Machtwechsel in Katar: Gernegroß II.

Von Christoph Sydow

Katars neuer Emir: Generationswechsel am Golf Fotos
REUTERS

Katars neuer Emir ist mit 33 Jahren der jüngste Staatschef der arabischen Welt. Scheich Tamim hat schwierige Aufgaben zu lösen. Der Golfstaat hat sich mit seiner aggressiven Außenpolitik viele Feinde gemacht.

Hamburg - Selbst im Moment seines Abgangs hat Katars Emir Scheich Hamad Bin Chalifa noch einmal für ein Novum gesorgt. Als erster Herrscher in der arabischen Welt hat der 61-Jährige am Dienstag bei klarem Bewusstsein freiwillig sein Amt aufgegeben. Die Nachfolge tritt sein 33 Jahre alter Sohn Scheich Tamim Bin Hamad an. Zwar litt Hamad Bin Chalifa seit Jahren an Diabetes und Nierenproblemen, dennoch sind gesundheitliche Gründe nicht ausschlaggebend für seinen Rücktritt.

"Es ist die Zeit gekommen, ein neues Kapitel auf dem Weg unserer Nation aufzuschlagen", sagte der scheidende Potentat am Dienstag in einer TV-Ansprache. "Eine neue Generation mit innovativen Ideen und voller Energie übernimmt die Verantwortung."

Seit dem Morgen werden die Moderatoren auf Katars Nachrichtensender al-Dschasira nicht müde, den friedlichen Machtwechsel als Modell für die arabische Welt zu preisen. Dass die Macht dabei lediglich von einem absolutistisch regierenden Monarchen auf den nächsten übergeht, verschweigen sie.

Dennoch bleibt sich Hamad, der 1995 seinen Vater in einer unblutigen Palastrevolte vom Thron gestürzt hatte, in seiner Rolle als Vorreiter im Nahen Osten treu, der die Zeichen der Zeit schneller erkennt als andere. 1996 gründete er den ersten arabischen Satellitensender, al-Dschasira, der die Medienwelt in der Region revolutionieren und das Informationsmonopol der Staatssender brechen sollte. 2010 holte Hamad die Fußball-WM 2022 nach Katar und damit erstmals in ein arabisches Land.

Der neue Herrscher hat zwei Frauen und sechs Kinder

Der neue Emir Tamim - zweiter Sohn von Hamad und seiner Zweitfrau Scheicha Mosa - hat dieses Engagement im Weltsport maßgeblich mit vorangetrieben. Schon seit 2002 sitzt er im Internationalen Olympischen Komitee, damals war er gerade 22 Jahre alt. Als Chef des Nationalen Olympischen Komitees und designierter Thronfolger hatte er großen Anteil daran, Großereignisse wie die Handball-WM 2015, die Rad-WM 2016 und die Fußball-WM 2022 an den Golf zu holen. Bis 2030, so sieht es der nationale Masterplan vor, soll Doha die Welthauptstadt des Sports werden. Tamim selbst ist ein begeisterter Tennisspieler.

Tamim wurde schon 2003 zum Thronfolger auserkoren. Wie schon sein Vater wurde er an der britischen Militärakademie in Sandhurst ausgebildet. Weil er aber von einer marokkanisch-algerischen Gouvernante erzogen wurde, soll Tamim trotzdem besser französisch als englisch sprechen. Er ist mit zwei Frauen verheiratet und hat sechs Kinder. Hamad hat ihn in den vergangenen Jahren an seine künftige Aufgabe herangeführt, ein eigenes politisches Profil hat er bislang jedoch nicht entwickelt.

Sein Vater übergibt ihm ein Land voller Widersprüche: Ein Land, das mit neu erbauten Museen den Louvre in den Schatten stellen will und gleichzeitig wenige Kilometer entfernt seit vergangener Woche ein Verbindungsbüro der fundamentalistischen Taliban beherbergt. Ein Land, das Pressefreiheit predigt und einen Dichter wegen kritischer Verse zu lebenslanger Haft verurteilt. Das israelische Politiker empfangen hat und gleichzeitig der Hamas-Führung Obdach und Hunderte Millionen Euro spendiert. In dem die USA ihren größten Luftwaffenstützpunkt im Nahen Osten betreiben und das gleichzeitig militante Gruppen mit Kontakten zu al-Qaida finanziert. Das den Wandel predigt, sich als Führungsmacht des Arabischen Frühlings in den Vordergrund drängt und gleichzeitig seinen eigenen Bürgern politische Mitbestimmung durch Wahlen verweigert.

Ein Land, von dem Michael Stephens, Wissenschaftler am Royal United Services Institute in Doha, sagt: "Die halbe arabische Welt hasst Katar." Demonstranten in Libyen und Ägypten verbrennen inzwischen nicht mehr amerikanische und israelische Flaggen, sondern das rot-weiße Banner des Golfstaats. Viele Libyer und Ägypter machen Emir Hamad für die Islamisierung ihrer Gesellschaften verantwortlich. Katar gilt als Hauptfinancier der Muslimbrüder in diesen Ländern. Der islamistischen Regierung in Kairo hat das Emirat Kredite in Höhe von acht Milliarden Euro zur Verfügung gestellt.

Katar vermittelt nicht mehr, Katar mischt sich ein

Jahrelang hatte sich Katar bemüht, ein guter Nachbar zu sein. Als Israel 2006 erst große Teile des Gaza-Streifens und dann ganze Dörfer im Südlibanon in Schutt und Asche legte, leistete der Golfstaat schnell und unbürokratisch Hilfe. Die Palästinenser und Libanesen dankten es ihm und begrüßten den Emir fähnchenschwenkend, als er den Wiederaufbau begutachtete.

Bei innerarabischen Konflikten vermittelte Hamad. 2008 vereinbarten die libanesischen Konfliktparteien unter seiner Vermittlung einen Kompromiss, der den Weg zu Neuwahlen ebnete, ein Jahr später unterzeichneten Sudans Regierung und Rebellen aus Darfur in Doha ein Abkommen, das sich als erstaunlich stabil erwies. Und auch die zerstrittenen palästinensischen Parteien Fatah und Hamas trafen sich mehrfach zu Gesprächen in Katar.

Doch mit Beginn des Arabischen Frühlings änderte sich die Rolle der Golfmonarchie. Als erstes arabisches Land beteiligte sich Katar am internationalen Militäreinsatz gegen das Gaddafi-Regime in Libyen. Schon kurz nach Beginn des Aufstands in Syrien rief Hamad zum Sturz von Diktator Baschar al-Assad auf, wenig später forderte er eine Militärintervention in Syrien. Schon seit mehr als einem Jahr finanziert Katar die Aufständischen und rüstet sie auf. Der Großteil der Unterstützung geht an islamistische Rebellengruppen, die ein demokratisches Syrien und eine Gleichberechtigung der schiitischen und christlichen Minderheiten ablehnen.

In weiten Teilen der arabischen Welt hat sich Katar mit seiner aggressiven Außenpolitik den Ruf eines Scheinriesen und Gernegroß erworben. In Leitartikeln äußern Kommentatoren ihre Verachtung für den Zwergstaat aus der Wüste. "Al-Masri al-Jaum" aus Kairo schrieb im März: "Vor 50 Jahren haben sie noch in Zelten gelebt, heute wollen sie den Arabern vorschreiben, wer sie zu regieren hat."

Diesen Artikel...
Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.

Auf anderen Social Networks teilen

  • Xing
  • LinkedIn
  • Tumblr
  • studiVZ meinVZ schülerVZ
  • deli.cio.us
  • Digg
  • reddit
Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 53 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1. In 50 Jahren werden sie auch wieder in Zelten leben !
iffel1 25.06.2013
Wer so viel Feinde hat, kann nicht in Frieden leben und wenn das Gas zu Ende geht, fehlt das Geld, um "wichtig" zu sein. Dann braucht/will sie keiner mehr.
2. Sunniten
drake2tausend 25.06.2013
Kann der SPIEGEL bzw. SPON bitte (mir) mal beleuchten warum sich in Nahost Sunniten so überwiegend über alle Anderen Araber bzw. Landsmann stellen (siehe hier: Katar, Erdogan: Türkei, Mursi: Ägypten, Syrien: islamistische Rebellen gegen den alawitischen Assad, Irak, ...) und Schiiten, Alawiten, Aleviten, u.a. "nicht respektiert" werden?
3.
stefansaa 25.06.2013
Zitat von drake2tausendKann der SPIEGEL bzw. SPON bitte (mir) mal beleuchten warum sich in Nahost Sunniten so überwiegend über alle Anderen Araber bzw. Landsmann stellen (siehe hier: Katar, Erdogan: Türkei, Mursi: Ägypten, Syrien: islamistische Rebellen gegen den alawitischen Assad, Irak, ...) und Schiiten, Alawiten, Aleviten, u.a. "nicht respektiert" werden?
Wahrscheinlich aus dem selben Grund aus dem die Europäer ca. 30 Jahre lang Krieg auf Deutschem Boden geführt haben. Das war halt ein Glaubenskrieg zwischen Protestanten und Katholiken und beide waren der Meinung sie hätten die Wahrheit und Gott für sich gepachtet.
4.
AnnaLena77 25.06.2013
Zitat von sysopKatars neuer Emir ist mit 33 Jahren der jüngste Staatschef der arabischen Welt. Scheich Tamim hat schwierige Aufgaben zu lösen. Der Golfstaat hat sich mit seiner aggressiven Außenpolitik viele Feinde gemacht. Tamim Bin Hamad ist der neue Emir von Katar als Nachfolger von Hamad - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/politik/ausland/tamim-bin-hamad-ist-der-neue-emir-von-katar-als-nachfolger-von-hamad-a-907764.html)
Wichtig wäre auch mal zu Hinterfragen _warum_ Katar bei den islamischen Terroristen (sind natürlich alles Freiheitskämpfer.. für was eigentlich?) fleißig am bezahlen von Waffen und Ausrüstung ist.. oder warum Katar so fleißig am Mosche bauen in den westl. Ländern ist (siehe München und andere Projekte) und warum unsere Politiker diesen Scheichen nicht schnell genug in den Allerwertesten kriechen können und unsere Werte billiger als im Aldi verkaufen. Katar ist ja beileibe kein Einzelfall ... siehe Saudi-Arabien.
5. EMIR Diktator wechselt .. wenn Gaddafie sich Kaiser genannt
micromiller 25.06.2013
haette und einen westlich inspirierten fernsehsender etabliert haette, dann waere er noch heute in amt und wuerden..
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik Politik
Twitter | RSS
alles aus der Rubrik Ausland
RSS
alles zum Thema Katar
RSS

© SPIEGEL ONLINE 2013
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH

SPIEGEL ONLINE Schließen


  • Drucken Versenden
  • Nutzungsrechte Feedback
  • Kommentieren | 53 Kommentare
  • Zur Startseite