Terror-Abwehr Browns Sicherheitsberater ruft Briten zum Spitzeln auf

Mit der feinen englischen Art kommt man im Anti-Terror-Kampf nicht weiter, glaubt Großbritanniens neuer Sicherheitschef. In einem Interview forderte Admiral West seine Landsleute auf, etwas weniger britisch zu sein und "ein bisschen zu spitzeln".


London - Der Kampf gegen die Extremisten werde lange dauern, sagte der Sicherheitsbeauftragte der neuen britischen Regierung, Admiral Alan West in einem Interview mit dem "Sunday Telegraph". "Ich glaube, dass wird 10 bis 15 Jahre dauern."

Debatte in Großbritannien: Wie kann der Terror bekämpft werden?
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Debatte in Großbritannien: Wie kann der Terror bekämpft werden?

Zugleich rief er die Bevölkerung dazu auf, aktiver mit den Sicherheitskräften zusammenzuarbeiten als in der Vergangenheit. "Es gehört normalerweise nicht zur britischen Art, zu spitzeln oder über andere zu reden", sagte West. "Aber ich fürchte, in dieser Situation sollte sich jeder melden, der irgendwelche Informationen hat. Denn die Leute, mit denen wir es hier zu tun haben, versuchen unseren gesamten Lebensstil zu zerstören." Wörtlich fügte West hinzu: "Wir werden ein wenig unbritisch sein müssen."

Der Sicherheitsberater des neuen Premiers Gordon Brown äußerte sich vor dem Hintergrund der vor einer Woche gescheiterten Terror-Anschläge in London und Glasgow, die neue Sicherheitsbedenken hatten aufkommen lassen. Besonders wichtig, erklärte der Ex-Chef der britischen Marine, sei neben dem Schutz der Bevölkerung und der Verfolgung von Tätern, dass die Radikalisierung junger Muslime in der britischen Gesellschaft rechtzeitig unterbunden werde.

Das Interview wurde einen Tag nach dem offiziellen Gedenken an die Opfer der Selbstmordanschläge in drei Londoner U-Bahnen und einem Bus am 7. Juli 2005 veröffentlicht. Zur Erinnerung an die 52 bei den Anschlägen getöteten Menschen legten Angehörige, Freunde und Regierungsvertreter Kränze und Blumen nieder. Auch Brown nahm an der Veranstaltung teil, die am Morgen am Bahnhof King's Cross begann. Um diese Uhrzeit hatte sich an jenem 7. Juli der erste von vier sogenannten Rucksackbombern in die Luft gesprengt.

Die Zeitung "Daily Mail" berichtet unterdessen, die britische Polizei sei von muslimischen Extremisten unterwandert. Bis zu acht Menschen mit Verbindungen zu Islamisten wie dem Terrornetzwerk al-Qaida arbeiteten bei der britischen Polizei, berichtete das Blatt unter Berufung auf ein Geheimdienstdokument. Demnach erstellte der Inlandsgeheimdienst MI5 einen Bericht, in dem die Namen der mutmaßlichen Extremisten aufgelistet sind. Unter ihnen seien auch Offiziere der Londoner Polizei.

Zahl extremistischer Zellen soll zunehmen

Einige der auf der Liste aufgeführten Beamten sollen Trainingscamps für Extremisten oder radikalislamische Schulen in Pakistan oder Afghanistan besucht haben, heißt es in dem Artikel weiter. Andere hätten Verbindungen zu radikalen muslimischen Predigern. Eine Sprecherin der Londoner Polizei sagte als Reaktion auf den Artikel, alle Mitarbeiter würden vor einer Einstellung strengen Sicherheitsüberprüfungen unterzogen.

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Die Boulevardzeitung "News of the World" berichtete unter Berufung auf Sicherheitskreise, dass die Zahl extremistischer Zellen in Großbritannien immer weiter zunehme. Derzeit habe der Geheimdienst MI5 Erkenntnisse über 219 solcher Gruppen. "Das Frustrierende ist, dass wir sie nicht alle unter Beobachtung halten können", zitierte das Blatt einen nicht näher bezeichneten Sicherheitsbeamten. "Es ist nur eine Frage der Zeit, bis einer von ihnen durch das Netz schlüpft und wir den nächsten versuchten Bombenanschlag haben."

Derweil rief die Dachorganisation muslimischer Gemeinden und Organisationen in Großbritannien alle Muslime zur Unterstützung der Polizei beim Kampf gegen den Terrorismus auf. "Wir haben Einigung darüber erzielt, dass es eine islamische Pflicht ist, mit der Polizei zu kooperieren, um die Sicherheit britischer Bürger zu gewährleisten - muslimischer ebenso wie nicht-muslimischer", sagte ein Sprecher des Muslim Council of Britain.

Anschläge als "Abschiedsbotschaft" für Blair

Wie die "Sunday Times" berichtet, waren die geplanten Anschläge in London und Glasgow möglicherweise als eine "Abschiedsbotschaft" für den kurz zuvor aus dem Amt geschiedenen Premierminister Tony Blair gedacht. Dies gehe aus Erkenntnissen des Anti-Terrorismus-Kommando SO15 von Scotland Yard über die Kommunikation eines der acht festgenommenen Verdächtigen mit Führern des Terrornetzwerkes al-Qaida im Irak hervor.

Sieben Verdächtige, die im Zusammenhang mit den versuchten Anschlägen in London und Glasgow in Großbritannien in Untersuchungshaft sitzen, arbeiteten vermutlich alle für das staatlichen britische Gesundheitssystem NHS. Unter ihnen sind auch Ärzte. Ein Richter in London bestätigte die Anklageerhebung gegen den irakischen Arzt Bilal Abdullah wegen des fehlgeschlagenen Anschlags am Flughafen von Glasgow.

Der Mann war nach Angaben der Polizei zusammen mit einem Komplizen am 30. Juni in einem brennenden Geländewagen, in dem sich ein Sprengsatz befand, gegen den Eingang der Empfangshalle des Airports gerast. Zudem soll der Iraker mit Unterstützung anderer Terroristen zwei Autobomben in London platziert haben, die allerdings nicht explodierten.

Wegen der Terrorgefahr wurden am Wochenende eine Reihe von Großveranstaltungen in London durch massive Sicherheitsvorkehrungen und den Einsatz tausender Polizisten geschützt. Dazu gehörten das "Live-Earth"-Konzert im Wembley-Stadion, das Finale des Tennisturniers in Wimbledon und der Start der Tour de France.

flo/dpa/Reuters/AFP



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