Terror in Amsterdam Ein Mord, 911 Tage und ein Land in Agonie

Der Mörder von Theo van Gogh war offenbar kein Einzeltäter - hinter der brutalen Tat steckt möglicherweise ein terroristisches Netzwerk mit Verbindungen zu al-Qaida. Die niederländischen Behörden müssen nun erklären, warum van Gogh sterben musste, obwohl er seit langem bedroht wurde. Das Land steckt in einer tiefen Identitätskrise.

Aus Amsterdam berichtet


Theo van Gogh
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Theo van Gogh

Den ganzen Mittwoch lang war die niederländische Polizei in Amsterdam-West auf Achse. Viele Wohnungen in dem mehrheitlich von Ausländern bewohnten Viertel wurden durchsucht, insgesamt acht weitere Verdächtige im Mordfall Theo van Gogh festgenommen. Sechs von ihnen kommen wie der bereits am Dienstag festgenommene Mohammed B. aus Marokko, zwei stammen laut Medienberichten aus Spanien und Algerien. Aus den Wohnungen, die allesamt in der unmittelbaren Umgebung des Tatorts liegen, schleppten Polizisten in großen Kisten Computer, Propagandaschriften und weiteres Beweismaterial.

Doch zwei Tage nach dem bestialischen Mord in der Nähe des Grachtenviertels regt sich erste Kritik an den Behörden, die schon aus den USA, Deutschland oder anderen Ländern in Europa bestens bekannt ist. Immer deutlicher wird, dass Polizei und Geheimdienst die radikal-islamistische Szene zwar im Auge hatten, doch nichts über den Mord-Plot an dem kontroversen Filmemacher erfahren hatten. In den niederländisachen Medien wird kritisiert, dass verschiedene Behörden wie Polizei und Justiz nur unzureichend miteinander kooperiert hätten.

Kritik lässt in solchen Situationen auch in den beschaulichen Niederlanden nicht lange auf sich warten. So fordern die Kommentatoren der großen Zeitungen eine Reform der Sicherheitsdienste und ein Überdenken der Strategie gegen die Terror-Szene. Mit dem Mord, so schreibt es eine Zeitung, hat Holland nun sein "ganz eigenes 9/11". Mehrere Politiker haben mittlerweile in Briefen gefordert, dass sie endlich von der Regierung über die genauen Umstände und Ermittlungen informiert werden wollen.

Treffpunkt al-Tawheed-Moschee

Mittlerweile gestehen die Behörden zumindest ein, dass der Täter mit größter Wahrscheinlichkeit seine Bluttat aus Rache für die islam-kritischen Filme Theo van Goghs beging. Dieser war immer wieder mit Hass-Briefen und Drohanrufen bombardiert worden, hatte aber dennoch keinen Personenschutz. Van Goghs Person, seine Äußerungen und besonders der Kurzfilm "Submission" hatten immer wieder provoziert. Fanatische Muslime bezeichnete er in seinen Kommentaren gern als "Ziegenficker". Mit beleidigendem Vokabular ging er auch schon mal auf Schriftsteller wie Leon de Winter oder seiner Ansicht nach lahme Politiker vor. Trotzdem lebte van Gogh in West-Amsterdam, das hauptsächlich von Muslimen bewohnt wird.

In diesem Amsterdamer Quartier ist nun die Polizei aktiv, um eventuelle andere Mittäter zu stellen. Die Verbindungen des mutmaßlichen Täters in die radikal-islamistische Szene werden dabei immer klarer. So hatte Mohammed B. gute Kontakte zu einer Gruppe von Islamisten, die bereits wegen eines geplanten Terror-Coups auf den Amsterdamer Flughafen in Haft sitzen und enge Kontakte zu al-Qaida pflegten. Zudem ging er in der vom Geheimdienst beobachteten al-Tawheed-Moschee im Osten Amsterdams ein und aus. Dort sollen nach Erkenntnissen der Fahnder regelmäßig Aufrufe zum gewaltsamen Kampf gegen die Ungläubigen gepredigt werden, so die Sicht der Behörden.

Gedenken an van Gogh
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Gedenken an van Gogh

Auch die festgenommene Gruppe von Männern, die seit mehreren Monaten in Haft sitzt, gehörte zu den regelmäßigen Besuchern der Moschee. Bei ihnen wurden im vergangenen Jahr bei der Festnahme Unterlagen und Skizzen gefunden, die auf eine Anschlagsplanung hinwiesen. Sie sollen auch Kontakte zu anderen Terror-Zellen, zum Beispiel in Spanien, unterhalten haben, berichteten niederländische Zeitungen am Donnerstag. Einige von ihnen sollen auch versucht haben, am bewaffneten Djihad in Tschetschenien teilzunehmen. Wie viele andere Terror-Touristen endete ihre Odyssee jedoch in der Ukraine, von wo sie nach Holland zurück geschickt wurden.

Viele Hinweise, keine Folgen

So detailliert jedoch die jetzigen Kenntnisse über das Umfeld des Täters sich auch anhören, so wenig Folgen hatten sie in der Vergangenheit. So tauchte der Name von Mohammed B. zwar nach Zeitungsberichten in mehreren Dossiers der Polizei auf, getan wurde aber nichts. Auch die am Mittwoch festgenommenen Männer waren bereits im Oktober 2003 einmal kurzzeitig festgenommen worden, da die Polizei Anschlagsplanungen vermutete. Nach ihrer Freilassung aber konnten sie weiter unbeobachtet in Amsterdam agieren - vielleicht sogar die Bluttat von Dienstagmorgen vorbereiten. Sehr bald wird sich die holländische Polizei fragen lassen müssen, warum sie dies besonders nach ähnlichen Erfahrungen in anderen europäischen Ländern passieren lassen konnte.

Die Polizei hält sich mit Details über die Tat und den Täter noch immer zurück. Allerdings weisen Zeitungsberichte daraufhin, dass es sich keineswegs um den Amok-Lauf eines verrückten Einzelgängers wie bei dem Mord an dem Politiker Pim Fortuyn in Jahr 2002 gehandelt hat. Da sind zum einen Berichte darüber, dass Mohammed B. bestens vorbereitet war. Als er sich auf den Weg zur Tat machte, war er mit einer Pistole, zwei Messern und einem vorgeschriebenen Testament ausgerüstet. Außerdem heftete er seinem Opfer einen arabischen Brief an die Brust, nachdem er mehrmals auf van Gogh geschossen hatte und ihm laut einigen Medienberichten sogar die Kehle mit einem Schlachtermesser durchgeschnitten hatte.

Die Behörden beobachten mittlerweile intensiv die Symbolik der Tat. Zwar mag es Zufall sein, dass der Täter genau 911 Tage nach dem Mord an Pim Fortuyn mordete - es könnte aber auch ein Zeichen mit Anspielung auf den 11. September 2001 sein, das der Täter bewusst setzen wollte. Zudem wurde mittlerweile bekannt, dass der getötete Filmemacher genau am Tag seines Mordes seinen neuen Film fertig stellen wollte. Dieser beschäftigt sich intensiv mit dem Mord an dem Populisten Pim Fortuyn, der wie von Gogh als Provokateur und Mahner für eine Abgrenzungsstrategie zum Umgang mit in Holland lebenden fundamentalistischen Muslimen bekannt war.

Das Ende der geliebten Liberalität?

Doch es sind nicht nur die vermeintlichen Fehler der Ermittler, die auf den Mord an Theo van Gogh folgen. Nach dem Schock über die blutige Tat beginnt in Holland nach Jahren des Schönredens eine heftige Diskussion über den Umgang mit Ausländern und die Einwanderungspolitik und die Fehler der letzten Jahre. Schon jetzt wird in den Cafés aber auch unter Politikern gestritten, welche Folgen dieser Mord auf das Zusammenleben von Niederländern und Einwanderern haben wird. "Wenn dies die Folge seiner Auslassungen über den Islam ist, dann kann man in diesem Land nicht mehr vernünftig miteinander leben", zitierte "de Volkskrant" Justizminister Donner (CDA) mit dramatischen Worten in Bezug auf den Mord.

Auch die Worte anderer Politiker erinnern sehr an die Zeit nach dem 11. September. Doch was in Deutschland oder anderen europäischen Ländern bereits als kalter Kaffee gehandelt wird, bekommt in Holland erst durch den Mord tragische Aktualität. Da sind Wissenschaftler wie René Cuperus von der sozialdemokratischen Wiardi-Beckman-Stiftung. In Anlehnung an das viel zitierte Werk von Samuel P. Huntington sieht Cuperus Holland plötzlich als "Frontstaat in der Konfrontation der Kulturen". Der Vorsitzende der Sozialdemokraten, Wouter Bos, raunte dunkel, das "Gefecht zwischen dem freien Wort und religiösen Fanatikern" könne "in der Gesellschaft viel in Bewegung bringen".

So dramatisch die Worte der Politiker auch sind - lange hat Holland im Schlaf der Seeligen gelegen. Lange setzte das Land auf seine traditionelle Liberalität und Weltoffenheit und Politiker versuchten hartnäckig die durchaus bekannten Probleme zu verdecken. Wegsehen statt agieren war lange Zeit die Parole einer in Europa wohl einmaligen Konsens-Politik. Nun plötzlich kommen so unangenehme und lange bekannte Wahrheiten sowie Überraschungen auf den Tisch: Zum Beispiel, dass bereits ein Drittel der Amsterdamer Ausländer sind. Oder, dass sich mehr als die Hälfte aller Holländer in ihren Wohnvierteln nicht mehr zu Hause fühlt. Oder eben, dass es auch in Holland - wie fast überall in Europa - eine aktive Szene gewaltbereiter Islamisten gibt.

Wegsehen statt handeln

All dies war auch vorher kein Geheimnis, wurde aber gern verschwiegen. Auch wenn ihn kaum jemand beachtete, skizzierte schon Anfang des Jahres ein Regierungsbericht, wie sehr die Integrationspolitik in den Niederlanden gescheitert ist. Es gebe rein "schwarze" Stadtteile mit rein "schwarzen Schulen", auf die kein weißer Niederländer mehr gehen wolle. Zudem habe sich über die Jahre neben der niederländischen eine Parallelgesellschaft gebildet. Diese ignoriere die niederländische Kultur im besten Fall - im schlimmeren aber werde diese abgelehnt oder gar offen bekämpft. Folgen hatte dieser offizielle Bericht bisher nicht.

Auch andere unangenehme Fakten wurden in der Vergangenheit lieber unter den Teppich gekehrt. So haben 40 Prozent der der marokkanischen Jungen keinen Schulabschluss, und die Arbeitslosigkeit unter Ausländern ist viermal so hoch wie unter Niederländern. Selbst Ausschreitungen in den Amsterdamer Wohnvierteln im Westen der Stadt wurden gern nur als kleine Meldungen in den Zeitungen gedruckt. Immer wieder war es dort in den letzten Monaten zu gewaltsamen Übergriffen zwischen den so genannten "autochthonen" (Ur-Holländern) und "allochthonen" (Einwanderer) gekommen, doch die Politik des Amsterdamer Bürgermeisters Job Cohen übte sich stets in Gleichmut.

In der angeheizten Stimmung nach dem Tod von van Gogh ist nun alles möglich. Bisher schweigt die Politik noch zu den Folgen des Ritual- und Symbolmords. Am Mittwochabend aber zeigte sich schon öffentlich ein gefährliches Potential, das nun Taten statt wieder nur Worte sehen will. Mit rasierten Schädeln zogen Skinheads und Anhänger des getöteten Politikers Pim Fortuyn durch die Amsterdamer Straßen und skandierten ausländerfeindliche Parolen. Ausländer sind Parasiten, so lautet ihre Lehre aus dem Mord. Der Linke Theo van Gogh war bei weitem kein Freund dieser rechtsextremen Gruppen. Ihr möglicher Aufschwung, die Verzweiflung vieler Liberaler über den Mord und die politische Untätigkeit der gegenwärtigen Regierung aber könnte die Niederlande jetzt radikal verändern.



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