Terror-Anklage Die Möchtegern-Osamas aus Miami

Das US-Justizministerium präsentiert die Verhaftung von sieben Männern in Miami, die angeblich ein Attentat auf den Sears Tower verüben wollten, als einen Schlag gegen al-Qaida. In der Anklage zeigt sich die Gruppe jedoch eher als großmäulige Dilettanten.

Von , New York


New York - Narseal Batiste galt als schrullig, aber harmlos. In Miamis Schwarzenviertel Liberty City nannten sie den Mann mit dem Fusselbart und der milden Miene "Prinz Manna". Er lebte in einem fensterlosen Lagerhaus, das er mit Sperrmöbeln dekoriert hatte: eine Matratze, Rattanstühle, ein senfgelbes Ledersofa. An die Wand hatte er Urkunden geklebt, ausgestellt auf "Nicholas Batiste". Etwa zwei "Auszeichnungen für wissenschaftliche Spezialisten" und ein "Ehrenzeugnis des Vize-Schuldirektors".

Möchtegern-Terroristen oder gefährliche Extremisten: Die Angeklagten von Miami
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Möchtegern-Terroristen oder gefährliche Extremisten: Die Angeklagten von Miami

Glaubt man US-Justizminister Alberto Gonzalez und der Staatsanwaltschaft Miami, dann hatte Batiste aber auch noch eine weniger harmlose Ambition - nämlich al-Qaida als "Soldat" zu dienen.

Das jedenfalls behauptet die elfseitige Anklage gegen Batiste und sechs Kompagnons, die Gonzalez mit großem Trara verlas. Fünf der Männer wurden noch am Nachmittag dem Haftrichter vorgeführt - in Ketten. Sie repräsentierten, sagte der Minister, "ein neues Profil des Terrorismus" an "der Schnittstelle von Globalisierung und Technologie".

Wer die Anklage studiert, könnte jedoch auch gut zu einem anderen Eindruck gelangen. Denn darin zeigen sich die Angeklagten eher als großmäulige Dilettanten und Amateure. Der renommierte US-Sicherheitsdienst Stratfor titulierte sie denn auch gleich als "Kramer-Dschihadisten", in Anlehnung an den Tolpatsch Cosmo Kramer aus der US-Sitcom "Seinfeld": "Sie trachten nach spektakulären, verheerenden Anschlägen", erklärte Stratfor, "sind aber wegen handwerklicher Pannen (oder persönlicher Spleens) stümperhafte Idioten."

Terrorpläne im "Tempel"?

Batiste und seine Gang - allesamt Schwarze zwischen 22 und 32 Jahren, darunter "ein illegaler Einwanderer aus Haiti" - gehörten Freunden zufolge einer Gruppe namens "Seas of David" an. Ein weiteres Mitglied, nur als "Bruder Corey" identifiziert, sagte CNN, es sei eine friedliche Organisation, "um zu beten" und um die Lehren des Christentums und des Islam miteinander zu verschmelzen. Das Lagerhaus habe ihnen dabei als ihre "Gesandtschaft" gedient: "Wir sind keine Terroristen." Andere nannten das Lagerhaus ihren "Tempel".

Die Anklage zeichnet ein dramatischeres Bild. Ziel der Gruppe sei es gewesen, "Individuen zu rekrutieren und auszubilden, um gegen die Vereinigten Staaten Krieg zu führen", heißt es dort unter dem Aktenzeichen 06-20373.

Beginnend am 16. Dezember vorigen Jahres, habe sich Batiste mehrfach mit einem Mann getroffen, den er für einen Qaida-Verbindungsmann gehalten habe. Was Batiste nicht wusste: Es handelte sich um einen FBI-Informanten. Wie er den Mann überhaupt erst kennenlernte und die angebliche Qaida-Connection aufkam, erklärt die Anklage nicht.

Kampfstiefel in passender Schuhgröße

Batiste - nach eigenen Worten vierfacher Vater - habe dem "Qaida-Vertreter" anvertraut, er wolle eine "islamische Armee" aufstellen. Dazu habe er ihm eine regelrechte Bestell-Liste mit erforderlicher "Ausrüstung" präsentiert: "Kampfstiefel, Uniformen, Maschinengewehre, Walkie-Talkies, Fahrzeuge." Kurz vor Weihnachten habe er erstmals den Sears Tower in Chicago, den höchsten Wolkenkratzer der USA, als Anschlagsziel zur Sprache gebracht und die Schuhgrößen nachgereicht.

Am 29. Dezember habe der FBI-Informant die Stiefel ausgeliefert, woraufhin Batiste eine Nachbestellung aufgegeben habe: "Ferngläser, kugelsichere Westen, Schusswaffen, 50.000 Dollar in Cash." Im Februar habe Batista den Wunsch geäußert, mit fünf seiner Kameraden an einem Qaida-Trainingslager teilzunehmen, möglichst "in der zweiten Aprilwoche". Man wolle "vollen Bodenkrieg" führen, "alle Teufel töten, die wir töten können", und etwas inszenieren, das "genau so gut ist wie 9/11 oder besser". Auch hätte er gerne noch eine Videokamera für einen Spähtrip nach Chicago.

Der FBI-Informant habe den Möchtegern-Osamas später einen "Treueschwur" auf al-Qaida abgenommen und sie mit einer Kamera ausgestattet. Damit sei die Gruppe kreuz und quer durch Miami gekurvt und habe Aufnahmen gemacht: die FBI-Filiale, die Polizeizentrale, Gefängnisse, Gerichtsgebäude.

Blacknewsweekly hat eine andere Sicht auf die Dinge

Danach herrschte lange Schweigen. Zwischen Anfang April und Ende Mai gab es der Anklage zufolge keine weiteren Kontakte zwischen den Männern und dem angeblichen Qaida-Emissär. Am 24. Mai sei eine letzte Kommunikation erfolgt: Batiste habe wissen lassen, er sei "wegen diverser Probleme innerhalb seiner Organisation in Verzug geraten", wolle aber nichtsdestotrotz "seine Mission fortsetzen".

Die alternative Website blacknewsweekly.com formulierte ihre eigene Sicht auf die angebliche Terror-Verschwörung - mit einem Schimpfwort, das in den USA nur Schwarze selbst auf sich anwenden können: "Dumme Nigger in Miami."

Wie dem auch sei: Die Vorwürfe gegen Batiste & Co. kamen zum richtigen Zeitpunkt. Sie verdrängten das am selben Tag aufgeflogene Stöbern der CIA in weltweiten Swift-Bankdaten prompt aus den Schlagzeilen. Es war, als dienten sich die auf allen Kanälen propagierten Festnahmen von Miami geradezu an, um die Amerikaner an die ewige Terror-Bedrohung zu erinnern und drakonische Maßnahmen wie die Swift-Aktion indirekt zu rechtfertigen. Kaum Zufall war es wohl auch, dass das FBI unabhängig davon am selben Tag eine lange Liste seiner Erfolge im Kampf gegen den Terror veröffentlichte. "Das stinkt nach Politik", schimpfte der liberale Kommentator Bill Press. "Am selben Tag wie die Bank-Geschichte? Ich rieche einen Braten."

Dutzende live übertragene Pressekonferenzen verliehen der Aktion dramaturgische Spannung. In Chicago baute sich John Huston, der Vizechef des Sears Towers, vor den Kameras auf und vermeldete, in seinem Haus herrsche "business as usual". In Talkshows bürgten Verwandte der Angeklagten für deren Arglosigkeit. Marlene Phanor, Schwester des angeblichen Batiste-Komplizen Stanley Grant Phanor, korrigierte einen Schreibfehler in der Anklage: Er heiße bei Freunden nicht "Bruder Sunni", als Hinweis auf eine Verbindung zu radikalen Irakern, sondern "Bruder Sunny" - "wissen Sie, wie wenn die Sonne scheint".

Auch stellte sich gleich die Frage, ob die Angeklagten selbständig dachten oder vom FBI-Mann angestiftet und angestachelt wurden. "Die Verteidiger werden behaupten, dass ihnen diese Ideen erst vom FBI in den Kopf gesetzt wurden", sagte Ex-Staatsanwalt Paul Callan.

"Bringt die Kinder"

Selbst die Justizbehörden begannen schließlich unter dem Sturm der Journalistenfragen etwas zurückzurudern. Die Pläne der Männer, sagte FBI-Vizedirektor John Pistole, seien "mehr Aspiration denn Operation" gewesen. Sie hätten den Willen gehabt und nach dem Weg gesucht.

Trotzdem: Experten begannen gestern davor zu warnen, dass heimische US-Terrorgruppen, etwa regierungsfeindliche Milizen, durchaus nach Anschluss an al-Qaida streben könnten. Die Männer um Batiste hätten "einen Hass auf Amerika entwickelt", sagte der Staatsanwalt Alexander Acosta in Miami. Pistole nannte sie "Separatisten in dem Sinne, dass sie nicht glaubten, die USA hätten Gesetzesautorität".

Am Nachmittag war Miami längst wieder zur Tagesordnung zurückgekehrt. Tausende drängelten sich trotz enormer Hitze am Biscanye Boulevard, um den frisch gekrönten Basketball-Champions zuzujubeln, für man eine große Konfetti-Parade organisiert hatte. "Kein Grund zur Sorge", beruhigte Polizeichef John Timoney die Schaulustigen. "Bringt die Kinder, die Familie. Es ist völlig sicher."



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