Terror gegen die Türkei In den Höhlen der Turnschuhguerilla

Aus dem Nordirak berichtet

2. Teil: Die PKK empfängt Journalisten nicht ohne Grund - sie will ihre Mission erklären


Doch unser geduldeter Besuch dient auch einem Ziel. Ohne Nachfragen kommt Shuresh schnell auf die große Politik hinter der aktuellen Krise. "Das hier ist unser Land", sagt Shuresh. Er blickt in das lange Tal, an dessen Ende irgendwo die Türkei anfängt, "und dahinter geht Kurdistan noch lange weiter". Jahrelang habe sich die Welt nicht um die Sache der Kurden geschert, erregt er sich, "jetzt kommt ihr wieder alle und wollt wissen, worum es uns geht". Die PKK seien keine Terroristen, sondern nur Freiheitskämpfer - "wie die Eta in Spanien oder die IRA in Irland".

Es ist eine kleine Welt, in der das Kommando lebt und denkt. Die Männer stellen ihren Kaffee aus Kesuan-Bohnen her, aber auch ihr Shampoo. Abends beim Lagerfeuer gibt es ab und an eine Lektion in Marx und Engels. Im Irak wirkt die PKK eher wie eine Kampftruppe aus der Vergangenheit. Über den gut organisierten Terror-Arm in der Türkei, der immer wieder tödliche Anschläge mit vielen Toten ausführt, will Shuresh nicht reden. Man habe "überall Leute", raunzt er kurz, außerdem räche man sich wenn überhaupt nur.

Die PKK wolle keine Eskalation. "Wir würden auch verhandeln", sagt Shuresh, "doch die Türkei will alle Kurden versklaven". Es sind Sätze wie dieser, die wir innerhalb von zwei Tagen von vier Kommandeuren hören. Viel wird von einer "diplomatischen Lösung" gesprochen, dass es den acht türkischen Soldaten in Geiselhaft gut gehe. Es ist ein regelrechter Code, den die Subkommandeure für ihre Außenkontakte bekommen - auch ein Zeichen, wie straff Kommunikation und Befehlskette der PKK strukturiert sind.

Die Gelassenheit ob der türkischen Drohungen wirkt indes aufgesetzt. Aus Angst vor gezielten Attacken oder Spionage sind die echten Kommandeure der PKK seit rund zehn Tagen abgetaucht. Waren Männer wie der Militärchef Murat Karayilan zuvor noch nach einigen Telefonaten für ein Interview zu treffen, hält er sich nun lieber zurück - schließlich steht der PKK-Mann ganz oben auf der Liste von Guerilla-Kämpfern, deren Auslieferung Ankara von der irakischen Regierung verlangt.

In der kleinen Welt der Subkommandos bereitet man sich ebenfalls schon aufs Schlimmste vor. Shuresh und seine Truppe jedenfalls waren in den vergangenen Tagen bereits bei den wenigen Dörfern der Region und haben die Bauern gewarnt. "Sie haben gesagt, wir sollten uns draußen verstecken, wenn wir Flugzeuge hören", erzählt der Bauer Mohammed Rassul, der mit seiner Familie im Tal wohnt. Für den 56-Jährigen mit seinen drei Zähnen ist die PKK-Präsenz ganz normal. "Sie waren immer hier und haben uns nie Probleme gemacht", sagt er.

Shuresh will uns die gute Zusammenarbeit gern beweisen. Munter hüpfen seine Männer auf die Ladefläche des Nissan Pick-Ups. "Wir begleiten euch ein Stück", ruft der Kommandeur. Er schwingt sich auf den Fahrersitz. Irgendwann zeigt er auf einen Felsen, auf dem in tiefrot "PKK" gesprüht ist. "Hier beginnt die rote Zone, unser Land", sagt er. In der letzten Kurve vor dem Check-Point mahnt er dann doch zum Anhalten. Man wolle in dieser Lage keine Provokation, sagt er und lächelt. Schon bald, so Gott will, werde man wieder gemeinsam Tee mit den Soldaten trinken.

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