei Anschlag auf Basar in Khyber (16.06.2012)
- Pakistan: Mehrere Tote bei Bombenanschlag in Peshawar (08.06.2012)
- Drohung von Panetta: USA verlieren Geduld mit Pakistan im Terrorkampf (07.06.2012)
MEHR AUS DEM RESSORT POLITIK
-
Abgeordnete
Bundestagsradar: Alle Fakten, alle Abstimmungen, alles Wissenswerte -
Regierung
Schwarz-gelbe Koalition: Das ist Merkels Kabinett -
Umfragen
"Sonntagsfrage": Der aktuelle Trend anhand von Umfragen -
Nachgefragt
Abgeordnetenwatch auf SPIEGEL ONLINE: Ihr direkter Draht in die Politik -
Rundgang
Kanzleramt, Bundestag, Ministerien: Das ist das politische Berlin
Möchten Sie ein anderes Land erkunden?