Teenager-Soldat in Afghanistan: Mit Trick 17 an die Front

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Er war kräftig, selbstbewusst, groß für sein Alter - und konnte es kaum erwarten, gegen die Taliban zu kämpfen. So schummelte sich Adam Wilkie bis in die gefährlichste Region Afghanistans. Da war der britische Soldat aber gerade 17 Jahre alt. Das Verteidigungsministerium "bedauert den Fehler".

Teenager in Afghanistan: Lügen für den Fronteinsatz Fotos
Paul Lewis

Hamburg - Die Helmand-Region gilt als hochgefährlich - selbst für Afghanistan. Nirgends ist der Widerstand gegen die westlichen Truppen größer, nirgends floriert der Drogenanbau so wie in der Provinz im Südwesten des Landes. Genau in diesem Krisengebiet beeindruckte der Soldat Adam Wilkie seine Kommandeure mit "seinem Mut während zahlreicher Feuergefechte". So schreibt es die britische "Daily Mail".

Das Problem: Der junge Mann aus Manchester war zu diesem Zeitpunkt erst 17 Jahre alt. Durch Tricks, Zufälle und formale Fehler schaffte es Wilkie trotzdem an die Front - wie jetzt bekannt wurde. Damit sorgt er in seiner Heimat für heftige Kritik am Management der Streitkräfte.

Drei Monate hätte Wilkie bis zu seinem Geburtstag noch warten müssen, dann wäre der Einsatz in Afghanistan nach den Statuten des Militärs legal gewesen. Ein Abkommen mit Vereinten Nationen aus dem Jahr 2003 lässt keinen Spielraum bei den Altersvorgaben für Soldaten. Zwar können Briten den Streitkräften schon mit 16 Jahre beitreten, in Feuergefechte dürfen sie dagegen erst ab 18 Jahren geschickt werden.

"Er wollte sich da draußen beweisen"

So viel Geduld konnte der Teenager offenbar nicht aufbringen. Gegenüber seinen Vorgesetzten schwindelte er, was sein Alter angeht. Und diese glaubten dem großgewachsenen, kräftigen Wilkie - ohne die erforderlichen Dokumente zu prüfen. "Er konnte es kaum erwarten, da rauszugehen und sich zu beweisen. Er wusste natürlich, dass er minderjährig war. Aber Adam sieht viel älter aus, als er ist", zitiert das Boulevardblatt "The Sun" eine namentlich nicht genannte Person, die mit der Situation vertraut ist.

Der Plan ging auf: Sechs Wochen lang patrouillierte Wilkie im Jahr 2010 in der umkämpften Provinzhauptstadt Lashkar Gah. Dort, so hat es die Armee bestätigt, kam es zu intensivem Feindkontakt mit den Taliban. Über die Zahl der Gefechte, in die Wilkie verwickelt war, schweigen sich die offiziellen Stellen jedoch bisher aus. Fotos in britischen Zeitungen zeigen Wilkie in voller Kampfmontur und schwerbewaffnet im Kreise seiner Kameraden.

Kein Bier im Pub - aber ein Gewehr in der Schlacht

"Die Tatsache, dass eine Person im Alter von 17 Jahren und neun Monaten in einen Kriegsschauplatz geschickt wurde, ist höchst bedauerlich. Das geht klar gegen jede unserer Altersregelungen", zitiert die "Daily Mail" einen Sprecher des britischen Verteidigungsministeriums. Ein solcher Vorfall sei "extrem selten" und auf menschliches Versagen zurückzuführen.

Trotz dieser Erklärungen sind Spott und Entrüstung in Großbritannien riesig: Wilkie könne zu Hause noch kein Bier bestellen - aber in lebensgefährliche Schlachten geschickt werden, ätzt die "Sun". Die "Daily Mail" bemerkt, zum Zeitpunkt seiner Entsendung an den Hindukusch habe Wilkie kein Ego-Shooter-Videospiel kaufen, wohl aber selber auf Taliban feuern können.

Doch wie konnte es zu diesem "extrem seltenen" Vorfall kommen? Die Erklärungen sind bisher spärlich. Mit seiner Einheit, Spitzname "Die Löwen von England", war Wilkie auf Zypern stationiert. Von dort schickt das "2nd Battalion of the Duke of Lancaster's Regiment" bei Bedarf akklimatisierte Soldaten nach Afghanistan. Offenbar, so spekulieren britische Medien, waren die Sicherheitskontrollen auf der Mittelmeerinsel deutlich laxer als daheim im Königreich.

Wilkie ist zurück bei seiner Einheit

Nachdem sein Bluff aufgeflogen war, wurde Wilkie umgehend nach Großbritannien zurückgeschickt. Im Verteidigungsministerium bemüht man sich nun um rasche Schadensbegrenzung: "Die Armee hat Maßnahmen eingeleitet, die sicherstellen, dass sich so etwas nicht wiederholt", sagte ein Sprecher.

Wie gefährlich die Helmand-Region für ausländische Truppen sein kann, beweist ein Zwischenfall vom Donnerstag. Gegen 11 Uhr am Vormittag detonierte im Zentrum von Lashkar Gah eine Autobombe. Vier Afghanen kamen ums Leben. Unter den rund 40 Verletzten befinden sich auch drei britische Soldaten. Offenbar wurde der Sprengsatz gezündet, als ihr gepanzertes Fahrzeug an dem Auto vorbeifuhr.

Von solchen Vorfällen - oder von der Aufregung in seiner Heimat - lässt sich Adam Wilkie jedoch nicht abschrecken. Nach Angaben der britischen Streitkräfte ist er schon vor längerer Zeit zu seiner Einheit zurückgekehrt. Wilkie ist inzwischen 19 Jahre alt - und damit offenbar alt genug für den Krieg.

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insgesamt 134 Beiträge
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1. Darwin Award?
titanic75 27.01.2012
Da konnte es wohl einer nicht abwarten, Kanonenfutter zu werden...
2.
totalmayhem 27.01.2012
Zitat von sysopEr war kräftig, selbstbewusst, groß für sein Alter - und konnte es kaum erwarten, gegen die Taliban zu kämpfen. So schummelte sich Adam Wilkie bis in die gefährlichste Region Afghanistans. Da war der britische Soldat aber gerade 17 Jahre alt. Das Verteidigungsministerium "bedauert den Fehler". http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,811797,00.html
und 9 Monate alt. Na und? In Afrika gibt es viel juengere "Soldaten". Ausserdem sollten gerade wir Deutschen den Ball schoen flachhalten und uns nicht echauffieren. Spielberg belehrte uns doch gerade, dass deutsche Vaeter im Jahre 1914 ihre 14-jaehrigen Soehne an die Armee verhoekerten fuer den Frankreichfeldzug (wo sie dann mal eben ohne Militaergerichtsverfahren einfach so als Deserteure abgeknallt wurden).
3. Überlegung!
hajo58 27.01.2012
Zitat von sysopEr war kräftig, selbstbewusst, groß für sein Alter - und konnte es kaum erwarten, gegen die Taliban zu kämpfen. So schummelte sich Adam Wilkie bis in die gefährlichste Region Afghanistans. Da war der britische Soldat aber gerade 17 Jahre alt. Das Verteidigungsministerium "bedauert den Fehler". http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,811797,00.html
Gerade habe ich mir überlegt, wie ich reagiert hätte ,wenn dieser Junge mein Sohn wäre.
4. Hier muss einer nicht schummeln,
gandhiforever 27.01.2012
Zitat von sysopEr war kräftig, selbstbewusst, groß für sein Alter - und konnte es kaum erwarten, gegen die Taliban zu kämpfen. So schummelte sich Adam Wilkie bis in die gefährlichste Region Afghanistans. Da war der britische Soldat aber gerade 17 Jahre alt. Das Verteidigungsministerium "bedauert den Fehler". http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,811797,00.html
um als Siebzehnjaehriger in den Krieg ziehen zu koennen. Mir ist ein solcher Fall bekannt. Der patriotische Jugendliche wurde Spezialist im Einsammeln von Leichenteilen. Doch das Ganze ging nicht ohne Spuren an ihm vorbei. Nach 5 Jahren Krieg hat er auch zu Hause eine Leiche eingesammelt (nachdem er den Tod verursachte). Nun schmachtet er im Gefaengnis.
5. komisch
hansmaus 27.01.2012
Im Artikel wird was von Krieg in Afghanistan geschrieben, ich dachte bisher das dort garkein Krieg ist oder bezieht sich das Wort Krieg auf alle ausländischen Soldaten außer den deutschen die ja laut unseren Politikern garnicht im Krieg sind.
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