Terror im Interconti Kabul Nato kämpft Hotel-Angreifer nieder

Erst nach stundenlangen Gefechten war der Angriff beendet: Ein Terrorkommando der Taliban hat das Luxushotel Intercontinental in Kabul gestürmt und mindestens zehn Menschen getötet - angeblich suchten sie gezielt nach Ausländern. Die Nato schlug die Attacke mit Kampfhubschraubern nieder.


Kabul - Sie kamen mit Sprengstoffgürteln, Raketen und Gewehren, um zu töten und richteten ein Blutbad an: Ein Selbstmordkommando der radikal-islamischen Taliban hat in Afghanistans Hauptstadt Kabul ein Luxushotel angegriffen und mindestens zehn Menschen getötet. Zunächst hatte die Polizei gemeldet, unter den Toten befänden sich auch zwei Ausländer. Diese Angabe ist inzwischen korrigiert worden: "Unter den zivilen Opfern waren keine Ausländer", sagte Innenministeriumssprecher Sidiqullah Siddiqi. Auch ein Sprecher des Auswärtigen Amtes in Berlin hatte betont, es gäbe "keine Hinweise auf Deutsche, die betroffen sind."

Die Nato-Schutztruppe Isaf griff mit Kampfhubschraubern ein und konnte nach stundenlangen Gefechten den Angriff der Taliban niederschlagen - dabei wurden auch sieben Angreifer getötet. Nach dem Isaf-Angriff drangen afghanische Soldaten in das Hotel ein und sicherten das Gebäude, dessen Dach nach dem Hubschrauber-Einsatz in Flammen stand. Fünf Stunden lang hielten sich die Angreifer in dem Hotel verschanzt und lieferten sich Kämpfe mit Sicherheitskräften.

Kampflieder der Taliban als Hintergrundmusik

Augenzeugen berichteten von dramatischen Szenen. Ein Polizeioffizier vor Ort sagte SPIEGEL ONLINE, eine Gruppe von bewaffneten Männern sei in das Hotel eingedrungen. Einer der Männer habe sich in der Halle des Hotels in die Luft gesprengt, die anderen hätten das Gebäude gestürmt. Die Polizei sperrte umgehend die Zufahrten des Hotels, das auf einem Bergrücken am Rand von Kabul liegt und eine der wenigen von westlichen Besuchern genutzten Unterkünfte der afghanischen Hauptstadt ist.

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Selbstmordanschlag in Kabul: Terrorkommando stürmt Luxushotel
Nach mehreren Explosionen hätten die Angreifer das schwer bewachte Hotel gestürmt, um zum Ballsaal der Nobelunterkunft vorzudringen, sagte ein Rezeptionist der Nachrichtenagentur Reuters. Einige von ihnen hätten Kassettenrekorder getragen, aus denen Kampflieder der Taliban zu hören gewesen seien. Die Angreifer hätten auf jeden geschossen, der ihnen in den Weg gekommen sei. Manche Gäste des Hotels seien aus dem zweiten und dritten Stock gesprungen, um vor den Angreifern zu entkommen, sagte der Mann laut dem Bericht.

"Zuerst gab es Schüsse, dann zwei Explosionen", sagte der Angestellte Esatullah über den Beginn des Angriffs, bei dem er sich zunächst in einem Zimmer in einem der obersten Stockwerke versteckt hielt. Wegen dichten Rauchs habe er den Raum verlassen müssen. "Als ich rauskam habe ich Spuren von Blut gesehen. Dann kam die Polizei und hat mich rausgeholt", schilderte der Hotelmitarbeiter.

In dem staatlichen Hotel, das nicht zur weltweiten Intercontinental-Kette gehört, hielten sich zu Beginn des Angriffs am Dienstagabend die Teilnehmer einer für Mittwoch geplanten Konferenz zur Übergabe der Sicherheitsverantwortung an die Afghanen auf.

"Alle ihre Leichen sind gefunden worden"

Die Taliban bekannten sich zu dem Angriff. Taliban-Sprecher Sabiullah Mudschahid sagte, die Aufständischen hätten sich auf der Suche nach Ausländern von Zimmer zu Zimmer vorgearbeitet.

Insgesamt sieben bewaffnete Taliban-Kämpfer und Selbstmordattentäter hätten das stark bewachte Hotel gestürmt, sagte Mohammad Sahir, Chefermittler der Kriminalpolizei. "Alle ihre Leichen sind gefunden worden." Die Situation sei unter Kontrolle. Zunächst war unklar, wie viele ausländische Gäste in dem Hotel mit seinen rund 200 Zimmern wohnten.

In Kabul hielt sich am Dienstag auch der US-Sondergesandte Marc Grossman auf. Er war dort mit afghanischen und pakistanischen Vertretern zusammengekommen, um die Möglichkeit für Friedensgespräche mit den Taliban auszuloten, wie eine Sprecherin des US-Außenamtes sagte. Seine Delegation habe Afghanistan "sicher" wieder verlassen, erklärte das Ministerium, das den Angriff scharf verurteilte. Die Tat zeige die "Verachtung menschlichen Lebens durch Terroristen".

Mit dem Anschlag in der Hauptstadt bewiesen die Taliban erneut, dass sie zu komplexen Attacken auch in Kabul in der Lage sind.

Aufständische hatten bereits 2008 das ebenfalls bei Ausländern beliebte Hotel Serena in Kabul attackiert. Dabei kamen sieben Menschen ums Leben, darunter drei Ausländer. Die Sicherheitsvorkehrungen wurden daraufhin auch in den anderen Hotels der Stadt verschärft.

Der Angriff ereignete sich wenige Wochen vor dem geplanten Beginn des Abzugs der internationalen Truppen. US-Präsident Barack Obama hatte vergangene Woche angekündigt, ab Juli bis Ende des Jahres 10.000 der derzeit rund 99.000 US-Soldaten vom Hindukusch abzuziehen. Bis 2014 sollen alle ausländischen Soldaten das Land verlassen und die afghanischen Sicherheitskräfte vollständig die Kontrolle übernehmen - so wie sie es in Kabul bereits praktizieren. Experten fürchten jedoch, dass die einheimischen Kräfte nicht in der Lage sein werden, die Taliban in Schach zu halten.

hen/Reuters/dpa/AP/AFP



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diefreiheitdermeinung 29.06.2011
1. In der Lage wohl
" Experten fürchten jedoch, dass die einheimischen Kräfte nicht in der Lage sein werden, die Taliban in Schach zu halten." so SPON. Es ist wohl eher eine Frage des Wollens. Solange eine hohe Anzahl der afghanischen Bevoelkerung Sympathien fuer die Taliban und deren Ideen hat und solange die Prioritaet politischer Kreise eher im Geldverdienen durch Korruption liegt wird tatsaechlich keine Verbesserung erreicht. Zudem verhandeln die Taliban mit dem gehassten Westen - wahrscheinlich um eine gemeinsame Sprachregelung, die einen sog. "ehrenvollen Abzug" moeglich macht. Jeden Tag hoeren wir als "Nebenluft" der ISAF sozusagen, dass sich die Umstaende in A. wesentlich verbessern. Und tags darauf sagen die Schlagzeilen etwas ganz Anderes. A. ist im Begriff ein "failed state" zu werden und entweder die dortige Bevoelkerung bekommt ihr ureigenes Problem endlich selbst in den Griff oder wir muessen uns an den Gedanken gewoehnen mit einem zweiten Somalia leben zu muessen.
ratxi 29.06.2011
2. Marionetten
Zitat von sysopErst nach stundenlangen Gefechten war der Angriff beendet: Ein Terrorkommando der Taliban hat das Luxushotel Intercontinental in Kabul gestürmt und mindestens zehn Menschen getötet. Die Nato-Schutztruppe Isaf schlug die Attacke mit Kampfhubschraubern nieder. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,771216,00.html
Die Illusion vom Frieden wird wohl auf lange Sicht eine Illusion bleiben, da die afghanischen Politiker von den Taliban als von den USA eingesetzte Marionetten geshen werden.
AxelSchudak 29.06.2011
3. Zu viel der Ehre...
>Mit dem Anschlag in der Hauptstadt bewiesen die Taliban >erneut, dass sie zu komplexen Attacken auch in Kabul >in der Lage sind. Was ist komplex daran, wenn man sieben Menschen, die NICHT auf ihr Überleben hoffen, mit Handfeuerwaffen ausrüstet und in ein Hotel schickt. Das hat die Komplexität eines Vorschlaghammers, nicht mehr...
larsmach 29.06.2011
4. Das sind die "komplexen Fähigkeiten" der Taliban
Da haben uns also die "Gotteskrieger" demonstriert, zu welch "komplexen" Handlungen sie in der Lage sind. In unserem Teil der Welt bestehen solche Demonstrationen von Fähigkeiten im Entwickeln kabelloser Telefone, minimal-invasiver Chirurgie oder stromerzeugender Membrane. Hier zeigt sich jener große kulturelle Unterschied, der Ursache für Armut in Gesellschaften nach dem Idealbild solcher "Gotteskrieger" ist und damit Ausgangspunkt für massenhafte Abstimmung mit den Füßen ...gen Westen. Da war von Verhandlungen des Westens mit jenen "Gotteskriegern" zu lesen; wie muss man sich das im Detail vorstellen? So, wie das Gespräch einer Frauenbeauftragten mit einem zeitreisenden Großinquisitor aus dem Mittelalter..?
horstma 29.06.2011
5. Übergeschnappt
In meinen Augen haben die Amerikaner inzwischen jeden Sinn für die Realität verloren. Wie kann man mit den Taliban ernsthaft Friedensgespräche führen wollen? Man stelle sich vor, Hitler hätte das Ende des 2. Weltkriegs überlebt, und die USA hätten danach mit ihm, NSDAP und SS über den Wiederaufbau des Deutschen Reiches verhandelt. Undenkbar! Das Ziel, die Taliban zu entmachten, ist gescheitert. Und um diese Wahrheit besser zu verpacken, will man sich jetzt an den Verhandlungstisch setzen, unter dem schon die Bomben der Taliban kleben. Man kann nur noch den Kopf schütteln.
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