Terror in Afghanistan Drei deutsche Polizisten sterben in gepanzertem Fahrzeug

Erstmals sind bei einem Terroranschlag in Afghanistan deutsche Polizisten getötet worden. Ein Sprengsatz explodierte, als die Botschaftsschützer in einem Fahrzeug auf dem Weg zu einem Schießstand nahe Kabul waren. Der gepanzerte Wagen war nicht stabil genug, die Insassen zu schützen.


Berlin/Kabul - Bundesinnenminister Wolfgang Schäuble (CDU) gab bekannt, dass drei deutsche Sicherheitsbeamte getötet wurden, ein vierter Polizist sei verletzt worden. Er befinde sich jedoch außer Lebensgefahr. Die Opfer seien "im Einsatz zum Schutz unserer dortigen Botschaft und des Botschafters selbst" gewesen, erklärte Schäuble. Der Innenminister und Außenminister Frank-Walter Steinmeier (SPD) verurteilten den Anschlag.

Schäubles Angaben zufolge fuhren die Beamten auf dem Weg zu einem dienstlichen Training auf einen Sprengsatz. Sie hätten ein besonders geschütztes Fahrzeug benutzt. Doch sei die Explosion so stark gewesen, dass "trotz allen Schutzes die schrecklichen Folgen eingetreten sind". Das Bundeskriminalamt werde unverzüglich Experten nach Kabul entsenden, um sich an der Aufklärung des Attentats zu beteiligen. Informationen aus Sicherheitskreisen zufolge fuhren die Deutschen mit deutscher Flagge auf der Dschalalabad Road. Dort liegt den Angaben zufolge ein Schießstand, in dem Deutsche regelmäßig trainieren.

Tödlich verletzt wurden den Angaben zufolge der Leiter und ein Mitglied des Personenschutzkommandos, beide Angehörige des Bundeskriminalamtes. Das dritte Opfer war ein Mitglied der Bundespolizei, der beim Haussicherungsdienst der Botschaft tätig war. Der verletzte Beamte habe ebenfalls dem Botschaftsschutzkommando angehört. Er werde derzeit von der Bundeswehr im Isaf-Lager Camp Warehouse in Kabul behandelt.

Der baden-württembergische Innenminister Heribert Rech (CDU) teilte in Stuttgart mit, ein 39-jähriger Polizeiobermeister vom Polizeipräsidium Karlsruhe sei unter den Toten. Er sei an das Bundeskriminalamt abgeordnet gewesen.

Taliban bekennen sich zu Anschlag

Die radikalislamischen Taliban bekannten sich dazu, einen Anschlag auf einen Konvoi mit ausländischen Truppen verübt zu haben. Taliban-Sprecher Jussuf Ahmadi behauptete gegenüber der Nachrichtenagentur AFP am Telefon: "Es war eine ferngesteuerte Bombe, die beim Vorbeifahren des ausländischen Konvois explodierte."

"Ich verurteile den hinterhältigen Anschlag auf das Schärfste", erklärte Schäuble. "Wir werden aber alle Maßnahmen zum Aufbau der afghanischen Sicherheitskräfte und zu deren Ausbildung durch die Bundesrepublik Deutschland gemeinsam mit unseren europäischen Partnern zielstrebig fortführen." Schäuble stellte klar, dass die getöteten Polizisten nicht an der europäischen Polizeimission Eupol zum Aufbau eigenständiger Polizeikräfte in Afghanistan beteiligt gewesen seien.

Auch Steinmeier reagierte mit tiefer Trauer und Entsetzen auf den Anschlag. Er sprach den Angehörigen sein "tiefes Mitgefühl" aus. Die Aufgabe der getöteten Polizeibeamten sei es gewesen, Leben zu schützen. "Ihre Arbeit stellte einen wichtigen Beitrag zum deutschen Engagement für den Wiederaufbau in Afghanistan dar", erklärte Steinmeier. "Die Hintermänner dieses feigen Anschlags müssen schnellstens ermittelt und bestraft werden."

Augenzeugen vor Ort hatten berichtet, der Konvoi aus zwei deutschen Geländewagen sei auf einer Schotterstraße unterwegs gewesen, als die Bombe explodiert sei. Drei Leichen seien mit Hubschraubern abtransportiert worden. Später seien französische Soldaten mit Antiminengerät und US-Soldaten am Explosionsort eingetroffen.

Erstmals Polizisten als Ziel

Mit dem heutigen Anschlag seien erstmals deutsche Polizisten im Dienst in Afghanistan getötet worden, sagte ein Sprecher des Bundesinnenministeriums in Berlin. Im Gegensatz zu Soldaten, die auf Befehl in einen Einsatz gehen, können Polizisten frei entscheiden, ob sie eine solche Aufgabe übernehmen. Derzeit sind 40 bis 50 Polizisten für die Ausbildung der örtlichen Polizei in Afghanistan im Einsatz. Zur Zahl der Personenschützer an der Botschaft machte Matthias Wolf vom Innenministerium aus Sicherheitsgründen keine Angaben.

Das Bundeskabinett unter Kanzlerin Angela Merkel (CDU) hat die Ermordung der drei deutschen Polizisten in Afghanistan als "feigen und schrecklichen Anschlag" verurteilt. Die Kanzlerin und die Kabinettsmitglieder hätten in der Sitzung heute tief betroffen auf die Nachricht von dem Anschlag auf deutsche Sicherheitskräfte in Kabul reagiert, teilte Regierungssprecher Ulrich Wilhelm in Berlin mit. Laut Wilhelm will die Bundesregierung auch nach diesem Attentat an dem deutschen Engagement in Afghanistan festhalten. Auch das Innenministerium und das Auswärtige Amt erklärten, ihre Missionen würden fortgesetzt. Wolf sagte, die Polizisten seien sehr motiviert.

Erst vor drei Monaten waren in Afghanistan drei deutsche Soldaten getötet worden. Sie starben am 19. Mai bei einem Selbstmordattentat auf einem belebten Markt in Kunduz.

Rund 500 Deutsche leben nach Schätzungen des Auswärtigen Amtes dauerhaft in Afghanistan. Die Dunkelziffer könnte jedoch wesentlich höher liegen, weil es keine Meldepflicht gibt. Im Rahmen des deutschen Beitrags zur Isaf-Schutztruppe sind außerdem knapp 3300 Bundeswehrsoldaten in dem zentralasiatischen Land stationiert. Deutsche Polizeibeamte sind unter anderem zur Polizistenausbildung und zum Schutz der deutschen Botschaft entsandt.

asc/AP/dpa/AFP

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