Krieg in Afghanistan USA bombardieren, Taliban spotten

Die Taliban sind stärker denn je - im 17. Jahr des Afghanistankriegs: Das US-Militär redet die Lage schön, feiert sich für einen Bombenrekord und verschärft seinen Luftkrieg gegen die Islamisten.

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Die US-Armee brüstet sich mit einem neuen Rekord: In dieser Woche hat ein B-52-Bomber der US Air Force 24 präzisionsgelenkte Sprengkörper auf Stellungen der Taliban in Afghanistan abgeworfen. Seit den Fünfzigerjahren sind die B-52 im Dienst, doch noch nie hat ein Langstreckenflieger so viele Bomben bei einer einzelnen Mission eingesetzt wie Anfang dieser Woche, meldet das Pentagon.

Was das US-Militär als Rekord vermeldet, offenbart eigentlich nur das Scheitern der Afghanistan-Politik des Westens. Mehr als 16 Jahre nach dem Sturz der Taliban Ende 2001 sind die Islamisten stärker denn je. Sie kontrollieren 45 der 398 Distrikte Afghanistans, 117 Distrikte sind schwer umkämpft zwischen Taliban und Regierungstruppen.

Das Pentagon redet sich die Lage schön. "Im Jahr 2017 haben die Taliban keine einzige Provinzhauptstadt erobert", teilt das US-Verteidigungsministerium mit. "Die Taliban können sich nirgends verstecken", sagt Vier-Sterne-General John Nicholson, Befehlshaber der US-Militärmission in Afghanistan. "Es wird für keine Terrorgruppe einen sicheren Rückzugsort geben."

USA werten Taliban-Anschläge als Schwäche

Das US-Militär deutet selbst die schweren Terroranschläge, die seit Jahresbeginn das Herz der afghanischen Hauptstadt erschüttert haben, in seinem Sinne um: Am 20. Januar überfiel ein Taliban-Kommando das Luxushotel Inter-Continental und tötete mindestens 19 Menschen, darunter die deutsche Entwicklungshelferin Brigitte Weiler. Genau eine Woche später zündete ein Selbstmordattentäter im Stadtzentrum einen Sprengsatz, der in einem Rettungswagen versteckt war. Bei dem Anschlag wurden mindestens 95 Menschen getötet und 158 weitere verletzt.

Das Pentagon wertet die Attentate als Zeichen für die militärische Schwäche der Taliban. "Angesichts ihrer Misserfolge auf dem Schlachtfeld nehmen sie nun Zivilisten ins Visier. Das ist die einzige Taktik, die ihnen geblieben ist", so die offizielle Lesart des US-Militärs.

Die Realität sieht anders aus. Besonders deutlich wird das ausgerechnet in der Provinz Kunduz. Dort unterhielt die Bundeswehr von 2004 bis 2013 ein Feldlager, heute beraten dort noch immer ein paar Dutzend Bundeswehrsoldaten die afghanische Armee. In der Provinz, die etwa halb so groß ist wie Thüringen, betreiben aber auch die Taliban mehrere Ausbildungslager.

Die Taliban treten auf wie eine Armee

Am Wochenende veröffentlichte die Miliz Aufnahmen aus ihrem "Militärischen Trainingscamp Umar Khattab". Die Bilder zeigen vermummte Kämpfer in Camouflage-Uniform, die in einer tief verschneiten Landschaft militärisch gedrillt werden. Wenige Tage zuvor präsentierten die Taliban ein knapp 20-minütiges Video aus einem weiteren Trainingscamp, das ebenfalls in Kunduz liegt. In dem Film simulieren die Kämpfer unter anderem einen Überfall auf eine US-Patrouille.

Die Milizionäre, die 2018 das öffentliche Bild der Taliban prägen, haben wenig gemein mit den Taliban, die 2001 aus Kabul vertrieben wurden. Sie tragen nicht mehr den Shalwar Kameez, die traditionelle Tracht, und eine Kalaschnikow über der Schulter. Die neue Generation sieht aus wie die Spezialeinheit einer regulären Armee. Die Kämpfer tragen eine einheitliche Uniform, besitzen Nachtsichtgeräte und sind mit amerikanischen M4-Sturmgewehren bewaffnet, die sie offenbar aus Beständen der afghanischen Sicherheitskräfte erbeuteten. Sie bewegen sich mit Pickup-Trucks von Ford, die das US-Militär der afghanischen Polizei geliefert hatte. In Schlauchbooten patrouillieren Taliban-Kommandos auch auf dem Fluss Amudarja, der im Norden von Kunduz die Grenze zu Tadschikistan bildet.

Die Taliban wollen mit diesen Bildern die Botschaft übermitteln: Wir sind keine versprengte Terrorgruppe, sondern ein Staat im Staat, der drauf und dran ist, wieder die Macht zu übernehmen. Ganz so, wie es auch der offizielle Name der Miliz propagiert: Islamisches Emirat Afghanistan.

Die US-Strategie bleibt widersprüchlich

Der Afghanistankrieg wird die USA allein im laufenden Jahr rund 45 Milliarden Dollar kosten. Washingtons Strategie bleibt schwammig, die US-Regierung sendet widersprüchliche Signale aus. Präsident Donald Trump sagte nach der Anschlagsserie Ende Januar: "Wir wollen nicht mit den Taliban reden. Sie töten unschuldige Menschen." Ganz anders äußerte sich der stellvertretende Außenminister John Sullivan am Dienstag vor dem Auswärtigen Ausschuss im US-Senat. Ziel der Militäroperationen in Afghanistan sei es, "die Taliban an den Verhandlungstisch zu bringen", sagte Sullivan.

2011 begannen in Katar Geheimgespräche zwischen US-Vertretern und Abgesandten der Taliban. Die Bundesregierung war an der Vermittlung beteiligt. Zwei Jahre später eröffnete die Miliz in Doha gar ein eigenes Verbindungsbüro, das offizielle Kontakte mit den USA erleichtern sollte. Weil die Taliban das Büro selbst als Botschaft des "Islamischen Emirats Afghanistan" bezeichneten, mussten sie die Vertretung nach wenigen Tagen schließen. Seither ruhen die Gespräche offiziell.

Und die Taliban zeigen auch kein Interesse, die Kontakte wiederaufzunehmen. Offenbar will die Miliz die US-Militäroperationen einfach weiter aussitzen. Hämisch twitterte Taliban-Sprecher Abdullah Alwazir in Richtung Trump: "Lassen Sie uns wissen, wenn Sie bereit sind, über Ihren Abzug zu reden."


Zusammengefasst: Das US-Militär intensiviert seinen Luftkrieg gegen die Taliban. Die zeigen sich unbeeindruckt: Seit Jahresbeginn haben sie mehrere schwere Anschläge in Kabul verübt, im Internet brüsten sie sich mit moderner Ausrüstung und neuen Ausbildungslagern. Die US-Strategie gegen die Miliz bleibt undurchsichtig, eine Ende des Afghanistankriegs ist nicht absehbar.



insgesamt 72 Beiträge
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alterknacker54 07.02.2018
1. Es ist ein Elend
Was soll man dazu noch sagen? Es bleibt die Scham darüber, dass unsere Regierung Menschen in ein solch umkämpftes Gebiet (zurück)schickt. Es bleibt die Scham darüber, dass um den Nachzug von Frauen und Kindern aus diesem Gebiet nach Deutschland zu ihren Vätern und Ehemännern hier solch ein Gedöns gemacht wird.
Atheist_Crusader 07.02.2018
2.
Mit irgendwelchen Zahlen angeben um von seinem Fehlen einer Gesamtstrategie abzulenken? Naja, was in Vietnam schon den Sieg gebracht hat, wird bestimmt auch in Afghanistan funktionieren.
freddygrant 07.02.2018
3. Krieg um des Krieges ...
... Willen. Die USA haben scheinbar in über 60 Jahren nicht gelernt, daß man gegen die Bevölkerung keinen Staat und dessen Gesellschaft in den Westen bomben kann. Diese längst gemachte Erfahrung wollen jetzt auch noch die Trump- Republikaner aufs neue ausprobieren. Unverständlich ist, daß die weiteren NATO-Mitgliedsstaaten an diese Strategie endlich einen Knoten machen und die NATO unter diesen Bedingungen wirklich in Frage stellen. So kann das nicht weiter gehen!
spon-facebook-10000523851 07.02.2018
4. was will man ueberhaupt erreichen ?
Mit Gewalt eine Staatsform installieren, mit der die Empfaenger nichts anfangen koennen ? Freiheits- und Demokratietraeume sind in der gesamten Region, wie auch in den Wuestenstaaten einfach unsinnig.
fixik 07.02.2018
5.
Wenn Anschläge der Taliban in Kabul beweisen soll, dass die Taliban am verlieren sind, was sollen dann die Rekord-Einsätze der B-52 uns sagen? 17 Jahre Krieg und die Einsätze der B-52 werden immer zahlreicher. Ist das ein Anzeichen, dass man in den 17 Jahren Erfolg hatte? Taliban hat völlig recht. Wir müssen die Leute langsam anschreiben um über unseren Rückzug zu verhandeln. Genug mit der Propaganda. Wir haben den Krieg verloren. Die westliche Bevölkerung weiß es schon längst. Hier brauchen unsere Regierungen uns nichts mehr zu erzählen. Am Ende wird Taliban das Land eh übernehmen. Dieser Einsatz bringt nichts. Dasselbe betrifft alle anderen Einsätze. Irak, Syrien, Libyen sind alles verlorene Schlachten. Kosovo war letzter Sieg und wird es auf längere Sicht so bleiben. Wobei auch das Kovoso nur ein halber Sieg ist. Wir sind immerhin auch dort aktiv.
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