Terror in Belgien Europas Dschihadisten-Hochburg

Großalarm in Belgien: In letzter Minute haben die Sicherheitsbehörden einen Anschlag auf Polizisten verhindert. Doch die Gefahr bleibt - in keinem anderen Land Europas gibt es mehr kampfbereite Dschihad-Rückkehrer.

Polizisten beim Einsatz in Verviers: Großalarm in Belgien
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Polizisten beim Einsatz in Verviers: Großalarm in Belgien

Von , Brüssel


Eric Van Der Sypt, Sprecher der belgischen Staatsanwaltschaft, tritt vor die Kameras, er soll mehr Details berichten zum spektakulären Anti-Terror-Einsatz in Belgien. Van Der Sypt sagt dreimal das Gleiche, erst auf Flämisch, dann auf Französisch, schließlich auf Englisch.

Es ist ein beeindruckend vielsprachiger Auftritt. Doch das Hin und Her der Sprachen offenbart auch den gespaltenen Charakter dieses kleinen Landes mit 11 Millionen Einwohnern. In Belgien gibt es Flamen, Wallonen, einige Deutschsprachige - und zunehmend auch Religionsgemeinschaften, die sich misstrauisch beäugen. Den kleinen radikalen Teil der muslimischen Gemeinschaft beobachtet zudem der belgische Staat misstrauisch, wie sich Donnerstagabend zeigte.

Zwölf Hausdurchsuchungen habe es quer durch Belgien gegeben, sagt Van Der Sypt über den Großeinsatz gegen mutmaßliche Dschihadisten. Zwei Männer, deren Identität noch nicht festgestellt ist, wurden dabei getötet.

Im ostbelgischen Verviers stellten die Beamten unter anderem Kriegswaffen vom Typ Kalaschnikow AK47, Munition, Sprengstoff und Polizeiuniformen sicher. "Die Gruppe wollte Polizisten im öffentlichen Raum und auf Polizeirevieren töten", erklärt Van Der Sypt, ein Anschlag habe "unmittelbar" bevor gestanden. Laut Medienberichten wurde der Einsatz durch Informationen aus Überwachungsgeräten in den Wohnungen und Autos der Verdächtigen ausgelöst.

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Aber der Sprecher der Staatsanwaltschaft stellt auch klar, dass die Durchsuchungen nicht direkt im Zusammenhang mit den Attentaten von Paris standen: "Unsere Aktion konzentrierte sich auf Belgien."

Belgien steht schon seit Längerem im Fokus der Sicherheitsexperten, die sich vor allem mit radikalisierten Rückkehrern aus Syrien befassen. Das International Center for the Study of Radicalisation hat errechnet, dass gemessen an der Einwohnerzahl kein Land in Europa so viele dieser Rückkehrer aufweist wie Belgien: Bis zu 400 belgische Muslime sollen in Syrien gekämpft haben.

Mitglieder der berüchtigten Terrorgruppe "Sharia4Belgium" sollen etwa den amerikanischen Journalisten James Foley ermordet haben. Derzeit läuft in Antwerpen unter strengsten Sicherheitsvorkehrungen ein Gerichtsverfahren gegen vermeintliche Mitglieder der Organisation, die Syrienkämpfer angeworben oder selbst in Syrien gekämpft haben sollen.

In dem Verfahren erläuterten die Staatsanwälte detailliert, wie Vertreter von "Sharia4Belgium" junge Männer und gelegentlich auch Frauen auf den Straßen von Antwerpen ansprachen. Sie wollten sie in ihr Rekrutierungscenter locken, um sie auf den Einsatz in Syrien ideologisch vorzubereiten.

Warum aber ist gerade Belgien eine Keimzelle des Terrors? Seit Langem gibt es hier Auseinandersetzungen über den Umgang mit der rund 400.000 Mitglieder großen muslimischen Gemeinschaft. Antwerpen verbot etwa im Jahr 2009 das Tragen des Kopftuches in der Öffentlichkeit.

Zwei Jahre später führte Belgien ein Gesetz gegen die Vollverschleierung ein: Ob im Bus, beim Spaziergang oder im Kino - Frauen duften ab sofort keine Burka mehr tragen, bei Verstoß drohte eine Strafe von 137,50 Euro.

Insbesondere die kleine Stadt Verviers, rund 25 Kilometer von Aachen entfernt, kristallisierte sich als Anziehungspunkt für radikale Islamisten heraus - auch wegen der wirtschaftlichen Probleme dieses strukturschwachen Teils des Landes, der Wallonie. Mit dem Niedergang der Textilindustrie verschwanden auch in Verviers viele Arbeitsplätze. Die 55.000-Einwohner-Stadt versuchte, mit laxer Zuwanderungspolitik neue Einwohner anzulocken - etwa eine beträchtliche tschetschenische Gemeinde, zu der viele islamische Fundamentalisten gehörten.

Auch in der Hauptstadt Brüssel entluden sich diese Spannungen. Am 24. Mai 2014 erschoss ein Mann im Jüdischen Museum in Brüssel ein israelisches Touristenpaar, eine Französin und einen Belgier. Der mutmaßliche Täter, der algerischstämmige Franzose Mehdi Nemmouche, wurde sechs Tage nach dem Verbrechen in Südfrankreich festgenommen und später nach Belgien ausgeliefert. Der 29-Jährige soll als selbst ernannter "Gotteskrieger" zuvor in Syrien gekämpft haben.

Die belgischen Behörden haben gegen Nemmouche inzwischen Anklage wegen Mordes in einem terroristischen Kontext erhoben. Der Verdächtige soll mehr als ein Jahr in Syrien an der Seite islamistischer Kämpfer verbracht haben - angeblich folterte er in dieser Zeit auch Geiseln. Zuvor war er in Frankreich unter anderem wegen Raubes mehrfach verurteilt worden. Bei seinem jüngsten Gefängnisaufenthalt zwischen 2007 und 2012 radikalisierte er sich offenbar.

Mohamed Galaye, der Imam der großen Moschee von Brüssel, hält die vielen Dschihadisten aus Belgien "für ein Produkt der Gesellschaft, nicht der Religion". Oft kämen die Rekruten aus prekären sozialen Verhältnissen, sie hätten getrunken oder seien kriminell gewesen, bevor sie sich radikalisieren. "Sie fühlen sich nicht mehr als Bürger Belgiens und nützen den heiligen Krieg als Vorwand, ähnliche Verbrechen wie vorher zu begehen", sagt Galaye gegenüber SPIEGEL ONLINE.

Der belgische Staat hat aus Sicht des Imams das Recht und die Pflicht, seine Bürger zu verteidigen. Um einer Radikalisierung der jungen Leute vorzubeugen, fordert der islamische Geistliche schärfere Kontrollen der sozialen Medien. "Um die Sicherheit zu gewährleisten, müssen manche Internetseiten geschlossen werden", sagt er.

Ist nun also auch Belgien "im Krieg", wie die französische Zeitung "Le Figaro" bereits schrieb? Die Terrorwarnung wurde im ganzen Land erhöht, künftig soll es bei Verdächtigen leichter möglich sein, den Reisepass zu entziehen - oder sogar bei einer Doppelstaatsbürgerschaft die belgische Nationalität.

Vor dem Sitz des belgischen Premiers Charles Michel schoben am Freitag zwar nur zwei Beamte Wache, panische Reaktionen will man an der Regierungsspitze vermeiden. Doch Ludivine Ponciau von der führenden Tageszeitung "Le Soir" sagt auch: "Die Terrorgefahr ist in Belgien Realität geworden."

Mitarbeit: Christoph Pauly

insgesamt 40 Beiträge
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dbrown 16.01.2015
1. In keinem Land gibt es mehr?
Heißt für mich: in keinem anderen Land finden so miese Kontrollen statt!
kuac 16.01.2015
2.
Mich wundert, dass in so einem kleinen Land wie Belgien, so viele gewaltbereite Menschen gibt. Was läuft dort falsch?
antiru 16.01.2015
3. Umzug
Vielleicht wäre es sinnvoll wenn PEGIDA nach Belgien geht?!
zwischendenZeilen_3 16.01.2015
4. Warum
wird nicht klar gesagt, dass der Lebensretter aus Supermarkt in Paris ein Muslim war. Auch der erschossene Polizist in Paris war ebenso ein Muslim. Die bewaffneten waren bloß Terroristen.
die80er 16.01.2015
5. so ala Türkei?
"Um einer Radikalisierung der jungen Leute vorzubeugen, fordert der islamische Geistliche schärfere Kontrollen der sozialen Medien. "Um die Sicherheit zu gewährleisten, müssen manche Internetseiten geschlossen werden", sagt er." Facebook, Twitter und Co schliessen? Und westliche Zeitungen gleich auch verbieten? Oder welche Internetseiten meint der? 40.000 sind doch nicht viel? Oder kann es sein das da eine 0 hinten fehlt?
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