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Tankwagen-Bombardement: Verteidigungsminister im Kreuzfeuer

Verteidigungsminister Jung bleibt dabei: Die Entscheidung, zwei gekidnappte Tanklaster in Afghanistan zu bombardieren, sei richtig gewesen. Inzwischen werden immer mehr Details zu dem Luftschlag bekannt. Unklar ist aber, ob auch Zivilisten getötet wurden. Jetzt fordert die Opposition eine Erklärung der Kanzlerin.

Afghanistan: Blutiger Angriff gegen Taliban Fotos
dpa

Berlin/Kunduz - Es war der schwerwiegendste Einsatz im Gebiet der Bundeswehr in Afghanistan: Die Deutschen haben die Bombardierung von zwei Tankwagen angefordert, die Taliban in der Nähe des Bundeswehrlagers in Kunduz gekapert hatten. Die Bomben schlugen ein, viele Menschen kamen dabei um. Nun sehen sich die Truppe, der Verteidigungsminister und die Kanzlerin schweren Vorwürfen ausgesetzt. Haben die Deutschen die Lage richtig analysiert? Hat man den Tod von Zivilisten in Kauf genommen?

Nach scharfen Worten aus dem Ausland - Frankreichs Außenminister Bernard Kouchner sprach von einem "großen Fehler", EU-Außenkommissarin Benita Ferrero-Waldner von einer "großen Tragödie" - gerät Franz Josef Jung nun auch innenpolitisch unter Druck.

Ulrike Merten, Vorsitzende des Verteidigungsausschusses im Bundestag, erklärte im Radiosnender MDR Info, sie habe lediglich eine Information von knapp 14 Zeilen erhalten. "Es ist nicht hinnehmbar, dass wir als Abgeordnete aus den Zeitungen entnehmen müssen, welche Einschätzungen der Minister hat, ohne dass ich dazu sagen könnte, dies ist richtig oder falsch." Die Grünen fordern eine Regierungserklärung von Angela Merkel, die Linke eine Aktuelle Stunde im Bundestag.

Die Kanzlerin versprach rasche Aufklärung: Deutschland werde der Nato-Untersuchungskommission alle relevante Informationen bereitstellen, versicherte sie bei einem Treffen mit dem britischen Premierminister Gordon Brown. Falls auch zivile Opfer zu beklagen seien, bedauere sie das zutiefst. Noch für dieses Jahr werde eine internationale Konferenz anvisiert, um die weitere Entwicklung in Afghanistan abzustecken. An der Diskussion um einen Rückzugstermin beteiligte sich auch Ex-Kanzler Gerhard Schröder - und stieß dabei auf Ablehnung in der SPD-Parteispitze.

Unabhängig von der politischen Diskussion ist noch immer nicht klar, was in der Nacht auf Freitag genau passiert ist: Wie gefährlich war die Situation für die Bundeswehr - und wie viele Menschen, wie viele Zivilisten starben?

Nach den bisherigen Erkenntnissen ließ die Bundeswehr am 3. September einen illegalen Kontrollpunkt der Taliban sieben Kilometer süd-westlich des deutschen Camps in Kunduz beobachten. In der Nacht zu Freitag brachten radikalislamistische Kämpfer dort zwei beladene Tanklastzüge in ihre Gewalt. Die beiden Fahrer wurden nach Angaben der Polizei geköpft. Der verantwortliche deutsche Kommandeur, Oberst Georg Klein, forderte daraufhin laut "Washington Post" einen amerikanischen B-1B-Bomber an, um nach den Transportern zu suchen. Tankwagen in den Händen von Terroristen, das ist eine äußerst beunruhigende Vorstellung - rollende Bomben.

"Sie kamen zu jedem Haus, zeigten ihre Gewehre"

Entdeckt wurden die Fahrzeuge schließlich, im Schlamm festgefahren, in einem Flussbett - sechs Kilometer vom deutschen Feldlager entfernt. Nach Angaben der "Washington Post" konnte die Crew Männer mit Panzerfäusten und anderen kleineren Waffen erkennen. Dann drehte die Maschine ab, wegen Treibstoffmangels.

Laut Nato forderten die Deutschen daraufhin F-15E-Kampfjets an. Eine halbe Stunde später, etwa 2.20 Uhr am Freitagmorgen, waren die Maschinen vor Ort. Die Besatzung übertrug Live-Bilder in das deutsche Kommandozentrum. Zugleich versicherte ein Informant telefonisch, bei allen Umstehenden handele es sich um Taliban. Laut "Washington Post" waren auf den Luftaufklärungsbildern etwa hundert Menschen zu sehen gewesen. Die Frage ist, wer waren diese Menschen?

In der "Washington Post" heißt es, die Taliban hätten Dorfbewohner mit Waffengewalt zur Hilfe gezwungen, um die feststeckenden Fahrzeuge wieder freizubekommen. "Sie kamen zu jedem Haus", wird ein Geschäftsmann zitiert, "sie fingen an, Leute zu schlagen, zeigten ihre Gewehre."

US-Konteradmiral Gregory Smith, Sprecher von Nato-Kommandeur Stanley McChrystal, erklärte inzwischen dazu, die Nachtaufnahmen seien von geringer Qualität gewesen. "Man kann nur Schatten sehen."

Kleine Punkte auf dem Bildschirm

Gegen 2.30 Uhr gab der deutsche Kommandeur in Kunduz den Befehl zum Luftschlag. Zwei Minuten später trafen die Bomben. Auf den Bildschirmen in der Kommandozentrale der Deutschen war die riesige Explosionswolke zu sehen. Der Feuerball leuchtete kilometerweit. Einige kleine Punkte, die wenigen Überlebenden, waren noch auf dem Bildschirm zu sehen. Es sei zu erkennen gewesen, heißt es bei der "Post", wie sie sich langsam von der Stelle wegbewegten.

Stunden später, um 6 Uhr deutscher Zeit, veröffentlichte die Bundeswehr auf ihrer Internetseite die Mitteilung: "Erfolgreicher Einsatz gegen Aufständische im Raum Kunduz". Entgegen der Direktive des Isaf-Kommandeurs McChrystal schickten die Deutschen laut "Washington Post" zunächst kein Erkundungsteam los, am Morgen wurde ein unbemanntes Aufklärungsflugzeug gestartet, das Fotos schoss. Thomas Raabe, Sprecher des Verteidigungsministeriums betonte später, deutsche Soldaten seien auf dem Weg zu dem Ort von Aufständischen angegriffen worden.

Erst um 12.30 Uhr trafen die ersten deutschen Soldaten am Ort des Geschehens ein und begannen mit der Untersuchung. Zu diesem Zeitpunkt waren die Leichen - gemäß islamischer Tradition - bereits weggebracht worden.

Die Bundeswehr spricht bislang von 56 Toten - Verteidigungsminister Jung beruft sich dabei auf den Gouverneur von Kunduz. "Der Bericht sagt, dies seien Taliban", so Jung. Die "Washington Post" berichtet unter Berufung auf ein Nato-Untersuchungsteam von 125 Toten. Mindestens zwei Dutzend der Toten seien keine Aufständischen gewesen.

Dass die Staatsanwaltschaft Potsdam nun prüfe, ob ein Ermittlungsverfahren wegen eines Tötungsdelikts gegen den deutschen Oberst eingeleitet werden müsse, hält Jung nicht für "sachgerecht". Der Mann habe eindeutig Gefahr für seine Soldaten abwenden müssen, so der Minister.

Die genaue Zahl der Opfer wird sich vermutlich nie ermitteln lassen.

ler/AP/dpa

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Forum - Welchen Sinn hat der Einsatz in Afghanistan?
insgesamt 5308 Beiträge
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1. Regierungshobby
Rainer Daeschler, 01.08.2009
Der Sinn, bzw. das Ziel, wird immer diffuser. An Afghanistan hat sich die Bundeswehr in Öffentlichkeits verträglicher Weise mit Hacke und Schaufel als Aufbauhelfer angeschlichen, um dann mit Schützenpanzer und Sturmgewehr gegen den mehrheitlichen Willen der Bundesbürger weiterzumachen. Inzwischen ist der Afghanistaneinsatz nur noch ein "Regierungshobby".
2. Welchen Sinn hat der Einsatz in Afghanistan?
Hilfskraft 01.08.2009
Zitat von sysopDie Kämpfe in Afghanistan weiten sich aus. Ein Fortschritt ist von außen schwer zu erkennen. Macht die Anwesenheit der Bundeswehrsoldaten in Afghanistan noch Sinn? Diskutieren Sie mit!
Seit Anfang an absolut keinen Sinn. Genau genommen sind wir auf Dubbelju´s Geheiss dort als Besatzer einmarschiert und der ist nicht mehr. Resultat: Terrorwarnungen ohne Ende. Davor gab es das nicht. H.
3. Krieg oder Frieden
Palmstroem, 01.08.2009
Zitat von Rainer DaeschlerDer Sinn, bzw. das Ziel, wird immer diffuser. An Afghanistan hat sich die Bundeswehr in Öffentlichkeits verträglicher Weise mit Hacke und Schaufel als Aufbauhelfer angeschlichen, um dann mit Schützenpanzer und Sturmgewehr gegen den mehrheitlichen Willen der Bundesbürger weiterzumachen. Inzwischen ist der Afghanistaneinsatz nur noch ein "Regierungshobby".
Es fehlt dem Volk oft nur der Weitblick. In der Region IRAN, AFGHANISTAN, KAUKASUS, PAKISTAN, IRAK, SAUDI-ARABIEN wird über Krieg oder Frieden in den nächsten 50 Jahren eine Entscheidung fallen. Und sie wird auch uns betreffen, egal ob die Bundesbürger mehrheitlich dafür oder dagegen sind.
4.
tom gardner 01.08.2009
Zitat von HilfskraftSeit Anfang an absolut keinen Sinn. Genau genommen sind wir auf Dubbelju´s Geheiss dort als Besatzer einmarschiert und der ist nicht mehr. Resultat: Terrorwarnungen ohne Ende. Davor gab es das nicht. H.
aber etwas anderes gab es bis zum tag des anschlages, der als grund fuer den einsatz in afghanistan angegeben wird - eine enge mitarbeit des angeblichen terrorfuersten osama bin laden bei den geheimdiensten der usa: "Bombshell: Bin Laden worked for US till 9/11" (http://www.dailykos.com/story/2009/7/31/760117/-Bombshell:-Bin-Laden-worked-for-US-till-9-11)
5.
gg art 5 01.08.2009
Zitat von sysopDie Kämpfe in Afghanistan weiten sich aus. Ein Fortschritt ist von außen schwer zu erkennen. Macht die Anwesenheit der Bundeswehrsoldaten in Afghanistan noch Sinn? Diskutieren Sie mit!
Ich stimme mit der Mehrheit überein. Überhaupt keinen Sinn. Die hier tun mir nicht Leid, denn die wollten dahin: http://www.dw-world.de/dw/function/0,,12356_cid_4533334,00.html Hingegen diese hier ja, denn sie haben unter der Besatzung nur zu leiden, aber wen in der Westlichen Welt interessiert´s schon? http://www.dw-world.de/dw/function/0,,12356_cid_4532869,00.html?maca=de-de_na-2225-xml-atom Und wie in jedem Krieg, werden die Opfer die durch den eigenen Einsatzt produziert werden bestimmt heruntergespielt. Ist nun mal so mit der Kriegspropaganda.
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