Teherans Machtanspruch "Der Westen darf Iran nicht bremsen"

Ob Iran irgendwann die Atombombe hat, ist für den Westen unwichtig, sagt Nahost-Experte Alastair Crooke. Viel wichtiger sei, ob Israel mit dem Führungsanspruch Teherans leben könne. Sonst drohe ein blutiger Machtkampf in der Region, warnt der Ex-Spion im Interview mit SPIEGEL ONLINE.

Mit Raketenstarts demonstriert Iran seine militärische Stärke - und provoziert den Westen immer wieder
AFP

Mit Raketenstarts demonstriert Iran seine militärische Stärke - und provoziert den Westen immer wieder


SPIEGEL ONLINE: Die Verhandlungen des Westens mit Iran über das Atomprogramm gehen voran, werden aber von beiden Seiten mit Drohungen flankiert. Glauben Sie, dass der Konflikt durch Gespräche beigelegt werden kann?

Alastair Crooke: Das Atomprogramm ist nur ein kleiner Teil eines übergeordneten Problems. Iran hat den Anspruch, eine Großmacht in der Region zu sein. Die alles bestimmende Frage ist: Sind die USA und Israel fähig, mit einem dominanten Iran zu leben. Können sie sich damit abfinden, dass Israels Übermacht in der Region beschnitten wird?

SPIEGEL ONLINE: Warum ist diese Frage so wichtig?

Crooke: Iran ist längst ein Faktor, an dem niemand mehr vorbeikommt. Nuklearwaffen hin oder her - zusammen mit seinen Verbündeten hat Teheran das israelische Machtmonopol gebrochen. Allein durch die konventionellen Waffen Irans und seiner Verbündeten Syrien, Hisbollah und Hamas ist ein Gegengewicht zu Israel entstanden, das kein Stratege außer Acht lassen kann.

SPIEGEL ONLINE: Ist der Aufstieg Irans unausweichlich?

Crooke: Ja, weil er das direkte Resultat der jüngeren Geschichte des Landes ist. Drei Faktoren haben Iran dazu bestimmt, eine der Großmächte in der Region zu werden: Die Implosion der Sowjetunion 1989, der erste Golfkrieg 1991 und die Wahl von Jitzchak Rabin zum israelischen Ministerpräsidenten. Durch die Auflösung der Sowjetunion und durch den US-Krieg gegen den Irak wurden die beiden Nachbarn Irans massiv geschwächt. Bis dahin hatten sie Iran in Schach gehalten. Ob man es gutheißt oder nicht: Mit dem Golfkrieg hat der Westen den Grundstein für die Machtverschiebung in der Region gelegt, die wir jetzt sehen.

SPIEGEL ONLINE: Was hat Rabin mit dem Aufstieg Irans zu tun?

Crooke: Mit Rabins Wahl endete die Ära, in der sich Israel seine Verbündeten in der Region an der Peripherie suchte: Iran, Äthiopien und die Türkei, die jahrzehntelang Partner waren. Rabin und seine Arbeitspartei wollten einen Neuanfang wagen und wandten sich den direkten Nachbarn zu - denjenigen, mit denen Israel bislang nicht verhandelt hatte, weil sie die "feindlichen Araber" waren. Diese Kehrtwende musste gegenüber den Wählern und den Unterstützern Israels in den USA gerechtfertigt werden. Ab 1993 wiederholt die israelische Regierung deshalb unermüdlich das Mantra, der neue Feind sei Iran, der kurz davor sei, eine Atombombe zu bauen. Die USA und Europa übernahmen diese Sichtweise.

SPIEGEL ONLINE: Was ist mit Irans Verbündeten in der Region, inwieweit müssen sie einbezogen werden, wenn sich das Machtgefüge in Nahost ordnen soll?

Crooke: Über kurz oder lang werden Israel und der Westen eine Lösung für den Umgang mit Hamas und Hisbollah finden müssen.

SPIEGEL ONLINE: Glauben Sie, dass Israel jemals dazu bereit sein wird?

Crooke: Das Problem Israels ist, dass diese Diskussion emotional geführt wird. Ministerpräsident Netanjahu kann oder will sich nicht vom Thema Holocaust trennen. Er hat die Angst vor der Vernichtung zum Instrument des politischen Diskurses gemacht. Die Bedrohung durch Iran wird dadurch zu einem psychologischen statt einem politischen Problem.

SPIEGEL ONLINE: Was passiert, wenn der Westen und seine Alliierten versuchen, den iranischen Drang zur Macht auszubremsen?

Crooke: Das wäre fatal. Sollten seine Gegenspieler versuchen, Iran in Schach zu halten, wird das zu großer Instabilität im Nahen Osten führen. Dann gibt es einen bitteren, blutigen Machtkampf. Das Machtgefüge in Nahost ist längst ins Rutschen geraten. Wir im Westen müssen nun entscheiden, ob wir uns gegen eine Lawine stemmen wollen, die nicht aufzuhalten ist, oder ob wir die Tatsachen akzeptieren und die Chance ergreifen, die Entwicklung in unserem Sinne zu beeinflussen.

SPIEGEL ONLINE: Wieso glauben Sie, dass sich die Verhältnisse in Nahost radikal ändern werden?

Crooke: In vielen Ländern der Region lebt die Hälfte der Menschen unter der Armutsgrenze, mit weniger als zwei Dollar am Tag. Noch mehr Menschen werden in die Armut abstürzen, wenn sich der jetzt schon zu beobachtende Wassermangel weiter verschärft. Die Regime der Region werden angesichts der Massen von Unzufriedenen keinen Bestand haben, auch weil sie Relikte der Kolonialzeit sind und ihre Führer sich als kleine Monarchen gerieren. Vielen Menschen in der Region erscheint die Islamische Republik Iran da als attraktiver Gegenentwurf. Mahmud Ahmadinedschad mit seiner betont einfachen Herkunft gilt vielen als Idol.

Das Interview führte Ulrike Putz in Beirut.

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Forum - Wie sieht die Zukunft Irans aus?
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Seite 1
paparatzi, 27.08.2009
1.
Zitat von sysopNach den Wahlen und den innenpolitischen Unruhen sind die Gegensätze zwischen Regierung und Opposition in Iran keineswegs ausgeglichen. Wie sieht die Zukunft des Landes aus?
Ohne Kristallkugel reine Spekulation. Das Durchwurschteln des Systems kann noch Jahre andauern - hier und da Zugeständnisse, dann wieder Härte zeigend - die Protestbewegung ist da und wird bei jeder passenden Gelegenheit auf sich aufmerksam machen. Ein Barometer wird wohl der Ausgang des Schauprozeß sein.
mbockstette 27.08.2009
2. Chamenei weist Vorwürfe gegen das Ausland zurück
Zitat von sysopNach den Wahlen und den innenpolitischen Unruhen sind die Gegensätze zwischen Regierung und Opposition in Iran keineswegs ausgeglichen. Wie sieht die Zukunft des Landes aus?
"Bislang hieß es in Iran, fremde Mächte steckten hinter den Protesten gegen Präsident Ahmadinedschad. Von dieser Position weicht Ajatollah Ali Chamenei nun ab. Der geistliche Führer des Landes sieht keine Anzeichen für Aktivitäten des Auslands - und droht den Bassidsch-Milizen mit Strafverfolgung". http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,645206,00.html
BillBrook 27.08.2009
3.
Zitat von paparatziOhne Kristallkugel reine Spekulation. Das Durchwurschteln des Systems kann noch Jahre andauern - hier und da Zugeständnisse, dann wieder Härte zeigend - die Protestbewegung ist da und wird bei jeder passenden Gelegenheit auf sich aufmerksam machen. Ein Barometer wird wohl der Ausgang des Schauprozeß sein.
Aber wie sollen da jemals wieder irgendwelche Wahlen stattfinden?
Leto_II., 27.08.2009
4.
Zitat von sysopNach den Wahlen und den innenpolitischen Unruhen sind die Gegensätze zwischen Regierung und Opposition in Iran keineswegs ausgeglichen. Wie sieht die Zukunft des Landes aus?
Die Gegensätze scheinen ja auch zwischen Regierung und Staatsführung zu bestehen. Ahmadinedschad hat von seinem Chef eine Ohrfeige kassiert, innen- und aussenpolitisch: http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,645206,00.html Wollen die beiden sich schon gegenseitig demontieren?
Leto_II., 27.08.2009
5.
Vielleicht wird ihm Ahmadinedschad zu mächtig oder er will den Klerus beruhigen. Rafsanjani hat erst kürzlich Chamenei den Rücken gestärkt und diese demontiert nun Ahmadinedschad.
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