Telefongespräch nach Krawallen: Obama nimmt Mursi ins Gebet

Vor dem Präsidentenpalast sterben Demonstranten, doch Mohammed Mursi gibt sich unversöhnlich. US-Präsident Barack Obama hat Ägyptens Staatschef in einem Telefonat eindringlich aufgefordert, den Dialog mit der Opposition zu suchen. Doch in Kairo drohen bereits neue Krawalle.

Mursi-Anhänger vor dem Präsidentenpalast: "Tief beunruhigt" Zur Großansicht
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Mursi-Anhänger vor dem Präsidentenpalast: "Tief beunruhigt"

Kairo/Washington - In Kairo droht an diesem Freitag neue Gewalt. Die Opposition hat in Ägyptens Hauptstadt erneut zu einer Massendemonstration aufgerufen. Es könnte also zu neuen blutigen Zusammenstößen mit der Muslimbruderschaft kommen, die Präsident Mohammed Mursi unterstützt.

Jetzt hat auch Barack Obama in die Krise am Nil eingegriffen. In einem Telefongespräch forderte er Mursi eindringlich auf, mit der Opposition den Dialog zu suchen - ohne Vorbedingungen. Der US-Präsident Obama forderte dabei nach Angaben aus dem Weißen Haus, dass alle politischen Führer in Ägypten ihren Gefolgsleuten klarmachen sollten, "dass Gewalt nicht hinnehmbar ist". Obama habe sich "tief beunruhigt" über die tödlichen Krawalle in Ägypten gezeigt. Der US-Präsident begrüßte zugleich Mursis Einladung zu einem Dialog der politischen Parteien am Samstag im Kairoer Präsidentenpalast. Die Oppositionsführer rief Obama auf, an dem Treffen teilzunehmen.

Der TV-Sender al-Dschasira hatte zuvor gemeldet, dass bei den Straßenkämpfen in Kairo und Suez sieben Menschen getötet und insgesamt 771 verletzt wurden. Die Polizei nahm 150 Verdächtige fest.

In seiner ersten Ansprache seit Beginn der Krawalle in Kairo zeigte sich Mursi jedoch unnachgiebig. Auf die Forderungen der Opposition ging er gar nicht ein. Die Schuld an der Gewalt gab er seinen politischen Gegnern. Verärgerte Demonstranten setzten daraufhin Büroräume der Muslimbruderschaft in Kairo in Brand.

Opposition reagiert entsetzt auf Mursis Rede

Mursi bot den Oppositionellen zwar ein Treffen am Samstag an. Es wird jedoch vermutet, dass die Führung des liberalen Oppositionsbündnisses um Mohamed ElBaradei und Amr Mussa dieses Angebot nicht annehmen wird, da Mursi ihre Forderungen nicht erfüllen will. Mursi erwartete dagegen einen "produktiven Dialog".

Von der Opposition wurde Mursis Rede mit Entsetzen und Spott aufgenommen. Der vor allem bei der städtischen Jugend und den Sozialisten beliebte linke Aktivist Hamdin Sabahi wies das Dialogangebot von Mursi in der Nacht zum Freitag als "unseriös" zurück.

Eine Sprecherin der Opposition sah in der Rede Mursis "keine passende Antwort auf die politische Krise". "Ähnliche Reden haben wir schon vom Mubarak-Regime und vom Obersten Militärrat gehört", sagte Mona Esat von der Sozialistischen Bündnispartei. Auch der Schriftsteller Alaa al-Aswani sagte im Gespräch mit einem ägyptischen Fernsehsender, Mursis Ansprache habe ihn stark an die Reden des gestürzten Langzeitmachthabers Mubarak erinnert.

Die liberalen und linken Parteien verlangen eine Überarbeitung des von den Islamisten formulierten Entwurfs für eine neue Verfassung. Außerdem bestehen sie auf einer Verschiebung der Volksabstimmung über die Verfassung, die für den 15. Dezember geplant ist.

Mursi lehnt das ab. Sollte die Mehrheit der Bürger gegen den Entwurf stimmen, sei er aber bereit, eine neue verfassunggebende Versammlung einzuberufen, sagte er in der Ansprache vom Donnerstagabend. Für den Entwurf wird aber eine Mehrheit erwartet, da er von der Muslimbruderschaft und anderen islamistischen Fraktionen getragen wird. Mursi erklärte dazu, Demokratie bedeute, dass "sich die Minderheit dem Willen der Mehrheit beugt".

als/dpa/AFP/dapd

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Fläche: 1.002.000 km²

Bevölkerung: 81,121 Mio.

Hauptstadt: Kairo

Staatsoberhaupt:
Abd al-Fattah al-Sisi

Regierungschef: Ibrahim Mahlab

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