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Die Terroristen am Stade de France: "Ihm lief der Schweiß übers Gesicht"

Aus Paris berichtet

Anschläge in Paris: Terror am Stade de France Fotos
AP

Drei der Attentäter von Paris sprengten sich am Stade de France in die Luft. Ein Passant starb. Die Ermittler rätseln: Warum richteten die Terroristen am Stadion mit 80.000 Menschen nicht noch größeren Schaden an? Waren sie zu jung - und zu nervös?

Am Freitagabend um 18.30 Uhr öffnet der Klub Bataclan seine Türen für den Auftritt der Eagles of Death Metal, der um 20.45 Uhr beginnen soll. Bereits um 19.35 Uhr nähert sich ein schwarzer Polo mit belgischem Kennzeichen und parkt 300 Meter entfernt in der Rue de Crussol. Dies sagte ein Augenzeuge laut "Le Figaro" der französischen Polizei.

Dem Mann war das Auto aufgefallen, weil der Fahrer so schlecht einparkte. In dem Wagen sitzen die späteren Attentäter. Sie tippen in ihre Smartphones und warten - zwei Stunden lang. Dann stürmen sie mit Kalaschnikows in den vollen Konzertsaal. Von den rund 1500 Gästen sterben mindestens 89 im Kugelhagel.

Ins Stade de France werden die ersten Fußballfans ab 19 Uhr eingelassen. In den nächsten zwei Stunden kommen insgesamt fast 80.000 Besucher, Frankreichs Staatschef François Hollande und der deutsche Außenminister Frank-Walter Steinmeier nehmen für das Freundschaftsspiel Frankreich gegen Deutschland auf der Präsidententribüne Platz. Tickets gab es ab 25 Euro.

Wo sind zu diesem Zeitpunkt die Attentäter?

"Sie wollten ins Innere des Stadions eindringen, aber sie konnten es nicht", sagte Thierry Braillard, Frankreichs Staatssekretär für Sport. Details nannte er nicht.

Die US-Zeitung "Wall Street Journal" schrieb, dass einer der Attentäter ein Ticket hatte, aber von der Sicherheitskontrolle abgewiesen wurde. Doch dieser Bericht wurde inzwischen dementiert. Den Kontrolleuren war an diesem Abend niemand aufgefallen.

Die französische Sportzeitung "L'Équipe" berichtete, dass zwei der drei Attentäter kurz nach 21 Uhr zweimal von Ticketkontrolleuren abgewiesen wurden - also noch vor der Sicherheitskontrolle. Denn sie besaßen keine Eintrittskarten.

Bisher ist nur einer der Selbstmordattentäter vom Stade de France identifiziert. Laut dem französischen Radiosender Europe 1 würden die beiden anderen von den Gerichtsmedizinern auf "zwischen 15 und 18 Jahre geschätzt". Diese Angabe wurde jedoch noch nicht von zweiter Quelle bestätigt.

Schickten die Anschlagsplaner die Jüngsten als lebende Bomben zum Stade de France?

"Dort habe ich einen bärtigen Typen gesehen"

Um 21 Uhr erfolgt der Anpfiff. Die Straßen vor dem Stadion sind nahezu leer. Bley Bilal Mokono kommt mit seinem 13-jährigen Sohn und einem Freund angelaufen. Sie sind zu spät. Der Freund möchte sich noch schnell ein Sandwich holen. Sie gehen zu den Verkaufsständen eines Restaurants gegenüber dem Eingang D. Mokono sucht im Lokal die Toilette auf.

"Dort habe ich einen bärtigen Typen gesehen. Ihm lief der Schweiß übers Gesicht. Er hielt sich am Waschbecken mit beiden Händen fest", sagte Mokono dem französischen Fernsehsender BFMTV. Als Mokono wieder von der Toilette kommt, ist der Bärtige verschwunden.

Draußen vor dem Restaurant fällt Monoko ein zweiter Mann auf: "Ich hatte ihn schon mehrmals gesehen: Er ging vor dem Stadion hin und her und beobachtete die Lage." Monoko erzählt, er habe lange als Sicherheitsmann gearbeitet. Solche Dinge würden ihm sofort auffallen.

Der zweite Mann trägt einen Rucksack. "Er hat mich bemerkt", sagt Monoko. "Er hielt mich für einen Sicherheitsmann. Er wich meinem Blick aus." Dann entfernte sich der Unbekannte. Doch plötzlich "knallte es", nur wenige Meter von Monoko entfernt. Auf seinem linken Ohr hört er seitdem nicht mehr. Es ist etwa 21.20 Uhr. Der erste Attentäter ist nicht mehr am Leben. Er kann jedoch niemanden mit in den Tod reißen.

"Es macht überhaupt keinen Sinn"

Im Stadion wird Präsident François Hollande informiert: "Der Quick ist in die Luft geflogen." Die Explosion erfolgte wenige Meter entfernt von der Quick-Imbisskette. Hollande entschuldigt sich bei den Gästen auf der Präsidententribüne und bittet sie sitzen zu bleiben, um die Zuschauer im Stadion nicht zu verunsichern.

Mehrere Minuten später die nächste Explosion: Der zweite Attentäter sprengt sich rund hundert Meter entfernt vor dem Aufgang H in die Luft. Außer ihm kommt niemand in seiner Umgebung ums Leben.

"Wenn man ein Blutbad anrichten will, macht man das, wenn die Zuschauer reingehen oder rauskommen", wunderte sich ein französischer Ermittler. "Wenn die Attentäter gewartet hätten, bis sie in einer Menschenmenge sind - sie hätten mindestens fünf oder sechs Personen getötet und rund 20 verletzt", sagte ein Ex-Geheimdienstler dem TV-Sender BFMTV. Zudem hätten die Attentäter eine Panik auslösen können, die hätte weitere Menschenleben fordern können.

Kurz vor 22 Uhr, während der Halbzeit, erfolgt dann die dritte Explosion vor dem McDonald's auf dem Weg zur RER-Station. Die meisten Besucher nahmen die S-Bahn zum Stadion. Außer dem Attentäter kommt ein Passant ums Leben.

Es sei ein Wunder, dass es nicht mehr Opfer gab, sagt ein Ermittler. "Das Vorgehen der Attentäter macht überhaupt keinen Sinn."

Der aktuelle Ermittlungsstand zu den Täter und Anschlägen von Paris

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Fotostrecke
Anschläge von Paris: Trauer und Trotz


Fläche: 543.965 km²

Bevölkerung: 64,204 Mio.

Hauptstadt: Paris

Staatsoberhaupt:
François Hollande

Regierungschef: Manuel Valls

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