Erfolgreiche Erfindung eines Ex-Soldaten Panzerrollstuhl auf Ketten

Schlamm, Geröll oder Tiefschnee - nichts kann dieses Monstrum aufhalten: Der ehemalige GI Brad Soden bastelte seiner behinderten Frau einen Rollstuhl auf Panzerketten. Das Vehikel wird heute von Armeeveteranen in Serie gebaut.

Von

lizsodenfoundation

Die Geschichte klingt fast ein bisschen zu kitschig, etwas viel Hollywood schwingt mit. Doch Brad und Liz Soden schwören, dass sie sich genau so zugetragen hat. Ihre Version von der Erfindung des Tank Chair, einem höchst geländegängigen Kettenrollstuhl, geht so: Die Familie campt im Frühjahr 2001 in der Wildnis Nordwest-Arizonas. Liz Soden hat sich gerade erst von einem schweren Autounfall erholt. Seitdem sitzt sie im Rollstuhl, kümmert sich aber im Alltag bereits wieder um die fünf Kinder der Familie. Hier im Nirgendwo jedoch ist sie mit ihrem Standardgefährt aufgeschmissen.

Eines Morgens schleicht sich ein aufgeregter Brad ins Zelt, um die Familie zu wecken: Eine Herde Elche zieht vorbei, die Sodens wollen sich auf die Spur der Tiere machen. Für Liz jedoch ist nach wenigen Metern Endstation. Die schmalen Räder ihres Stuhls werden mit dem Geröll nicht fertig. Entweder muss sie von hier an getragen werden - oder zurückbleiben. Soden bittet Mann und Kinder, ohne sie auf Entdeckungstour zu gehen. Brad Soden erinnert sich: "Sie hatte Tränen in den Augen. Ihre Hilflosigkeit war für mich unerträglich. So etwas wollte ich nie wieder erleben."

Zwölf Jahre später brüllt Brad Soden irgendwo in der Weite von Texas in sein Handy. Der ehemalige Feuerwehrmann und Klempner klingt vergnügt, wieder sagt er einen Satz, der eigentlich in ein Drehbuch gehört: "Manche haben mich für verrückt erklärt, aber das war mir egal. Und wissen Sie was? Ich musste wirklich nie wieder so eine Situation mit ansehen."

Lebensgefahr durch heiße Akkus

Damals, zurück von dem denkwürdigen Campingtrip, schloss sich Soden in seiner Garage ein. Ihm spukte eine Idee durch den Kopf: der Offroad-Rollstuhl. Schließlich kennt er sich mit unwegsamen Gelände und dafür geeigneten Gefährten bestens aus. Vier Jahre hat er in der US-Armee gedient, prägend war vor allem der Einsatz als Infanterist im ersten Golfkrieg. Im Bradley-Schützenpanzer fuhr er mit seinen Kameraden durch die Wüsten des Iraks. "Wann immer mit den Ketten des Bradley etwas nicht in Ordnung war, schickten sie mich raus", erinnert sich Soden. Die Lösung für Liz' Problem scheint also zunächst einfach: Man kombiniere Panzerkette und Rollstuhl - heraus kommt der Tank Chair.

Was simpel klingt, lässt Brad Soden noch heute schaudern. Zwei Jahre werkelt er abends an einem Prototyp - und kämpft mit einem lebensgefährlichen Problem. Der Stuhl geht immer wieder in Flammen auf: "Die Batterien wurden so heiß, dass sie Feuer fingen. Ich konnte aus einem brennenden Rollstuhl herausspringen. Für Liz wäre das unmöglich". Erst als er sich mit einem Hersteller für Elektromotoren zusammenschließt, erreicht der Tank Chair so etwas wie Alltagsreife.

Von da an steht Liz Soden die Welt wieder offen. Der erste Trip führt sie an den Grand Canyon. Und die Nachricht vom Tank Chair spricht sich herum. Immer mehr Anfragen erreichen die Familie, aus aller Welt erkundigten sich Menschen mit Behinderung nach den Kettenfahrzeugen.

Veteranen schrauben die Stühle zusammen

"Irgendwann stand ich dann vor der Frage: Setze ich alles auf den Tank Chair? Immerhin habe ich eine Familie zu ernähren", erinnert sich Brad Soden. Er wagt den Sprung in die Selbständigkeit. Aus einigen Dutzend Stühlen pro Jahr in Eigenbau ist heute eine kleine Industrie geworden. Trotz des happigen Preises (rund 18.000 Dollar ohne viele Extras) rollten schon Hunderte Tank Chairs aus dem Werkstor in Arizona. Dank seiner Verbindungen zur Army konnte er einen besonderen Deal aushandeln: In Zukunft beschäftigt er in seiner Firma vor allem Veteranen der Kriege im Irak und Afghanistan. Und auch die Armee hat sich den Stuhl schon genau angeschaut. Mehr will er nicht verraten.

Für besondere Fälle entwirft Brad Soden Custom-Modelle. Manche dieser Geräte können nur mit dem Kopf gesteuert werden. So gewinnen auch Menschen mit schwersten Behinderungen neue Bewegungsfreiheiten.

Neben dem Geschäft - und das ist es ohne Zweifel - geht es Brad Soden genau um diese radikale Veränderung im Leben behinderter Menschen. "Viele wollen ihrem Umfeld nicht zur Last fallen. Dadurch sind sie von vielen Aktivitäten, gerade in der Natur, ausgeschlossen. Der Tank Chair gibt ihnen ein großes Stück Unabhängigkeit, Selbstbestimmtheit und Würde zurück."

Vom Tank Chair zu Wall-E

Wem das nun allzu sehr nach Hollywood-Happy-End klingt, der sollte hier besser nicht weiterlesen. Denn es kommt noch besser: Die Sodens haben tatsächlich eine direkte Verbindung zur Filmindustrie. Irgendwann im Jahr 2006, die Panzerstühle laufen längst in Serie, klingelt das Pixar-Studio an. Man habe von den Tank Chairs gehört, ein Ticket nach San Francisco liege für Brad bereit, bitte Stuhl mitbringen.

Drei Tage lang tuckert Soden an der US-Westküste über Hügel, durch Bäche und Geröll - verfolgt von zwei Dutzend Filmemachern, die eifrig in Notizblöcke schreiben. "Irgendwann haben sie mir eine Pappkiste auf den Kopf gesetzt und mich dann beim Fahren gefilmt", sagt Brad Soden.

Zwei Jahre später verlieben sich Filmzuschauer in aller Welt in einen kleinen Müllabfuhr-Roboter namens Wall-E. Wenn dieser eifrig putzend durch eine postapokalyptische Großstadt rollt, ist eine gewisse Ähnlichkeit zu den Tank Chairs aus der Provinz Arizonas unverkennbar. Bei der Premiere rollen die Sodens in den Monsterstühlen über den roten Teppich. Auch wenn die Gefährte, sagt der Erbauer, davon eigentlich unterfordert sind.

Mehr zum Thema


Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 26 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
MrSnoot 03.08.2013
1. optional
---Zitat--- Weltberühmter Nachbau: 2006 klingelte das Pixar-Studio bei Soden an. Die Animationsfilmer suchten Inspiration für einen kleinen Müllroboter. Drei Tage lang filmten und beobachteten sie Soden in einem seiner Tank Chairs. Zwei Jahre später verguckten sich Millionen Filmfans in Wall-E. Die Sodens stehen im Abspann. ---Zitatende--- Bei Pixar kennt man wohl Nr. 5 nicht!? Hätte ja schwören können, dass man dort abgeguckt hat.
Spiegelwahr 04.08.2013
2. Warum Panzer
Warum muss man diesen Kettenrollstuhl Panzer nennen. Muss man immer so übertreiben selbst, wenn diesen Kettenrollstuhl Veteranen der US Armee zusammenbauen. Bekommen die Veteranen sonst keinen Job in der Wirtschaft? Dieser Verdacht liegt doch nah. Denn von Veteranen mit Behinderung wird in keinen Wort erwähnt. Warum wird in Normalfall der Radantrieb bevorzugt gegenüber den Kettenantrieb. Weil der Radantrieb billiger, energiesparender und einfacher als ein Kettenantrieb ist und für 99% des Einsatzes ausreichend ist. Wie sehen die Chance unserer Veteranen auf unseren Arbeitsmarkt aus?
Aase 04.08.2013
3. Nee, brutales Niederwalzen von Allem und von Jedem / voin Jeder ist absolut jenseits von Gut und Böse und deshalb OBSOLET!
Bitte, bitte, mensch fahre doch stattdessen einen Adventure (siehe alber..de ; http://www.alber.de/produkte-rollstuhl-zusatzantrieb/elektrorollstuehle.html); der Elektrorollstuhl "Adventure" nimmt auch jede Grasnarbe und jede Schlucht und macht dabei null agressiven Eindruck auf die Umwelt. Der Elektrorollstuhl Adventure ist wenigstens multi-einsetzbar, an Stelle des Militär-alles-plattmach-Elektrorollstuhl des Amis. Bei den Amis muss offensichtlich alles brutal aussehen und alles auf Dritte einen brutalen Eindruck machen. Drunter gehts offensichtlich nicht. Völlig daneben sowas, die Ami-Brutalität; eben (a lá Hessen-CDU-Koch:) "brualst möglich".
wichtiger Kommentar 04.08.2013
4. an die Bastelfraktion
die Kiste ist zu breit versucht es wie beim Schneemobil mit einer Kette und 2 Rädern vorne
PantherSenf 04.08.2013
5.
Die Kettenvariante mal beiseite gelassen finde ich die Kombination von Rollstühlen und modernen (Mountainbike-) Reifen für ziemlich clever. Mit einer zusätzlichen Federung würde für Gelähmte die ihren Oberkörper zur Gewichtsverlagerung nutzen können, ein alltagstaugliches, extrem flexibles Fortbewegungs-Sportgerät erschaffen werden. Bevor ich höre : Schnappsidee: www.downhiller.de presents Aaron Fotheringham - YouTube (http://www.youtube.com/watch?v=A_Z7rV7kKnI&list=PL758F333EA0CE7398) 2:30-2:40 Ich bin auf jedenfall froh, dass meine zwei High-Tech Reifen hintereinander geschaltet sind.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2013
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.