Terror-Anschläge in Jordanien "Wachsende Bedrohung für Europa"

Mindestens 56 Tote und mehr als 100 Verletzte sind die bisherige grausame Bilanz der Terror-Angriffe auf Hotels in Jordanien. Während Politiker die Attentate scharf verurteilen, äußert der Bundesnachrichtendienst ernsthafte Sorgen: "Wir erwarten weitere Anschläge" – auch Europa sei gefährdet.


Amman - Die jordanische Polizei sperrte die Gegend um die Hotels Radisson SAS, Grand Hyatt und Days Inn weiträumig ab und verstärkte zudem die Sicherheitsvorkehrungen rund um die Botschaftsgebäude in der Hauptstadt. Die unmittelbar nach den Attentaten geschlossenen Landesgrenzen wurden der staatlichen Nachrichtenagentur Petra zufolge aber wieder geöffnet. Aus Sicherheitskreisen verlautete, etliche Verdächtige seien festgenommen worden. Ein Sicherheitsvertreter sagte, bei der Fahndung nach den Drahtziehern seien auch mehrere Autos beschlagnahmt worden. Nähere Informationen dazu gab es allerdings nicht. Viele Geschäfte, Schulen und Büros blieben geschlossen - die fassungslose Bevölkerung bereitete sich auf die Beerdigung der Toten vor.

Terror-Anschläge in Jordanien: Das Militär sucht im Hotel Grand Hyatt nach Spuren
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Terror-Anschläge in Jordanien: Das Militär sucht im Hotel Grand Hyatt nach Spuren

Die Polizei ging von Selbstmordattentaten aus, konnte zunächst aber nicht sagen, ob dies für alle drei Explosionen zutraf. Den Angaben nach waren die Bomben im Radisson und Hyatt in Räumen detoniert, wo gerade Hochzeitsfeiern stattfanden. Zeugen zufolge befanden sich im Radisson-Saal zum Unglückszeitpunkt rund 250 Menschen, im Hyatt sollen es etwas weniger gewesen sein. "Ich hatte gerade mit Freunden im Restaurant nahe der Bar gegessen, als ich einen riesigen Feuerball zur Decke schießen sah - dann wurde alles schwarz", sagte ein französischer Uno-Diplomat aus dem Hyatt.

Unter den mindestens 56 Toten waren nach Behördenangaben elf Ausländer, darunter der Leiter des palästinensischen Militärgeheimdienstes im Westjordanland, General Baschir Nafeh. Zudem seien fünf Iraker, drei Chinesen und jeweils ein Saudi-Araber und ein Indonesier getötet worden. 30 Tote konnten zunächst nicht identifiziert werden. 102 Menschen wurden nach Angaben von Innenminister Awni Jerwas verletzt. Vier verletzte Deutsche hätten nach einer medizinischen Behandlung wieder das Krankenhaus verlassen, teilte das Berliner Außenamt mit.

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Anschläge in Amman: Der Terror hat Jordanien erfasst

US-Präsident George W. Bush bot Jordanien jede erdenkliche Unterstützung bei den Ermittlungen zur Aufklärung der "barbarischen Terrorakte gegen unschuldige Zivilisten" an. Bundeskanzler Gerhard Schröder (SPD) sandte dem jordanischen König Abdullah II. heute ein Beileidsschreiben und erklärte, Deutschland stehe in diesen tragischen Stunden an der Seite Jordaniens. Diese "barbarischen Akte" seien eine Mahnung, in den "Anstrengungen im Kampf gegen den internationalen Terrorismus nicht nachzulassen", schrieb Schröder. Der EU-Außenbeauftragte Javier Solana erklärte, die "Zerstörung, die terroristische Verrücktheit unter unschuldigen Menschen angerichtet" habe, sei durch nichts zu rechtfertigen.

Uno-Generalsekretär Kofi Annan sagte einen für heute geplanten Besuch in Jordanien ab und rief die Weltgemeinschaft zum gemeinsamen Anti-Terror-Kampf auf. Der Uno-Sicherheitsrat wollte heute zu einer Sondersitzung zusammenkommen. Auch Ägypten, Syrien, die palästinensische Autonomiebehörde und die Vereinigten Arabischen Emirate äußerten Abscheu über die Anschläge. Die irakische Regierung erklärte sich solidarisch mit Jordanien.

Die al-Qaida-Gruppe im Irak hat sich zu den Terroranschlägen auf drei Hotels in Amman bekannt und mit weiteren Attentaten gedroht. Jordanien sei zu einer "militärischen Rückzugsbasis für die Armeen der Kreuzfahrer" und der irakischen Regierung geworden, hieß es in einer heute im Internet veröffentlichten Erklärung, die der Gruppe des jordanischen Extremistenführers Abu Mussab al-Sarkawi zugeschrieben wurde. "Unsere tapferen Löwen haben einen weiteren Angriff in Amman unternommen", hieß es in der Erklärung, deren Echtheit zunächst nicht geklärt werden konnte. Die Hotels seien von König Abdullah II. in einen "Garten für die Feinde unserer Religion, die Juden und die Kreuzfahrer" verwandelt worden; sie seien "Orte widerlicher Freuden für die Verräter und die abtrünnigen (Muslime)" sowie ein Unterschlupf für die US-Geheimdienste gewesen. Weitere Attentate würden folgen, hieß es in der Erklärung.

Der Bundesnachrichtendienst (BND) warnte vor weiteren Attentaten. "Wir erwarten weitere Anschläge. Wir sind sehr besorgt", sagte BND-Präsident August Hanning am Rande einer BND-Tagung heute in Berlin. "Wir sehen auch eine wachsende Bedrohung für Europa." Es gebe "zunehmende Geräusche in Europa", sagte Hanning. Vermehrt würden Gruppierungen versuchen, Kontakt zu Sarkawi aufzunehmen. "Er wird als Vorbild empfunden", sagte Hanning.

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