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US-Republikaner Ted Cruz: Der Kandidat Gottes

Von , Washington

Er will US-Präsident werden: Ted Cruz bewirbt sich als erster Republikaner auf die Kandidatur. Bei einem Auftritt vor christlichen Studenten inszeniert er sich als erzkonservativer Nischenkandidat. Funktioniert das?

Männer mit einem Programm wie Ted Cruz fahren gemeinhin gern in die Stadt Lynchburg im Süden Virginias. Dort hat die "Liberty University" ihren Sitz, die größte christliche Universität der Welt. Wer in Lynchburg den Klimawandel leugnet, Homosexualität nicht so gut findet und außenpolitisch hartes Schwarz-Weiß-Denken bevorzugt, der kann an der "Liberty" mit wohlwollendem Publikum rechnen.

Ted Cruz, 44 Jahre, US-Senator aus Texas, braucht an diesem Montag genau solch ein Publikum. Denn Cruz ist gekommen, weil er Präsident der Vereinigten Staaten werden will. Bekannt ist er der Nation, seit er im Herbst 2013 mehr als 21 Stunden am Stück gegen Obamas Gesundheitsreform geredet und auch danach allerhand dafür getan hat, das politische System lahmzulegen.

An diesem Märzmorgen nun steht er vor Tausenden Studenten, die sich in der Sportarena versammelt haben. Erst gibt es christliche Rockmusik, in deren Texten Gott ein paar Berge versetzt, dann ist Cruz dran. Auf der Bühne steht kein Pult, nichts. Cruz hat ein Mikro angeklemmt, wandelt auf und ab, er redet frei. Es gibt nur wenige Politiker in Washington, die rhetorisch so begnadet sind.

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Republikanischer Kandidat Ted Cruz: Mit Töchterchen auf der Bühne
Natürlich wusste schon vorher jeder in der Halle, dass der Mann auf der Bühne steht, um seine Präsidentschaftskandidatur zu erklären. Er hatte es in der Nacht zuvor per Twitter angekündigt, außerdem einen 30-Sekunden-Clip ins Netz gestellt. Amerikanische Landschaften, Motorradfahrer, Kinder, eine Kirche, die Golden Gate Bridge und dann Cruz aus dem Off: Er sei bereit, den Kampf für ein stärkeres Amerika anzuführen. Der übliche Politkitsch.

In Lynchburg erzählt er von seiner Familie: Vom Vater, der in Kuba mit (!) Fidel Castro kämpfte, von den Schergen des Diktators Batista gefoltert wurde und dann in die USA floh; der zu viel trank, die Familie verließ, zu Gott fand und reuig zurückkehrte; von der Mutter, die sich aus kleinen Verhältnissen nach oben gearbeitet hat. Ein bisschen uramerikanische Tellerwäscherstory, ein bisschen Gottesfürchtigkeit, fertig.

Wer Präsident werden will, der braucht eine Geschichte. Barack Obama hat vor sieben Jahren das Lehrbuchbeispiel geschaffen, als er sich als der Kandidat inszenierte, in dessen Lebensgeschichte sich eine ganze Nation verkörpert sehen konnte. Cruz dagegen inszeniert sich vor den Studenten als Kandidat der Nische. Es geht nicht um Versöhnung, sondern um Mobilisierung.

Cruz verweigert den Kompromiss

Um in den Vorwahlen eine Chance zu haben, braucht Cruz die Rechtsaußen-Republikaner, vor allem die Evangelikalen - deshalb der Auftritt in Lynchburg. Die stellen zwar nicht die Mehrheit in der Partei, sind aber die aktivste Gruppe. Da liegt Cruz' Chance gegen potenzielle Mitte-Rechts-Kandidaten wie Jeb Bush, Chris Christie oder auch Wisconsins Gouverneur Scott Walker. Schon vor Wochen hat er angekündigt, eine "Graswurzel-Guerilla-Kampagne" führen zu wollen, die auf Kleinspender setzt. So hat er schon seinen Sitz im Senat gewinnen können.

Ein "couragierter Konservativer" will Cruz sein. Heißt: einer, der keine Kompromisse eingeht. Das ist natürlich ein Problem in einem auf Kompromisse angelegten System wie dem amerikanischen. Cruz' Versprechungen also sind reichlich radikal: Als Präsident will er …

  • … den verpflichtenden Krankenversicherungsschutz (Obamacare) abschaffen,
  • … eine Flat Tax einführen, sodass die Bürger ihre Steuererklärung auf einer Postkarte machen können,
  • … den Datenschutz stärken,
  • … den islamistischen Terrorismus bekämpfen und besiegen,
  • … keinen Atomdeal mit Iran schließen wie Obama.

Dass er in Kanada geboren ist, erwähnt Cruz nur beiläufig. Längst hat er prüfen lassen, ob das ein juristisches Problem sein könnte, weil der US-Präsident "gebürtiger amerikanischer Staatsbürger" sein muss. Es ist wohl kein Problem, denn Cruz ist wegen seiner amerikanischen Mutter von Geburt an US-Bürger.

Cruz erinnert schließlich an die Herausforderungen, die George Washington (schwierige Gesamtlage gegen die Briten), Franklin Roosevelt (schwierige Lage in Europa) und Ronald Reagan (schwierige Wirtschaftslage) meisterten. Er sagt, "dass Gott noch nicht durch ist mit Amerika" und dann: "Heute gebe ich bekannt, dass ich mich um die Präsidentschaft der Vereinigten Staaten bewerbe." Washington, Roosevelt, Reagan, Gott und Cruz - alles drin.

Unliebsame Shirts im Publikum

Mit seiner Ankündigung ist Cruz den Mitbewerbern zuvorgekommen, noch keiner der anderen hat sich offiziell erklärt. Cruz musste handeln, weil er insbesondere gegen Scott Walker und den Radikalliberalen Rand Paul ins Hintertreffen geraten war. Bei seinem Auftritt vor den "Liberty"-Studenten konnte er sich eines großen Publikums sicher sein, die Teilnahme war verpflichtend.

Im Gegenzug ist er das Risiko eingegangen, dass sich so viele Studenten kaum kontrollieren lassen. Das zeigt sich ausgerechnet in den letzten Minuten, als er mit Frau und Kindern auf der Bühne steht. Denn da fangen die Kameras nicht nur die winkende Familie ein, sondern auch Studenten mit knalligen T-Shirts. Darauf, nicht zu übersehen, steht der Name des Rivalen: Rand Paul.

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insgesamt 41 Beiträge
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1.
Immanuel_Goldstein 23.03.2015
Der Herrgott bewahre die Amerikaner und uns vor solch einem Präsidenten.
2. Haha, eine Rede vor Leuten, bei der AnwesenheitsPFLICHT herrscht...
foerster.chriss 23.03.2015
... soviel zu den neoliberalen Freiheiten, die er beschwört.
3. Amerikanische Politiker
Inselbewohner, 23.03.2015
Nun mir machen amerikanische Politiker mit kruden politischen Ansichten keine Angst. Wovor ich aber Angst habe sind politisch religiöse Politiker. Was dabei raus kommt haben wir bei WW Bush gesehen der meinte Gott habe ihm befohlen in den Irak einzumarschieren. Die Theokratie in den USA nimmt immer beängstigendere Züge an. Gruß HP
4. Ted Cruz: der Marathon-Redner
DieKritik 23.03.2015
Ted Cruz blockierte durch eine inhaltslose, ewige Rede den politischen Prozess und hat damit dem amerikanischen Volk geschadet. Ausgerechnet ein solch verlogenes, machtgieriges, bigottes Bürschlein will jetzt Präsident werden. Jeder informierte, denkende Mensch muß Widerstand leisten!
5.
_SethGecko_ 23.03.2015
Zitat von Immanuel_GoldsteinDer Herrgott bewahre die Amerikaner und uns vor solch einem Präsidenten.
Dazu brauch es keinen Gott. Wahlen werden auch in den USA nach wie vor in der Mitte gewohnen und nicht durch irgendwelche rechtsaußen Gruppen. Mitt Romney hatte es schon extrem geschadet, dass er im Vorwahlkampf zu rechts gestartet war und das obwohl er im Vergleich zu Cruz noch relativ moderate Töne anschlug. Ich würde darauf wetten, dass es letztlich auf Hillary Clinton gegen Jeb Bush hinausläuft, wobei Clinton dann einen Hispanic als running mate nehmen sollte, wodurch sie insgesamt gute Chancen auf die Präsidentschaft hätte.
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Bevölkerung: 318,857 Mio.

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