Terror in Kopenhagen "Wir sind in einer anderen Welt aufgewacht"

Der Terror ist in Dänemark angekommen: Die Kopenhagener sind wütend, traurig und schockiert - aber überrascht ist kaum jemand. Der Angst widerstehen die Menschen.

 Trauer in Kopenhagen: Anschläge nicht unerwartet
AP

Trauer in Kopenhagen: Anschläge nicht unerwartet

Aus Kopenhagen berichtet


Das Kulturzentrum "Krudttønden" (Pulverfass), vor dem es ein mutmaßlich islamistischer Attentäter zum ersten Mal schaffte, einen Menschen in Dänemark zu töten, liegt an einer zugigen Kreuzung im Stadtteil Østerbro, direkt gegenüber ein Fußballstadion. Eine wohlhabende Gegend mit vielen Möbel-, Bekleidungsgeschäften und Restaurants. Das Gebäude ist abgesperrt, vor dem gespannten Plastikband liegen Hunderte Blumensträuße. Die Polizisten, die dort Wache halten, tragen Maschinengewehre. Für das kleine, freie Dänemark ein sehr ungewöhnliches Bild.

Ein eiskalter Wind weht hier und trotzdem kommen am Abend viele Menschen, Familien, Pärchen, die sich umschlungen halten. Es seien schwere Tage für das dänische Volk, hatte Ministerpräsidentin Helle Thorning-Schmidt gesagt. Hier spürt man es.

Kathrine und Valentin sind mit ihren drei Kindern hier, sie wohnen nur ein paar hundert Meter entfernt vom Tatort. Es fühle sich verrückt an, dass der Terror jetzt so nah gekommen ist, sagt Kathrine. Sie ist hier aufgewachsen, jetzt gehen ihre Kinder in dem Stadtteil zur Schule. "Die Kinder haben Angst" und es falle ihr schwer zu erklären, was passiert sei. Sie sei geschockt, überrascht sei sie nicht, "irgendwann musste es passieren". Sie sei Sozialdemokratin und als im Jahr 2005 dänische Zeitungen Mohammed-Karikaturen veröffentlicht hatten, fand sie das falsch. Jetzt glaube sie aber, dass Terroristen in einer freien Gesellschaft immer einen Anlass zur Gewalt finden.

"Sagen, was wir wollen."

Der 17-jährige Frederik ist mit seiner Mutter Annett gekommen. Er sagt, er habe das Gefühl, die Schlinge ziehe sich enger, erst Frankreich, jetzt Dänemark. Annett sagt: "Auch wenn wir es erwartet haben, wir sind heute in einer anderen Welt aufgewacht." Claus, schwarze Kleidung, Hut meint: "Ich bin nur wütend". Er werde weiter sagen, was er will. Die Menschen auf der Straße in Kopenhagen wollen ihre Werte verteidigen. Die dänische Gesellschaft ist scharfe Debatten gewöhnt, die Freiheit zu sagen, was man denkt, ist Teil der nationalen Identität.

Fotostrecke

13  Bilder
Mutmaßlicher Doppel-Anschlag: Kopenhagen unter Schock
Viele Menschen sind nicht überrascht, sie haben damit gerechnet, dass ein mutmaßlich islamistischer Anschlag irgendwann auch bei ihnen passieren würde. Seit den Veröffentlichungen der Mohammed-Karikaturen in der Zeitung "Jyllandsposten" vor neuneinhalb Jahren stehen Dänemark und einige Journalisten im Visier radikaler Islamisten. Das Land ist in den letzten Jahren mehrmals nur knapp Terroranschlägen entkommen - auf die Redaktion "Jyllandsposten", auf den Karikaturisten Kurt Westergaard. Aus Dänemark sind im Verhältnis zur Einwohnerzahl besonders viele junge Dschihadisten nach Syrien gereist - einige sind wieder zurück. Noch ist nicht klar, ob auch der mutmaßliche Attentäter Verbindungen ins islamistische Milieu hatte.

Die dänische Zeitung "Ekstra Bladet" veröffentlicht online den angeblichen Namen und ein Bild des mutmaßlichen Attentäters. Dem Bericht zufolge kam er erst vor rund zwei Wochen aus dem Gefängnis frei. Er war wegen einer schweren Messerstecherei zu zwei Jahren Haft verurteilt worden. Laut "Ekstra Bladet" gehörte der mutmaßliche Attentäter der Gang "Brothas" an und soll sich öfter in dem Internetcafé, wo die Polizei an diesem Sonntag mehrere Personen in Gewahrsam nahm, aufgehalten haben.

Aktivistin Jaleh Tavakoli: Es war kein Scherz
SPIEGEL ONLINE

Aktivistin Jaleh Tavakoli: Es war kein Scherz

Vor dem Kulturcafé Krudttønden steht auch Jaleh Tavakoli vom "Lars-Vilks-Komitee", schwarze Haare, bunter Schal, weiße Jacke. Sie hat das Treffen zur Meinungsfreiheit, auf das es der Täter abgesehen hatte, organisiert. Sie erzählt, wie sie den Anschlag überlebte. Erst nach dem vierten Schuss habe sie realisiert, dass es kein Scherz sei, sondern ernst.

Sie sei durch die Hintertür geflüchtet und habe sich dann wie ein Feigling gefühlt, weil sie die Verantwortung für die Diskussion hatte. Tavakoli ist auch Bloggerin für die "Jyllandsposten". Gestern habe sie sich das erste Mal gefragt, ob ihre Arbeit es wert sei, ihr Leben zu riskieren. "Aber dann habe ich entschieden, dass ich sowieso bekannt bin, auch wenn ich jetzt schweige."

Tavakoli kritisiert, dass es in Dänemark nicht genügend Schutz vor Islamisten gebe, die Politiker hätten nicht realisiert, wie groß die Gefahr tatsächlich sei, meint sie. Als sie gestern auf der Polizeiwache gesessen habe und dort befragt wurde, habe sie fordern müssen, dass die Gardinen geschlossen würden. "Wir saßen da für alle sichtbar vor einem großen Fenster und das, obwohl der Täter noch nicht gefasst war", sagt sie.

Zusammenhalt - gerade jetzt

Mitten in der Kopenhagener Innenstadt, ein paar Kilometer weiter südlich mordete der Attentäter an diesem Samstag ein zweites Mal - auch hier drang er nicht ins Gebäude ein. In der Synagoge fand eine Bar Mizwa mit achtzig Gästen statt. Eine ältere Dame mit Mütze und Hut ist hier, um um das Opfer, einen jungen Mann, der das Gebäude bewachte, zu trauern - sie wisse kaum wohin mit ihren Gefühlen, sagt sie.

Auch Margaret ist dort, sie ist Jüdin, ihre Tochter arbeitet in der Synagoge. Es sei lächerlich, wenn jetzt nach dem Terror von Paris und Kopenhagen die israelische Regierung den Juden sagt, sie sollten Europa verlassen. Juden sollten überall auf der Welt leben und gerade jetzt sollten sich Muslime und Juden die Hände reichen.

Trauernde Ulla und Viggo in Kopenhagen: "Es kann morgen wieder passieren"
SPIEGEL ONLINE

Trauernde Ulla und Viggo in Kopenhagen: "Es kann morgen wieder passieren"

Ulla und ihr Mann Viggo stehen still vor dem jüdischen Gotteshaus. Ihre größte Angst sei es, in einer Gesellschaft zu leben, in der vor lauter Angst und Schutz keiner mehr wirklich frei ist, so Ulla. Sie sagt, man müsse keine Illusionen haben. "Es kann morgen wieder passieren oder nie mehr."

Zur Autorin
Jeannette Corbeau
Anna Reimann ist Redakteurin bei SPIEGEL ONLINE im Ressort Politik.

E-Mail: Anna_Reimann@spiegel.de

Mehr Artikel von Anna Reimann

insgesamt 28 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
freiheitimherzen 15.02.2015
1.
Es ist ein Armutszeugnis, daß der Irrsinn nicht überrascht. Wenn ein Auto-Fahrwerk immer wieder nach links bzw. rechts zieht, dann läßt man es reparieren. Fruchtet das nicht, dann wird das Auto früher oder später verkauft. Ein Auto, bei dem andauernd gegengesteuert werden muß, ist nicht akzeptabel. Eine Ideologie, die dauernd anfällig für Gewalt ist, korrigiert man ebenfalls. Fruchtet das nicht, schaut man, daß man sie los wird. Im Fall des islamischen Terrors gehen die ersten Warnungen auf die siebziger Jahre zurück. Seitdem hat kein Korrekturversuch gefruchtet. Und es ist abzusehen, daß auch in den nächsten 40 Jahren alle Korrekturversuche fehlschlagen werden. Wieviele Tote braucht es noch, bis wir wirklich bereit sind die Konsequenzen zu ziehen? Viele Grüße
AxelSchudak 15.02.2015
2. Meinungsfreiheit
Wenn es darauf hinausläuft, das wir uns zwischen Meinungsfreiheit und Religionsfreiheit entscheiden müssen, entscheiden wir uns hoffentlich für die Meinungsfreiheit.
hapebo 15.02.2015
3. Meinungsfreiheit?
Dieser Artikel macht einen nur noch traurig.Was muss noch passieren bis unsere handelnden?Gremien reagieren.Wir alle werden doch von diesen Individien in Sippenhaft genommen.
ornitologe 15.02.2015
4. Sehr richtig
Wir wachen gerade in einer anderen, neuen Welt auf. In einer Welt der geschürten Angst und des geschürten Hasses gegen Mitmenschen anderen Glaubens, Herkunft und/oder politischer Ausrichtung. In einer Welt, in der versucht wird, Völker und Religionen gegeneinander aufzuhetzen um sie regierbar zu halten. Wahrlich eine neue, fürchterliche Welt.
Neonikari 15.02.2015
5.
Die Polizei in Kopenhagen hat am frühen Sonntagmorgen den mutmaßlichen Attentäter gestellt und getötet. Der Mann ist den Polizeiangaben zufolge mit hoher Wahrscheinlichkeit für den Mord an einem 55 Jahre alten Gast einer Diskussionsveranstaltung sowie an einem jungen jüdischen Wachmann vor einer Synagoge verantwortlich. Die Polizei stützt sich unter anderem auf die Auswertung von Videomaterial aus Überwachungskameras. Bereits jetzt werden Parallelen zu den Anschlägen auf die Karikaturisten von Charlie Hebdo in Paris gezogen. ?Wir sind noch immer dabei herauszufinden, ob er alleine gehandelt hat?, sagte ein Polizeisprecher. Klar ist, bei dieser Art von Anschlägen muss es Hintermänner, Komplizen geben. Beim NSU wurde schnell der Begriff ?NSU-Trio? etabliert, um schon im Voraus klarzustellen, dass es sich nur um eine kleine Gruppe handelt. In den USA wurde der mutmaßliche Mörder der drei Studenten bereits als ?geisteskrank? klassifiziert. Und anstatt die Tötung des Attentäters zu kritisieren, drückt die dänische Ministerpräsidentin Helle Thorning-Schmidt noch ihre Erleichterung über dessen Tod aus. ?Die Polizei hat nach Lage der Dinge den mutmaßlichen Täter, der hinter beiden Angriffen steckt, neutralisiert?, heißt es einem Statement der Regierungschefin. ?Neutralisiert? ? welch ein Euphemismus.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2015
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.