Terror-Ermittlungen: Attas Führungsoffizier in US-Haft?

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Mohammed Haydar Zammar, Deutsch-Syrer aus Hamburg, galt gleich nach den Anschlägen des 11. September als Schlüsselfigur des Terror-Plots und ist seitdem auf der Flucht. Überraschend lancierten US-Behörden nun die Nachricht, Zammar sei in ihrem Gewahrsam. Das Auswärtige Amt fragt jetzt in Washington nach Erklärungen.

Mohamed Atta soll von Zammar angeworben worden sein
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Mohamed Atta soll von Zammar angeworben worden sein

Berlin/Hamburg/Washington – Dass Nachrichten in Amerika etwas anders weitergegeben werden als in Deutschland, ist nichts Neues. Doch dass die Wahrnehmung so weit auseinander liegt wie in diesem Fall, ist schon bemerkenswert. So titelt die angesehene "Washington Post" am Mittwoch: "Deutscher im Zentrum der Ermittlung rund um den 11. September" und beschreibt in einem langen Beitrag den Deutsch-Syrer Mohammed Haydar Zammar, der nach Meinung der beiden Redakteure nach neuesten Erkenntnissen eine Schlüsselrolle bei der Rekrutierung des Terror-Piloten Mohammed Atta und seiner Hamburger Komplizen innehatte.

Die deutschen Terror-Fahndern vom Bundeskriminalamt (BKA) und der Generalsbundesanwaltschaft (GBA) dürfte die Überschrift noch gelangweilt haben. Beim Durchlesen des Beitrags wird einigen BKA-Beamten aber die Informationspolitik ihrer US-Kollegen mal wieder unangenehm aufgestoßen sein. Denn der 41-jährige Mohammed Haydar Zammar aus Hamburg, 140 Kilo schwer und selbst deutschen Fernsehzuschauern durch viele Bilder - stets mit Kaftan und langem Bart - bekannt, ist Fahndern schon lange ein Ärgernis. Schon kurz nach dem 11. September hatte ihn das BKA als Schlüsselfigur der Bildung der Hamburger Zelle ins Visier genommen und sogar vernommen, doch auf Grund fehlendender Beweise wieder laufen lassen müssen. Daraufhin war der Mann am 27. Oktober mit Ziel Marokko verschwunden und wird seitdem weltweit gesucht.

Wurde Zammar bereits in Drittland deportiert?

Dazu wartet die "Washington Post" nun mit einer verblüffenden Enthüllung auf. Die Rechercheure der Zeitung haben von Geheimdienstquellen erfahren, dass die US-Behörden offenbar "engen Kontakt" zu Zammar haben. "Er ist kein freier Mann", sagte ein US-Agent der Zeitung und deutete an, dass die USA Zammar in Gewahrsam halten. Ein deutscher Geheimdienstmann soll dem Blatt zufolge sogar mitgeteilt haben, die USA hätten Zammar verhaftet und in ein verbündetes Land wie Ägypten gebracht, wo bei Vernehmungen die Menschenrechte nicht eingehalten werden müssen.

Stimmen die Quellen der "Post", hätte dies weitreichende Folgen. Deutsche und amerikanische Ermittler hätten so einen wichtigen Zeugen, denn Zammars Bedeutung für die Hamburger Terror-Zelle ist offenkundig sehr groß. So fanden die deutschen Fahnder schon kurz nach dem 11. September Hinweise dafür, dass er die Attentäter und ihre Helfer rekrutiert hat. Er selbst war regelmäßiger Gast in der Wohnung der Terror-Piloten in der Marienstraße in Hamburg-Harburg.

Mohammed Haydar Zammar
AP

Mohammed Haydar Zammar

Zammar soll es auch gewesen sein, der den Kontakt zum Terror-Netz al-Qaida hergestellt hat, nachdem er Atta und Co. für den geplanten Massenmord als geeignet befunden hatte. Schon länger ist den Fahndern bekannt, dass Zammar als eine Art Reisebüro für islamische Radikale nach Afghanistan unterhielt. Das bestätigten auch zwei deutsche Feierabendkämpfer - ein 22-jähriger Libanese und ein 27-jähriger Deutscher aus dem Kosovo - die am 10. September 2001 an der afghanischen Grenze festgenommen wurden. Ähnliche Aufenthalte soll er nach Meinung der Fahnder auch für Atta und seine Komplizen arrangiert haben.

In Hamburg wurde er respektvoll "Bruder Hayder" genannt

Der gelernte Kfz-Schlosser, der 1971 nach Deutschland kam und sich 1982 einbürgern ließ, galt seit Jahren als radikaler Islamist. Seit 1996 verdächtigten ihn die Behörden, ein Anhänger Bin Ladens zu sein. Den Ermittlern gestand "Bruder Haydar", bei der Durchsuchung gefundene Propaganda-Flugblätter, Aufrufe Bin Ladens zum "Heiligen Krieg", persönlich kopiert zu haben. Bei der Durchsuchung von Zammars Wohnung fanden die Staatsschützer neben Dokumenten aus Pakistan auch zwei Patronen, vermutlich Munition für eine Kalaschnikow.

Zugleich kommt aber durch die Festnahme auch ein diplomatisches Gerangel um den Zeugen in Gang. Denn noch immer ist Zammar deutscher Staatsbürger und genießt den Schutz der Bundesrepublik. Zwischen den USA oder dem Land, in das die US-Behörden den Deutschen gebracht hatten, könnte nun ein Konflikt entstehen. Die Deutschen werden vermutlich auf die Auslieferung des Gesuchten nach Deutschland drängen. Offiziell war zu dem Bericht freilich bei den Ermittlungsbehörden kein Kommentar zu erhalten.

Die Familie Zammars hingegen hat bereits vor Monaten eine offizielle Vermisstenanzeige gestellt und hat auch schon beim Außenministerium von Joschka Fischer um Hilfe im Fall ihres verschwundenen Verwandten gebeten. Bisher aber wurden die Fragen des Auswärtigen Amts (AA) nach Zammar oder möglichen anderen Deutschen in US-Gewahrsam in Washington mit Kopfschütteln beantwortet. Nach dem neuerlichen Zeitungsbericht wollen die Diplomaten Fischers aber noch mal in den USA nachhören, hieß es am Mittwoch aus dem AA.

Zammar reiste unbehelligt in Richtung Unbekannt

In der Wohnung der Attentäter - hier bei der Durchsuchung nach dem 11. September - war Zammat häufig zu Gast
REUTERS

In der Wohnung der Attentäter - hier bei der Durchsuchung nach dem 11. September - war Zammat häufig zu Gast

Auf jeden Fall könnte die Festnahme eine ganz offensichtliche Panne der Deutschen wieder gutmachen. Denn obwohl Zammar schon kurz nach dem 11. September unter Observation der Polizei stand, konnte er unbehelligt am 27. Oktober mit dem Flugzeug über Amsterdam in Richtung Nordafrika und dann nach Unbekannt entschwinden. Zwei Tage zuvor hatte das Hamburger Bezirksamt Hamburg-Nord ihm sogar noch einen vorläufigen Reisepass ausgestellt.

Die Rekonstruktion der Flucht Zammars gestaltete sich kompliziert. Die Deutschen fragten bei den Marokkanern nach und bekamen die Auskunft, er sei festgenommen worden. Plötzlich aber teilte die Polizei des nordafrikanischen Staates mit, der Gesuchte sei zwar in Marokko angekommen, habe das Land aber "mit unbekanntem Ziel verlassen". Kurz darauf korrigierten die Behörden die Angaben und sagten, Zammar sei nach Spanien ausgereist, nachdem man ihn ausgewiesen habe. Allein die widersprüchlichen Aussagen nährten schon damals den Verdacht, Zammar sei in die Fänge eines Geheimdienstes geraten.

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