Tea-Party-Bewegung in den USA Die Anti-Obama-Partei

Der US-Präsident ist für sie ein Sozialist, der Staat zu groß: Am rechten Rand der amerikanischen Politik formieren sich radikale Konservative. Sie nennen sich Tea-Party-Bewegung und wollen zunächst die Republikanische Partei kapern. Sie eint ihr knallharter Widerstand gegen Barack Obama.

Aus Tampa, Florida, berichtet


Fotostrecke

18  Bilder
Obamas erstes Jahr: Klima, Krieg und Krisen
Tagsüber handelt Tom Gaitens, 44, mit Rohstoffen: mit Öl, Kupfer, Erz und Blei. Sein Büro liegt in einem grauen Schlafstädtchen mitten in Florida. Gaitens ist ein kleingewachsener Mann, seine quergestreifte Krawatte beißt sich mit seinem längsgestreiften Hemd. Er hat einen schlaffen Händedruck. Seine Arbeit langweilt ihn offensichtlich.

Doch abends beginnt er ein zweites Leben.

In einem italienischen Kettenrestaurant, direkt an der Schnellstraße im Örtchen Brandon, erklärt er die große Welt. Und ist da unter den Zuhörern nicht sogar Sarah Palin?

Barack Obama ist für Gaitens "ein Staatsliebhaber und Sozialist". Die amerikanischen Bürger? Bereit zur Revolution, wie einst die Aufständischen gegen die britischen Kolonialausbeuter. "Wir, die Mittelklasse Amerikas, holen uns unser Land zurück. Wir lassen es uns nicht länger gefallen, dass der Präsident sich wie ein sozialistischer Diktator gebärdet und unsere Verfassung mit Füßen tritt", ruft er.

Die Frau neben ihm, andächtig zuhörend, ist nicht wirklich Palin, sondern Toms Bekannte Stacy, doch sie sieht aus wie Sarah Palin: fast dieselben Brillengläser, dieselbe Frisur, sie trägt ein tief ausgeschnittenes Kostüm. Beim Wort Sozialismus schreibt sie heftig nickend mit, sie betet vor dem Essen, nach der Mahlzeit packen Tom und Stacy die Bruschetta-Reste sorgfältig in Plastikboxen, für die Kinder daheim. Tom hat drei, Stacy sechs.

Amerikas neue Graswurzelbewegung

Der Präsident und die echte Palin, die mittlerweile 100.000 Dollar pro Redeauftritt verlangt, sind weit weg. Doch Gaitens und seine Anhänger finden Gehör. Bei der Republikanerin Palin wie auch im Weißen Haus. Der Rohstoffhändler ist einer der führenden Männer der Tea-Party-Bewegung, die nach nur einem Jahr Obama dessen Heer von "Yes, we can"-Jüngern als wichtigste Graswurzelbewegung der amerikanischen Politik abgelöst hat. Sie könnten den Präsidenten stoppen - und Amerikas Konservativen neues Leben einhauchen.

Die Protestler beziehen sich auf den Aufstand in Boston 1773, als Siedler in Amerika die Teesäcke der East India Trading Company ins Hafenwasser schleuderten. Sie wollten weniger Steuern und mehr Mitbestimmung - und die Aufständischen von heute wollen das auch. "Wie unsere Vorfahren gegen König Georg III. müssen wir uns gegen die Regierung Obama wehren", sagt Gaitens.

Er geht den Kalender der kommenden Wochen durch, er rattert die Teilnehmerzahlen herunter. 500, 1000, 5000. Zum Tax Day am 15. April, wenn Amerikaner ihre Steuern zahlen müssen, sollen Tausende Protestaktionen im ganzen Land stattfinden, zum Unabhängigkeitstag auch. Ach ja, und zwischendurch noch die Unterrichtsklassen für politisch lernwillige Bürger. Auf dem Lehrplan: Der Staat muss schrumpfen, der Staat ist schlecht, Sozialismus ist böse. Gaitens ist ausgebucht, "die Leute dürsten nach Wissen", sagt er.

"Wie ein Mussolini im Weißen Haus"

41 Prozent der Amerikaner bewerten in Umfragen die Bewegung als positiv. Sie sind die Krisengewinnler in einem Land, dessen Einwohner in Umfragen immer noch überwiegend Misstrauen gegen eine starke Rolle des Staates hegen. Die Finanz- und Wirtschaftskrise hat diesen Argwohn paradoxerweise vergrößert. Denn die Staatsschuld stieg immer weiter, und immer mehr Bürgern platzte der Kragen. Eine staatlich subventionierte Krankenversicherung für die Armen wollen sie nicht auch noch finanzieren.

Als Tea-Party-Protestler im Sommer 2009 bei Bürgersprechstunden gegen Obamas Gesundheitsreform auftauchten und schrien: "Ich will mein Land zurück", taten viele sie als Globalisierungsverlierer mit schlechten Zähnen ab. Doch schon ein paar Monate später pilgerten Zehntausende von ihnen nach Washington - angefeuert vom ehemaligen Alkoholiker und bekennenden konservativen TV-Talker Glenn Beck, der zum Marsch auf die Hauptstadt aufgerufen hatte. Seither haben sie noch mehr Zulauf, Leute von Anfang 20 bis Anfang 80, die meisten stehen den Republikanern nahe, doch selbst Demokraten sind darunter.

insgesamt 2125 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Landegaard 20.01.2010
1.
Zitat von sysopVor einem Jahr trat Barack Obama als neuer Präsident der USA an. Viele Hoffnungen und Wünsche knüpften sich an seine Regierung. Wie hat Barack Obama diese Erwartungen erfüllt? Wie sehen Sie das erste Jahr seiner Amtszeit?
Über die Erfüllung von Hoffnungen und Wünschen muss nicht geredet werden, auf diesem Feld hat er gar nichts erreicht. War vielleicht nicht zu erwarten, aber er hat extreme Erwartungen geweckt und ist auf einer BEgeisterungswoge ins WH getragen worden, die er nicht nutzen konnte. Er hat eine fabelhafte Rede in Kairo gehalten und eine nötige und klare Ansage Richtung Israel gemacht. Die Adressaten jedoch waren keine seiner begeisterten Wähler. Nach diesen Reden, die noch nichts bewegten, ist nichts mehr gekommen. Seine Healthcare-Reform steckt im Morast der politischen Zerfleischung fest, indem es ihm nicht gelingt, seinen Wählern deutlich zu vermitteln, wo der Masterplan und Gewinn der Reform liegt, sondern sieht zu, wie die destruktiven Parolen seiner Gegner Wirkung entfalten. Für mich die erstaunlichste Entwicklung. Ich glaube nicht, dass diese Nacht die Präsidentschaft Obamas endete, es ist allerdings die deutliche Quittung für ein verpfuschtes Jahr, die er sich auch redlich verdient hat. 2010 muss ihm einiges mehr gelingen als 2009, wobei man sich fragen kann, wie das funktionieren soll, wenn ihm 2009, wo er über in den USA selten verfügbaren, extremen Rückenwind verfügte und mit gegnern zu tun hatten, die eher noch mit der Organisation des Generationswechsels beschäftigt war
Querkopf58 20.01.2010
2. Ging denn überhaupt viel mehr?
Sicherlich gibt es hier noch viele offene Fragen und Probleme. Ist aber der mächtigste Mann der Welt nicht auch in ein System von Beamten, Lobbyisten, "Falken" und "Tauben", "Ewig-Gestrigen" und Visionären eingebunden? Wichtig ist doch wohl, daß hier jemand nach der katastrophalen Bush-Ära ein neues Klima in die Welt bebracht hat, Hoffnung und Zuversicht. Dieser charismatische Mann hat jetzt doch schon mehr positives, wenn auch nicht immer greifbares, bewirkt, als der Bush in weiteren 20 Jahren hätte mit seinen Einstellungen und seinem Intellekt erreichen können. Eine solche Persönlichkeit ist in Deutschland zur Zeit nicht in Sicht. Dieses Gemurkse und Geschiebe. Hier geht es nur um Ämter und Einfluß, um banale Gruppeninteressen. Der Parteienwust ist mindestens so wie bei uns zu Ostzeiten, die Kanzlerin hat eine Ausstrahlung wie ein Straßenbaum, wobei der wenigstens gut für das Klima ist. Etwas Hoffnung macht da Herr zu Guttenberg, auch wenn er parteipolitisch nicht unbedingt meinen Intentionen entspricht, er scheint aber Charakter zu haben und könnte vielleicht was bewegen. Würde man ihn lassen?
Bernd Dahlenburg 20.01.2010
3. Besser konnte es gar nicht kommen....
Zitat von sysopVor einem Jahr trat Barack Obama als neuer Präsident der USA an. Viele Hoffnungen und Wünsche knüpften sich an seine Regierung. Wie hat Barack Obama diese Erwartungen erfüllt? Wie sehen Sie das erste Jahr seiner Amtszeit?
Überhaupt nicht gut getroffen, lieber virtuleller SPIEGEL: Einem Nobody wurde ein Friedensnobelpreis verliehen, der ihn nicht verdient hatte, und ein Appeeaser, der gegenüber dem Iran jetzt dasteht wie der letzte Depp. Sorry Obama: Let the matter rest!
ohmscher 20.01.2010
4. Darf man Obama nicht so fotografieren wie andere Menschen?
Nach dem hundertsten so gesehenen Foto würde mich einmal interessieren, ob Obama oder seine PR-Strategen Anweisungen gegeben haben, sein Gesicht immer nur leicht von unten zu fotografieren, so dass der Betrachter zu ihm aufsieht.
nahal, 20.01.2010
5.
Zitat von Bernd DahlenburgÜberhaupt nicht gut getroffen, lieber virtuleller SPIEGEL: Einem Nobody wurde ein Friedensnobelpreis verliehen, der ihn nicht verdient hatte, und ein Appeeaser, der gegenüber dem Iran jetzt dasteht wie der letzte Depp. Sorry Obama: Let the matter rest!
Get schlecht. Er ist noch, bis 2012, Präsident.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Diskussion geschlossen - lesen Sie die Beiträge! zum Forum...

© SPIEGEL ONLINE 2010
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.