Termin bei Saakaschwili "Micha will Euch sofort sprechen"

Micheil Saakaschwili wollte vor dem Besuch der Kanzlerin noch mal Klartext reden und lud deshalb nachts einige Journalisten zu sich. Es wurde ein skurriler Termin mit einem angeschlagenen, müden und teils verwirrten Staatschef von Georgien.

Von , Tiflis


Tiflis – Es war gegen 22.30 Uhr, als das Telefon klingelte. Über der georgischen Hauptstadt Tiflis stand schon der Vollmond. Am anderen Ende eine hektische Frauenstimme: "Micha will Euch sprechen, ihr müsst sofort kommen". Es dauerte eine kleine Weile, bis man verstand, worum es der aufgeregten Dame ging. Erst als sie den Ort des ominösen Treffens nannte, war alles klar: Man möge in die Präsidentenresidenz kommen.

Georgiens Präsident Micheil Saakaschwili: "Die Georgier brauchen eine klare Nachricht, wie es weitergeht."
DPA

Georgiens Präsident Micheil Saakaschwili: "Die Georgier brauchen eine klare Nachricht, wie es weitergeht."

Micha also, der so dringend und mitten in der Nacht jemanden zum Reden brauchte, war der georgische Präsident Micheil Saakaschwili.

Auch wenn der Präsident des zur Hälfte von den Russen besetzten Landes weniger schillernd wirkt, erinnerte der Anruf an die Traditionen exzentrischer Staatslenker wie Muhammar al-Gaddafi oder Fidel Castro. Auch ihnen kommt manchmal nachts plötzlich der Einfall, Journalisten müssten urplötzlich kommen und ihnen lauschen.

Der Termin mit Micha wurde eine Lehrstunde über den Zustand Georgiens, mehr noch über den des Präsidenten. Mochte der Ruf nach Journalisten noch so dringlich gewesen sein, traf man dann jedoch auf einen Präsidenten, der nicht recht wusste, was er der Öffentlichkeit nun eigentlich mitteilen wollte.

Saakaschwili, 40, wirkte müde, teils gar wirr und konfus in seinen Ausführungen - wie ein Getriebener, der um seine Macht kämpft. Doch dabei redet er sich oft um Kopf und Kragen.

Bevor der Staatschef kam, wurde der Raum in seiner Residenz noch für die zwei erschienenen TV-Teams vorbereitet. An den georgischen Fahnen brachten emsige Mitarbeiter schnell noch schwarzen Trauerflor an. Davor postierten zwei sehr starke Männer mit von Waffen ausgebeulten Anzügen eine große Georgien-Karte.

Saakaschwili ist ein Medienprofi. Wohl kein Staatschef dieser Erde gab in einer Krise so viele Interviews. Fast stündlich war er manchmal auf CNN und den georgischen TV-Stationen. Vor der Residenz, einem schlichten, dreigeschossigen Betonklotz, steht 24 Stunden ein Satellitenwagen, um die Ansprachen des georgischen Präsidenten in die Welt zu übertragen.

Manche hier in Tiflis sagen passender: um die Welt um Hilfe anzubetteln.

Der Präsident gibt sich höflich. Geschniegelt und von den Dutzenden von Fernsehinterviews mit Abdeckcreme noch geschminkt, kommt er mit federnden Schritten in den Raum. "Es tut mir wirklich leid, dass ich Sie noch so spät stören muss", sagte er lächelnd, "ich weiß, Sie hatten sicher Besseres zu tun".

Hektisch wird dann die Karte herangeholt, mit dem Finger fährt der Präsident über sein eigenes Land. "Sie sind überall", sagt er, "heute sind sie über diese Straße gefahren". Seine Stimme überschlägt sich. Sie, das sind die Russen, die halb Georgien unter ihrer Kontrolle haben. Saakaschwili redet von betrunkenen Panzerfahrern, die plündern und randalieren.

Doch eigentlich sollte es ja um den Besuch von Kanzlerin Merkel am Sonntag gehen. "Ich bin sehr beeindruckt von ihr", sagt Saakaschwili mehrmals, "sie hat die Lage wirklich verstanden". Was Merkel begriffen hat, sagt er nicht. Immerhin: Dankbar sei er für die Worte gen Moskau, als die Kanzlerin Russlands Vorgehen unverhältnismäßig genannt hatte.

Was er aber von Merkel erwartet, kann der Staatschef nicht in Worte fassen. Er habe, sagt er, bereits ein Gespräch mit ihr geführt, und dies sei "besser als alle anderen Gespräche mit europäischen Führern" gewesen. Nun solle dies fortgesetzt werden. "Wir dürfen sie nicht damit davon kommen lassen", fordert er mehrmals, "die Georgier brauchen eine klare Nachricht, wie es weitergeht".

Saakaschwili spielt auch an diesem Abend sehr gut die Rolle des unschuldigen Opfers. Kein Wort fällt darüber, dass seine Truppen zuerst in Südossetien angegriffen haben, die abtrünnige Region mit Raketen beschossen, dass Soldaten einmarschierten und viele Menschen bei Kämpfen starben und dass dies die heftige Reaktion der Russen erst auslöste. In dieser Nacht, bei seinem Termin, soll davon keine Rede sein.

Seine Version der vergangenen zwei Wochen ist eine ganz andere. "Das hier ist kein Krieg zwischen Georgien und Südossetien, sondern eine russische Invasion in Georgien", sagt er. Er spricht oft so schnell, dass man seine Sätze kaum verstehen kann. Der Konflikt sei ein Risiko für ganz Europa, schiebt er noch nach.

Je länger der Präsident redet, desto weniger weiß man beim Nachttermin, was er mitteilen will. Ganz plötzlich spricht Saakaschwili von seiner Armee, die den Krieg gegen die Russen eindeutig verloren hat. Aus seiner Sicht stellt es sich freilich anders dar: Wenn man militärisch gegen die Russen kämpfen würde, hätten diese das Land wie in Tschetschenien in Grund und Boden gebombt.

Dass seine Armee gar nicht zu einer Reaktion oder gar einem Kampf gegen die Russen in der Lage wäre, sagt er nicht.

Immerhin präsentiert Micha, der Staatschef, am Ende seines Vortrages noch einige Wünsche an die EU: Eine europäische Friedenstruppe käme dem Präsidenten schon recht. Vielleicht aber auch nur Beobachter, darüber müsse man reden. In jedem Fall müsse Deutschland "eine wichtige Rolle" spielen. Welche, bleibt offen.

Immer wieder reichen sehr amerikanisch aussehende Berater dem Präsidenten kleine Zettel von der Seite. "HRW" steht auf einem. Gemeint ist wohl der Bericht von "Human Rights Watch" über den russischen Einsatz von Streubomben. Der Tipp wirkt, sofort spricht Saakaschwili über die Bomben. "Ich habe es schon immer gesagt", sagt er hektisch, "doch hier sehen Sie die Beweise".

Ganz am Ende findet Saakaschwili wenigstens noch ein paar persönliche Worte, wie es einem Präsidenten in einer solchen Lage geht. "Ich fühle mich schlecht", sagt er, "es ist eine surreale Situation". Lange hält die Selbsterkenntnis nicht. Gleich danach berichtet Saakaschwili, wie "stolz" er auf seine Armee ist, die jederzeit bereit sei zurückzuschlagen.

Was Kanzlerin Merkel morgen von dem Präsidenten zu hören bekommt, war nach dem Termin in keiner Weise abzusehen. Es bleibt nur zu hoffen, dass der angeschlagene Staatschef Georgiens vor seinen Gesprächen mit Merkel vielleicht noch einige Stunden Schlaf findet.

Vielleicht aber muss er auch am Samstag bis in die späte Nacht noch TV-Interviews geben.



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