Verdächtige Samantha Lewthwaite Die Weiße Witwe und die Spur des Terrors

Ihr Mann sprengte sich bei einem Anschlag in London in die Luft, danach verschwand sie spurlos von der Bildfläche. Nun wird die Britin Samantha Lewthwaite von Interpol gesucht. War die "Weiße Witwe" an der Terror-Attacke von Nairobi beteiligt?

AFP/ Kenyan Police

Von , London


Der Pass hat die Nummer A01524783 und ist gültig bis Januar 2021. Er ist ausgestellt auf Natalie Faye Webb, geboren am 29. Oktober 1985, Nationalität: Südafrikanisch. Das Passfoto zeigt eine blasse, junge Frau mit streng zurückgekämmten Haaren.

Der Pass ist gefälscht. Webb ist ein Alias, hinter dem sich Samantha Lewthwaite verbergen soll, eine junge Mutter aus Großbritannien, die seit Jahren unerkannt durch Afrika reist und in Terrorkreisen verkehrt. Das zumindest vermutet die kenianische Polizei. Der Pass ist Terrorfahndern bei einer Hausdurchsuchung im Dezember 2011 in Mombasa in die Hände gefallen. Seitdem wird Lewthwaite verdächtigt, an der Planung von Anschlägen auf Resorthotels in dem Badeort am Indischen Ozean beteiligt gewesen zu sein.

Seit Donnerstag wird die 29-jährige Britin nun auch per Interpol gesucht: Die internationale Polizeibehörde gab auf Bitte Kenias eine Red Notice heraus. Damit steht Lewthwaite in 190 Ländern auf der Fahndungsliste.

Der Interpol-Haftbefehl erwähnt nur die alten Vorwürfe von 2011, doch die kenianischen Behörden vermuten, dass die konvertierte Muslimin auch in den blutigen Angriff auf das Westgate-Einkaufszentrum in Nairobi am Wochenende verwickelt sein könnte. Bei der Attacke der islamistischen Schabab-Miliz starben mindestens 67 Menschen, über 70 werden noch vermisst. Augenzeugen hatten berichtet, unter den 10 bis 15 Attentätern sei eine weiße Frau gewesen. Kenias Außenminister sprach von einer "britischen Frau". Es gibt bislang keine Beweise für Lewthwaites Beteiligung, doch offenbar wollen die Ermittler nichts ausschließen.

Lewthwaite konvertierte mit 15 zum Islam

Lewthwaite rückte erstmals am 7. Juli 2005 ins weltweite Rampenlicht, als ihr Ehemann Germaine Lindsay sich in der Piccadilly Line unweit des Londoner U-Bahnhofs King's Cross in die Luft sprengte und 26 Menschen mit in den Tod riss. Es war die tödlichste der vier Bomben an jenem Tag. Zwei Monate schwieg die damals 21-jährige Witwe, dann gab sie ein Interview in der "Sun". Sie habe die Fernsehbilder gesehen und geweint, erzählte sie der Zeitung. Sie habe von Lindsays Plan nichts gewusst. Er sei ein "friedlicher Mensch" gewesen.

Es ist unklar, ob sie schon damals eingeweiht war oder erst später den Dschihad für sich entdeckte. Laut BBC stand sie jedenfalls nie unter Verdacht, an den Londoner Anschlägen beteiligt gewesen zu sein. Alte Bekannte aus ihrer Heimatstadt können sich bis heute nicht vorstellen, dass Lewthwaite etwas mit Terror zu tun hat. Sie haben sie noch als schüchternes Mädchen in Erinnerung.

Die Tochter eines britischen Soldaten wuchs zunächst in Nordirland auf, wo ihr Vater stationiert war. In der Grundschulzeit zog die Familie nach Aylesbury nordwestlich von London. Hier freundete sich Lewthwaite mit einer muslimischen Familie in der Nachbarschaft an und konvertierte mit 15 Jahren zum Islam. Bald begann sie, in der Schule ein Kopftuch zu tragen. Von einer Radikalisierung war noch nichts zu erkennen, es schien mehr ein Akt jugendlicher Selbstfindung zu sein.

Mit zwei Kindern durch Afrika

Nach dem Abschluss ging sie zum Studieren an die renommierte School of Oriental and African Studies der University of London. Sie lernte ihren künftigen Ehemann kennen, es war die hochpolitische Zeit nach den Anschlägen auf das World Trade Center. Angeblich gingen sie gemeinsam gegen den Irak-Krieg demonstrieren. Wenige Monate nach ihrem Kennenlernen heiratete das Paar, 2004 kam Sohn Abdullah auf die Welt.

Nach Lindsays Selbstmordanschlag wurde das Haus der "weißen Witwe", wie sie fortan vom britischen Boulevard genannt wurde, mit einem Brandsatz beworfen. Sie bekam Polizeischutz. In Aylesbury brachte sie noch eine Tochter von Lindsay zur Welt. Dann verschwand Lewthwaite von der Bildfläche.

Über ihr Leben in den vergangenen Jahren ist wenig bekannt. Sie soll sich mit ihren Kindern in Südafrika, Kenia, Somalia und Tansania aufgehalten haben - unter verschiedenen falschen Namen. Laut "Daily Telegraph" reiste sie im Juli 2008 erstmals als Natalie Webb in Südafrika ein. Sie soll in Johannesburg als IT-Spezialistin in einer Lebensmittelfabrik gearbeitet haben. Mit dem falschen Pass reiste sie auch im Januar 2011 nach Kenia weiter, bevor das Dokument von den südafrikanischen Behörden für ungültig erklärt wurde.

Als Lewthwaite nach der Razzia in Mombasa Anfang 2012 plötzlich unter Terrorverdacht stand, wurde Kritik in Großbritannien laut. Politiker bemängelten, dass die britischen Geheimdienste die Frau eines Attentäters nicht einfach aus den Augen hätten lassen dürfen.

Das Versteckspiel dürfte Lewthwaite fortan deutlich schwerer fallen. Mit dem internationalen Aufruf habe Kenia einen "globalen Stolperdraht" gelegt, sagte Interpol-Generalsekretär Ronald Noble. Wird sie gefasst, muss sie sich wegen Sprengstoffbesitz und Verschwörung zu einem Schwerverbrechen verantworten.

© SPIEGEL ONLINE 2013
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.