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Teheran: Schwere Straßenschlachten nach Ahmadinedschads Wahlsieg

Aus Teheran berichtet Ulrike Putz

Sie wittern Betrug, und sie sind wütend: Berauscht vom Gefühl ihres Zusammenhalts gehen nach der Wahl in Iran Tausende auf die Straßen, liefern sich brutale Kämpfe mit der Polizei. Sie protestieren gegen Machthaber Ahmadinedschad - trotz geringer Aussicht auf Erfolg.

Teheran - Ein paar Dutzend, ein paar hundert, dann plötzlich Tausende: Wie aus dem Nichts formiert sich an diesem Samstagmittag ein Demonstrationszug auf Teherans zentraler Einkaufsmeile. Männer und Frauen, Alte und Junge marschieren die Vali-Asr-Straße hinab.

"Nieder mit der Dikatur", schallt es aus tausenden Kehlen. "Tod dieser Regierung, die die Leute betrügt", skandieren die Demonstranten, und: "Ich will meinen Wahlzettel zurück." Eine Weile geht das gut, Euphorie macht sich breit: Sollten die auf den Straßen präsenten Sicherheitskräfte tatsächlich Befehl bekommen haben, die Protestierer gewähren zu lassen?

Es ist der mutmaßliche Wahlbetrug bei den am Vortag abgehaltenen iranischen Präsidentschaftswahlen, der an diesem Samstag Zehntausende Teheraner auf die Straßen ihrer Stadt getrieben hat: Keiner von ihnen glaubt, dass es bei der Wiederwahl Mahmud Ahmadinedschads, der satte 62 Prozent der Stimmen erreicht haben will, mit rechten Dingen zugegangen ist.

Der aussichtsreiche Reformkandidat Hossein Mussawi sei um den Wahlsieg betrogen worden, da sind sich die Menschen hier sicher. "Ab 1 Uhr mittags geht Teheran für Mussawi auf die Straße", hatte die Parole gelautet, die morgens von Mund zu Mund weitergetragen wurde.

"Ich kann es nicht glauben, seit der Iranischen Revolution vor 30 Jahren haben wir nicht so frei demonstriert", sagt eine Frau, die im Protestzug mitmarschiert. In ihren Sprechchören setzen die Teheraner den verhassten ehemaligen Monarchen und Präsident Ahmadinedschad gleich: "Egal ob Schah oder Arzt, Diktatoren sind sie beide." Dutzende Demonstranten filmen mit ihren Handys: Dieser historische Moment soll festgehalten werden.

Doch dann laufen die Menschen plötzlich auseinander: Die gefürchtete Revolutionsgarde fährt mit Motocross-Rädern in die Menge, rammt Menschen, die Männer treten um sich. Polizei zu Fuß knüppelt wahllos auf Unbewaffnete ein. Eine alte Frau wird von Uniformierten zu Boden geschlagen. Journalisten werden mit Schlagstöcken bearbeitet und getreten, auch das SPIEGEL-ONLINE-Team.

Die Polizisten greifen sich junge Männer aus der Menge, zerren sie unter Schlägen zu ihren Bussen. Geheimpolizisten haben die Hand am Gürtel: Jeden Moment können Schüsse fallen.

Die Masse weicht in Seitenstraßen aus, für einen kurzen Moment stehen die Menschen unter Schock. Dann passiert das Unerhörte: Die Demonstranten setzen zum Gegenangriff an. Junge Männer greifen sich Holzlatten, Wahlplakate und schlagen zurück. Alte Frauen hängen sich an die Beine Gefangengenommener, reißen sie der Polizei buchstäblich aus den Händen.

Viele in Iran haben die Gängelei satt

Treibjagden auf Geheimdienstler in Zivil beginnen: "Ihr Verbrecher", schreien Frauen auf sie ein, während Männer sie zusammentreten. Ein alter Straßenfeger hebt einen Ziegelstein auf, er sieht den Tag der Abrechnung gekommen. Nur mit Mühe halten ihn Umstehende davon ab, sich in die Schlacht zu stürzen.

Es ist ein ungeheurer, lang genährter Zorn, der sich heute hier Bahn bricht. 30 Jahre lang hat das iranische Regime sein Volk mit seinen Sicherheitskräften in Schach gehalten. Noch jeder Protest wurde niedergeschlagen, Oppositionelle wanderten ins Gefängnis. Sittenwächter verfolgten, wer sich nach den sittenstrengen Gesetzen der Islamischen Republik verhielt - und wer nicht. Dass viele in Iran die Gängelei satt haben, zeigt die millionenfache Unterstützung des Reformkandidaten Mussawi. Seine Anhänger hatten gehofft, dass er den Wandel bringen kann. Dass die ersehnte Veränderung nun nicht kommen soll, hat das Fass zum Überlaufen gebracht.

In mindestens drei Stadtvierteln Teherans dieselben Szenen: Schnell schwillt die Menge an, irgendwann setzt sie sich in Bewegung. Die Protestzüge gewinnen an Eigenleben, Sprechchöre entstehen, setzen sich fort. Später zünden Demonstranten Müllcontainer und Autoreifen an, dicke Rauchsäulen steigen auf.

Freiwillige regeln den Verkehr, die Menschen helfen einander über Hindernisse, leihen Handys aus, damit Familienangehörige zu Hause beruhigt werden können. Die Marschroute zu zentralen Plätzen ergibt sich wie von selbst, dort warten schon die Sicherheitskräfte. Die Konfrontationen werden im Laufe des Tages heftiger, gegen Nachmittag gehen erste Steinhagel auf Polizei und Revolutionsgarden nieder. Die Menge zerstreut sich immer erst, wenn die Polizei reichlich Tränengas verschießt. Die Unruhen dauern bis in den späten Abend hinein an.

"Ich werde nicht klein beigeben"

Waren die ersten Proteste noch spontan, so sind deren spätere Ableger organisiert: An immer neuen Orten verabreden sich die Aktivisten. Auch wenn das Handy-Netz in Iran nur noch sporadisch funktioniert, seit am Freitag die ersten Gerüchte über Wahlfälschungen die Runde machten. Die SMS-Ketten, mit denen sich die Reformanhänger in den Tagen vor der Wahl organisierten, sind unmöglich geworden.

Auch die Internet-Seiten der Reformgruppierungen sind abgestellt, zunehmend auch - wie immer - die Seiten westlicher Medien, die über die Demonstrationen berichten. Nach Lesart des Regimes gibt es die Proteste in Teheran, die am Nachmittag auf andere Großstädte des Landes übergegriffen haben sollen, nicht.

Iranische Radiostationen berichten vom Jubel der Anhänger des alten und neuen Präsidenten. "Irinn", ein staatlicher TV-Sender, der 24 Stunden nur Nachrichten sendet, hatte am Morgen die Zeit bis zur Verkündung des amtlichen Wahlergebnisses mit Archivmaterial gefüllt. Kleinode der persischen Gartenbaukunst wurden vorgestellt - da floss auf den Straßen bereits das erste Blut.

Am Redaktionssitz der Zeitung "Ettelaat" haben sich Tausende eingefunden. Um zwei Uhr wollte Mussawi hier eine Pressekonferenz geben, sie wurde abgesagt. Die Menschen bleiben trotzdem, Gerüchte machen die Runde: Mussawi sei verhaftet worden, heißt es kurz. Dann spricht sich herum, dass seine Frau gerade im iranischsprachigen Programm der BBC aufgetreten ist.

Drei Viertel der Wähler hätten für Mussawi gestimmt, habe Zahra Rahnavard gesagt. Ihr Mann sei mit seinen Beratern in Klausur gegangen und erörtere das weitere Vorgehen. Irgendjemand hat den offenen Brief fotokopiert, in dem Mussawi am Morgen den Wahlbetrug angeprangert hat. Darin warnt er vor Tyrannei. "Ich werde nicht klein beigeben", machen sich die Leute mit den Worten ihres Idols Mut.

"Dieses Resultat kann einfach nicht stimmen"

Trotz der Entschlossenheit, trotz des Gefühlstaumels der Einigkeit, der die Menschen ergreift: Die Iraner auf den Straßen wissen, dass ihr Protest aussichtslos ist.

Die Opposition wird den von ihr reklamierten Wahlbetrug vermutlich nie beweisen können. Das könnten allein staatliche Stellen - und sie sind in der Hand von Ahmadinedschad. Keiner hier glaubt, dass das Wahlergebnis abgeändert werden, dass gar noch einmal gewählt werden könnte. "Wir sind zornig, aber ohnmächtig, und wir wissen das", sagt ein Student. "Aber die Regierung muss wissen, dass wir ihr schmutziges Spiel durchschaut haben."

Am Abend wandte sich dann Ahmadinedschad selbst in einer Fernsehansprache ans Volk und versprach, "eine neue Ära in der Geschichte der iranischen Nation" habe begonnen. Er lade alle ein, mit ihm am Aufbau des Irans mitzuwirken. Ausländischen Medien warf Ahmadinedschad vor, mit ihrer Berichterstattung dem Iran zu schaden: "Alle politischen und Propagandamaschinen im Ausland und Teile im Inland sind gegen die Nation mobilisiert worden", sagte er. "Sie haben den schwersten Propaganda- und psychologischen Krieg gegen die iranische Nation mobilisiert. Viele globale Netzwerke habe fortwährend mit den kompliziertesten Methoden gegen unsere Nation gearbeitet und einen Schlacht gegen uns arrangiert."

Selbst Ahmadinedschad-Anhänger, halten das amtliche Wahlergebnis für zu schön, um wahr zu sein. "Ich habe Ahmadi gewählt, aber dieses Resultat kann einfach nicht stimmen", sagt Aschkan. Der 26-Jährige besitzt ein Bekleidungsgeschäft, an dem gerade die Menge vorbeimarschiert.

Aschkan und seine mit ihm vors Geschäft getretenen Angestellten wollten vier weitere Jahre für Ahmadinedschad. Doch die Freude über den Wahlsieg ist schnell vergangen. "Ich glaube, in einem fairen Wahlverfahren hätte Mussawi gewinnen können", sagt Aschkan. "Das hätte ich zwar nicht befürwortet, aber es wäre besser gewesen als das hier", mit diesen Worten deutet er auf die aufgebrachte Menge jenseits seiner Türschwelle.

"Wir hätten auf jeden Fall den Frieden in Iran wahren sollen", sagt Aschkan. "Auch, wenn das für Ahmadinedschad die Niederlage bedeutet hätte.

Mit Material von AP

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