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Anschlag von San Bernardino: Das mysteriöse Terrorpärchen

Von , Washington

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AP/HO/FBI und CDM

Attentäter Tashfeen M. und Syed F.: Ermittler gehen von Selbstradikalisierung aus

Die US-Ermittler stufen das Attentat von San Bernardino als Terrorakt ein. Im Fokus der Fahndungen steht plötzlich die Frau Tashfeen M. und die Frage: Wie wurde aus der Mutter eine Massenmörderin?

Sie kamen, feuerten und hinterließen 14 Tote: Was das Ehepaar Seyd F. und Tashfeen M. am Mittwoch in San Bernardino anrichtete, wühlt Amerika auf. Nach tagelanger Unsicherheit sind sich die US-Ermittler zumindest in einem sicher: Der Angriff war auch islamistisch motiviert, er wird inzwischen als Terrorakt eingestuft.

Was ist über die Angreiferin bekannt?

Tashfeen M. stand bis zum Freitagmorgen nicht im Fokus der Aufmerksamkeit, auch die Ermittler schienen sich eher auf ihren Ehemann zu konzentrieren. Von M.'s Profil war wenig bekannt. Es gab kein Foto, alles was man wusste, war, dass sie 27 Jahre alt war, ursprünglich aus Pakistan stammte und ein halbjähriges Baby hatte. Inzwischen gilt ihre Person als entscheidend für die These der Ermittler, dass der Angriff einen religiösen Hintergrund hatte.

Die Fahnder fanden heraus, dass M. - angeblich unter anderem Namen - ein Facebook-Profil besaß. Dort soll sie dem Anführer des "Islamischen Staates", Abu Bakr al-Baghdadi, die Treue geschworen haben, und zwar just in dem Moment, als der Angriff auf die Sozialeinrichtung in San Bernardino begann. Weder sind weitere Details zum Profil bekannt noch ist klar, wie der Treueschwur genau aussah. "Wir schauen uns das Profil noch immer an", sagte FBI-Mann David Bowdich.

Längst durchleuchten die Ermittler ihre gesamte Biografie. Einige Grunddaten sind inzwischen bekannt: M. wurde in Südpakistan geboren, zog vor rund 25 Jahren offenbar mit ihrem Vater nach Saudi-Arabien und ging wohl 2007 noch einmal zurück, um Pharmazie zu studieren. Ihren Ehemann lernte sie vor zwei Jahren auf einer Pilgerreise im saudi-arabischen Mekka kennen. Im vergangenen Jahr reiste sie an der Seite von Seyd F. mit einem Angehörigenvisum in die USA ein. Bei den üblichen Sicherheitschecks und Interviews rund um ihren Visaantrag zeigte sie keine Auffälligkeiten, allerdings benutzte sie für den Antrag offenbar eine pakistanische Adresse, die nicht existierte, wie der Sender ABC herausfand.

Im August 2014 heirateten M. und F. im kalifornischen Riverside County, vor sechs Monaten bekamen sie eine Tochter. In Redlands muss sie wie eine Art Geist gelebt haben. M.'s Sozialleben beschränkte sich offenbar auf das Notwendigste, Außenkontakte hatte sie laut dem Anwalt der Familie kaum. Selbst einige Männer in der Familie hätten sie nie zu Gesicht bekommen. Wann immer Gäste im Haus waren, seien Männer und Frauen in getrennten Räumen gewesen, berichtete der Anwalt.

Was ist über den Angreifer bekannt?

Etwas mehr wissen die Behörden über Syed F. Der 28-Jährige hat ebenfalls pakistanische Eltern, wurde aber in den USA geboren. Er hatte eine schwierige Kindheit, sein Vater war Alkoholiker und quälte die Familie. In den Scheidungspapieren gab seine Mutter an, von ihrem Mann einmal vor ein Auto gestoßen worden zu sein. F. studierte und arbeitete anschließend bei der lokalen Gesundheitsbehörde, deren Feier er am Mittwoch stürmte.

Bekannten galt F. als frommer, aber nicht radikaler Muslim. Jahrelang ging er täglich zum Beten in eine Moschee in Riverside. Mindestens zweimal reiste er nach Saudi-Arabien. Seit einiger Zeit besuchte er eine Moschee in San Bernardino. Angeblich soll F. telefonisch und über soziale Netzwerke Kontakt zu Extremisten im In- und Ausland gehabt haben, allerdings werden den Kontakten von Sicherheitsbehörden laut "New York Times" nicht viel Bedeutung beigemessen, da sie bereits einige Jahre zurückliegen. Auf einer Dating-Website im Internet gab F. unter anderem an, gerne zu schießen. Von den vier beim Angriff verwendeten Waffen waren zwei auf seinen Namen registriert. Mit dem Gesetz kam er nie in Konflikt. Auch war er auf keiner Liste des FBI, wurde also weder persönlich noch indirekt in extremistischen Zusammenhängen auffällig.

Eine Rolle in der Frage, was hinter dem Angriff steckt, könnten auch Konflikte am Arbeitsplatz gespielt haben. Vor zwei Wochen soll er sich im Büro heftig mit einem jüdischen Kollegen über die Rolle des Islam gestritten haben. Zeugen haben von einer lauten Auseinandersetzung gesprochen. Der jüdische Arbeitskollege war in der Sozialeinrichtung als vehementer Israel-Unterstützer bekannt. Einen Tag vor dem Angriff soll er auf seinem Facebook-Profil eine Morddrohung erhalten haben, berichten US-Medien.

War der Terrorakt gesteuert?

Möglich, aber eher unwahrscheinlich. Nach allem, was man bisher weiß, agierten die beiden alleine. Zwar scheint es einen indirekten IS-Bezug zu geben. Aber dass M. dem Anführer der Terrororganisation die Treue schwor, bedeutet nicht automatisch, dass der IS vorab in die Pläne eingeweiht war oder den Angriff womöglich koordinierte.

F. hatte laut "Los Angeles Times" Kontakt zu den islamistischen Terrorgruppen Nusra-Front in Syrien und al-Shabaab in Somalia. Das berichtete das Blatt am Freitag unter Berufung auf einen Vertreter der Strafverfolgungsbehörden. Es ist aber unklar, worin dieser Kontakt bestand.

Die Ermittler gehen von einer "Selbstradikalisierung" der beiden Täter aus. Gleichwohl glauben sie, dass der Angriff geplant gewesen sein muss. Als stärkstes Indiz dafür gilt neben der professionellen Ausrüstung und dem großen Waffenarsenal zu Hause, dass das Ehepaar am Tag vor dem Angriff damit begann, seine digitalen Spuren zu verwischen, Festplatten und Speichermedien zu löschen und Handys zu zerstören.

Video: FBI stuft Attentat als Terrorakt ein

Was sind die weiteren Spuren der Ermittler?

Die Ermittler hoffen, über drei Wege die Hintergründe des Attentats vollständig aufklären zu können. Die Biografie der Angreifer wird auch mit Hilfe ausländischer Nachrichtendienste durchleuchtet. Pakistanische Behörden haben bereits damit begonnen, Verwandte von M. im Süden des Landes zu vernehmen. Saudi-arabische Behörden sind ebenfalls involviert, ließen jedoch bereits wissen, dass über M. keine einschlägigen Informationen vorlägen. Von den sichergestellten Geräten - zerstörte Telefone, Festplatten, Computer - erhoffen sich die Fahnder weitere Informationen über die Kommunikation der beiden.

Eine dritte Spur führt über die Waffen, die F. und M. mit sich führten. Zwei Handfeuerwaffen kaufte F. selbst. Die zwei halbautomatischen Waffen, mit denen das Ehepaar den Angriff offenbar durchführte, wurden 2011 und 2012 von einem Bekannten gekauft. Dieser Bekannte, so die Lesart der Behörden, könnte vor allem für die Frage entscheidend sein, inwiefern weitere Personen in die Anschlagspläne eingeweiht waren.

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Angriff in Kalifornien: Tödliche Schüsse in San Bernardino

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Staats- und Regierungschef: Barack Obama

Vizepräsident: Joseph R. Biden

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