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Geschwister im Dschihad: Wenn Brüder Terroristen werden

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In Brüssel haben sich zwei Brüder in die Luft gesprengt und viele Menschen getötet. Es ist nicht das erste Mal, dass ein Geschwisterpaar gemeinsam in den Dschihad zog. Dahinter steckt System.

Wie kommt es, dass Brüder zu Terroristen werden? Der folgende Text ist auf SPIEGEL ONLINE nach den Anschlägen von Paris 2015 erschienen, auch damals waren unter den Attentätern Geschwister. In Brüssel hat nun wieder ein Brüderpaar den Terrorakt verübt: Es handelt sich um Ibrahim und Khalid El Bakraoui. Die folgende Analyse ist leicht aktualisiert worden.


In den Bekennerschreiben und Videos der Dschihadisten ist immer von "Brüdern" die Rede. Gemeint sind Mitglieder und Anhänger der Terrororganisationen, die Anschläge verüben, Morde begehen oder Krieg führen.

Doch häufig sind es tatsächlich Brüder im Wortsinn, die sich zusammenschließen, um im Namen des Dschihad Terrorakte zu verüben.

Khalid und Ibrahim El Bakraoui Zur Großansicht
AFP/ Interpol

Khalid und Ibrahim El Bakraoui

Zu den Attentätern von Brüssel gehören die Brüder Ibrahim und Khalid El Bakraoui, beide Belgier und in Brüssel geboren. Bei den Anschlägen starben mindestens 31 Menschen, rund 260 wurden verletzt. Ibrahim El Bakraoui sprengte sich in der Abflughalle des Flughafens in die Luft. Er konnte später auf Fotos der Airport-Überwachungskamera identifiziert werden. Sein Bruder Khalid zündete einen Sprengsatz in einem Waggon der Metro an der Station Maelbeek.

Brahim und Salah Abdeslam Zur Großansicht
AFP/ Federal Police

Brahim und Salah Abdeslam

Einen Bezug zu Brüssel haben auch die beiden Belgier Brahim und Salah Abdeslam. Sie lebten seit ihrer Kindheit in der Brüsseler Gemeinde Molenbeek, die als Islamistenhochburg gilt. Beide waren an der Anschlagserie in Paris beteiligt: 130 Menschen starben in der französischen Hauptstadt. Der 31-jährige Brahim sprengte sich am 13. November am Café Comptoir Voltaire in die Luft.

Der 26 Jahre alte Salah fuhr drei andere Selbstmordattentäter zum Stade de France, wo er sich beim Fußball-Länderspiel Deutschland gegen Frankreich auch selbst sprengen wollte. Kurz vor dem Anschlag machte Abdeslam französischen Ermittlern zufolge einen Rückzieher und entsorgte seinen Sprengstoffgürtel in einem Mülleimer. Salah Abdeslam flüchtete nach Belgien und tauchte unter. Ob er von dort aus neue Anschläge plante, ist noch unklar - darüber gibt es widersprüchliche Angaben. Vergangene Woche konnte Salah Abdeslam gefasst werden, nun sitzt er in einem Hochsicherheitsgefängnis in Brügge.

Dschihadist Yassin Chouka (2009) Zur Großansicht
AP / Intelcenter

Dschihadist Yassin Chouka (2009)

Die Brüder Yassin und Mounir Chouka wiederum wuchsen in gutbürgerlichen Verhältnissen in Bonn-Kessenich auf. Die Deutsch-Marokkaner gingen auf katholische Schulen, spielten Fußball und Basketball, trugen Jeans und Kapuzenpullis, tranken Bier. 2004 machte Yassin Abitur.

Ein Jahr später soll sich Mounir nach einer Mekka-Reise 2005 stark verändert haben. Der Fachangestellte für Bürokommunikation besuchte verschiedene als radikal geltende Moscheen in Bonn. Er wandelte sich zum Fanatiker, der für seine Religion töten und sogar sterben wollte. Er brach mit seinen Eltern. Wenig später tat es ihm sein Bruder Yassin nach.

2008 zogen die Brüder Chouka ins afghanisch-pakistanische Grenzgebiet nach Waziristan. Sie posierten in Propagandavideos der Terrororganisation Islamische Bewegung Usbekistans (IBU). Unter anderem forderten sie Mordanschläge gegen die Mitglieder von Pro NRW. Anfang 2015 wollten sie offenbar von Waziristan nach Syrien reisen, um dort im Bürgerkrieg zu kämpfen. In Iran wurden die Brüder von der Polizei gestoppt. Die Dschihadisten leisteten Widerstand: Yassin Chouka wurde getötet, Mounir festgenommen. Er sitzt seither in einem iranischen Gefängnis.

Zwillingsbrüder Kevin und Mark K. Zur Großansicht

Zwillingsbrüder Kevin und Mark K.

Auch die Brüder Kevin und Mark K. aus Castrop-Rauxel führten ein Leben, in dem lange nichts auf ein Abgleiten in den Dschihadismus hindeutete. Die beiden Zwillinge stammen aus gutem Hause, ihr Vater ist Polizist, Kevin verbringt ein Schuljahr in den USA. Vor etwa fünf Jahren konvertiert er zum Islam. Er orientiert sich an den prominenten deutschen Salafistenpredigern wie Pierre Vogel und Ibrahim Abou Nagie.

Kevin ist streng religiös und ein erfolgreicher Jurastudent. Er darf an einem juristischen Exzellenzprogramm teilnehmen und wird im Jahr 2012 studentischer Mitarbeiter an einem Institut, sein Fachgebiet: Berg- und Energierecht.

Sein Zwillingsbruder Mark verpflichtet sich 2010 für vier Jahre bei der Bundeswehr und geht auch für einen Auslandseinsatz nach Afghanistan. Im November 2012 konvertiert er in einer Moschee in Castrop-Rauxel zum Islam, ein gutes Jahr später fällt er den zuständigen Sicherheitsbehörden auf.

Im August 2014 reisen Mark und Kevin über die Türkei nach Syrien. Ihrer Mutter, die sie zuvor noch im Urlaub in Alanya besuchten, erzählten sie, sie wollten eine Rundreise durch die Türkei machen.

Im Mai 2015 veröffentlicht die Terrororganisation "Islamischer Staat" (IS) in ihrer Propagandazeitschrift "Dabiq" ein Foto der beiden blonden Männer. Sie posieren mit erhobenen Zeigefingern und Koran vor einer Flagge des IS. Dazu teilen die Dschihadisten mit, dass die beiden Brüder als Selbstmordattentäter gestorben seien.

Chérif und Saïd Kouachi Zur Großansicht
AFP/ French Police

Chérif und Saïd Kouachi

In anderen Ländern gibt es ähnliche Beispiele: Im Januar dieses Jahres stürmten die beiden Brüder Chérif und Saïd Kouachi in die Redaktionsräume von "Charlie Hebdo". Sie töteten zwölf Menschen. Beide hatten sich mit Anfang 20 radikalisiert, Chérif wollte bereits 2005 über Syrien in den Irak reisen, um sich dort al-Qaida anzuschließen. Am Flughafen stoppten ihn die französischen Behörden.

2011 gelang es dann beiden Brüdern, gemeinsam über den Oman in den Jemen zu reisen. Dort wurden sie in einem Ausbildungslager der Terrororganisation al-Qaida auf der Arabischen Halbinsel ausgebildet. Drei Jahre später verübten sie den bis dahin verheerendsten Terroranschlag in Frankreich.

Tamerlan und Dschochar Zarnajew Zur Großansicht
REUTERS/ The Sun of Lowell, MA/ FBI

Tamerlan und Dschochar Zarnajew

Auch das Attentat auf den Boston-Marathon 2013 wurde von Brüdern geplant. Tamerlan und Dschochar Zarnajew waren rund zehn Jahre zuvor mit ihrer Familie in die USA ausgewandert. Ihre Eltern stammten aus Tschetschenien. Tamerlan radikalisierte sich um das Jahr 2010 herum, unter diesem Einfluss wurde auch sein sieben Jahre jüngerer Bruder immer religiöser. Am 15. April 2013 platzierten sie zwei Rucksäcke voll Sprengstoff im Zielbereich des Marathons. Zunächst gelang ihnen die Flucht, doch vier Tage später wurde Tamerlan bei einem Feuergefecht mit der Polizei getötet. Am 20. April wurde Dschochar gefasst, im Mai 2015 verurteilte ihn ein Gericht in Boston zum Tode.

Das sind nur die bekanntesten Beispiele für ein Phänomen, das Wissenschaftler seit Jahren beobachten. Der unabhängige Think Tank "New America" hat in einer Studie über 466 Dschihadisten herausgefunden, dass rund ein Viertel der westlichen Kämpfer Verwandte hat, die sich ebenfalls militanten Islamisten angeschlossen haben.

Laut einer Studie der Pennsylvania State University sind selbst bei Einzeltätern enge Angehörige oft eingeweiht. In 46 Prozent der 120 untersuchten Fälle wussten Familienmitglieder, dass die Täter Terrortaten geplant hatten.

Das zeigt, dass bei der Radikalisierung von potenziellen Dschihadisten die sozialen Medien und die Online-Propaganda der Terrorgruppen eine wichtige Rolle spielen. Vorbilder im engen persönlichen Umfeld sind aber offenbar noch attraktiver. "Die Verwandtschaft ist das, was wirklich zählt, viel mehr als Religion", sagte der belgische Professor für internationale Beziehungen, Rik Coolsaet, dem "Guardian". "Das ist ein Gruppenphänomen."

Ein Phänomen, das die Sicherheitsdienste noch eine Weile beschäftigen wird. Auch einer der Drahtzieher der Pariser Anschläge, Abdelhamid Abaaoud, hat seinen Bruder in den Dschihad gelockt. Younes Abaaoud gilt als einer der jüngsten ausländischer Kämpfer in Reihen des IS. Er ist 14 Jahre alt.

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