Paris, Toulouse, Kopenhagen Was die Attentäter verbindet

Der mutmaßliche Attentäter von Kopenhagen hat eine kriminelle Karriere hinter sich - politisch und religiös radikalisierte er sich wohl erst im Gefängnis. Welche Parallelen gibt es zu anderen Terroristen?

AP/ POLFOTO

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Er war ein anderer Mensch, als er vor rund zwei Wochen aus dem Gefängnis entlassen wurde. So erzählten es Weggefährten des mutmaßlichen Attentäters von Kopenhagen dänischen Zeitungen. Nicht mehr über Autos und Frauen habe er gesprochen, sondern Monologe gehalten über Religion, die Opfer im Gazastreifen und das Paradies.

Omar Abdel Hamid El-Hussein hat sich offenbar erst vor Kurzem dschihadistischem Gedankengut zugewandt - endgültig möglicherweise erst im Gefängnis. So wie andere vor ihm, etwa die Attentäter von Paris und der Toulouse-Terrorist. SPIEGEL ONLINE beleuchtet die Parallelen zwischen El-Hussein, den Kouachi-Brüdern, Amedy Coulibaly und Mohamed Merah.

  • Kriminalität

Die Toulouse-Attentäter Merah und Terrorist Coulibaly verkehrten in ihrer Jugend in einem kriminellen Milieu. Die Härte, Brutalität und Skrupellosigkeit, die sie dort gelernt haben, spiegelt sich in ihrem Terror.

Der Kopenhagener El-Hussein wurde seit 2011 zu insgesamt vier Jahren Gefängnis verurteilt - wegen Waffenbesitzes, Einbrüchen, Drogen und Gewalt. Jedes Mal kam er vorzeitig frei, auch zuletzt, als er seit einem Jahr wegen einer Messerstecherei in Haft war. El-Hussein soll Kontakt zu gewalttätigen Jugendgangs gehabt haben. Offenbar ist er aber nur für kurze Zeit festes Mitglied einer Bande gewesen. Er sei dort kurz nach seiner Aufnahme rausgeflogen, wird berichtet.

Paris-Attentäter Coulibaly wurde schon mit 17 Jahren straffällig. Mit 18 beging er gemeinsam mit einem Freund einen Einbruch. Er wurde mehrfach verurteilt. Coulibaly rutschte immer mehr ab, besorgte sich Waffen, nutzte diese bei Überfällen. Mohammed Merah kam wegen Diebstahls und anderen Delikten 18-mal mit dem Gesetz in Konflikt, ins Gefängnis musste er zweimal.

  • Herkunft

Die fünf Terroristen aus Kopenhagen, Paris und Toulouse kamen aus Einwandererfamilien, wuchsen in mehr oder weniger schwierigen Verhältnissen auf. El-Hussein hatte ein gutes Verhältnis zu seinen Eltern und Geschwistern, es habe ihm an nichts gemangelt, berichtete er. Der Kopenhagener wurde in Dänemark geboren, seine Eltern sind palästinensische Flüchtlinge, ließen sich scheiden. Er wuchs mit seinen Brüdern beim Vater auf. Wo die Familie lebte, ist unklar - wahrscheinlich aber in der Nähe oder direkt in den Wohnanlagen des sozialen Gettos Mjølnerparken im Norden der Stadt. Die Mutter zog nach Jordanien, El-Hussein verbrachte dort als Jugendlicher einige Jahre.

Coulibalys Familie stammt aus Mali, er wuchs nahe Paris in einem der verrufensten Vororte auf.

Chérif und Saïd Kouachi wohnten als Kinder im Nordosten von Paris in einem eher einfachen Viertel. Ihr Vater starb 1990 an Krebs, die Mutter fühlte sich zunehmend überfordert mit der Erziehung. Das Jugendamt schickte die Brüder 1994 in ein Kinderheim. Ein Jahr später starb auch die Mutter.

Lediglich Merah kommt aus einem religiösen Elternhaus, seine alleinerziehende Mutter soll ihn nach streng islamischen Regeln erzogen haben.

  • Schule

Untersuchungen zeigen, dass junge Männer, die sich dem Dschihad anschließen wollen, nicht automatisch klassische gesellschaftliche Verlierer sind - nicht wenige haben Abitur. Auch der mutmaßliche Kopenhagen-Terrorist El-Hussein soll ein guter Schüler gewesen sein. In seiner Freizeit boxte er. Attentäter Coulibaly ging aufs Gymnasium, um ein Fachabitur zu machen. Die Brüder Kouachi machten im Kinderheim ihren Collège-Abschluss. Attentäter Merah hingegen hatte Schwierigkeiten in der Schule und schaffte keinen Abschluss.

  • Radikalisierung

El-Hussein war offenbar - wohl auch wegen seiner Herkunft - in Bezug auf den Nahostkonflikt früh stark politisiert. Das unterscheidet ihn offenbar von den anderen Terroristen. In der Schule soll er immer wieder gesagt haben, wie sehr er Juden hasse. Die Zeitung "Politiken" schreibt, dass sich diese politische Radikalisierung seit 2010 beschleunigt habe, als er aus Jordanien zurückkehrte. Auf einem Bild aus dem Boxring posiert El-Hussein mit einem Palästinenserschal um den Kopf. Ein Mitschüler will vor anderthalb Jahren die Polizei gewarnt haben, El-Hussein könnte "etwas Schreckliches" tun.

Der religiöse Bezug wurde bei El-Hussein offenbar erst vor Kurzem stärker - möglicherweise erst im Gefängnis. Dort soll er offen geäußert haben, in Syrien mit dem IS kämpfen zu wollen. Kurz vor seiner Tat soll El-Hussein auf Facebook mehrere Videos und Botschaften gepostet haben, in denen er seine Sympathien für den IS zeigt, IS-Anführer Abu Bakr al-Baghdadi schwor er demnach die Treue nur Minuten bevor er den ersten Menschen erschoss.

Die Zeitung "Ekstra Bladet" schreibt, dass El-Hussein zur gleichen Zeit im selben Gefängnis saß wie der wegen Aufruf zum Terror verurteilte Sam Mansour. Mansour soll bereits vorher andere Mithäftlinge radikalisiert haben. Dem Bericht zufolge wurde El-Hussein für die letzten zwei Wochen seiner Haft in eine spezielle Sicherheitszelle verlegt, weil er einen Mithäftling angegriffen haben soll. Angeblich teilte er sich diese Zelle mit einem Mitglied der berüchtigten Bande "Brothas", zu der El-Hussein auch früher schon Kontakt gehabt haben soll. Diese mögliche Verbindung von kriminellen Banden, die Waffen besitzen, und islamistischen Einzeltätern ist besonders brisant.

Auch Coulibaly radikalisierte sich erst in der Haft. In seiner Jugend hatte er mit Religion wenig am Hut - bis er in den Jahren 2005 und 2006 im Gefängnis Fleury-Mérogis Djamel Beghal traf, der im selben Gebäude untergebracht war und wegen der Planung eines Attentats auf die US-Botschaft in Paris eine zehnjährige Haftstrafe absaß. Im Gefängnis lernte er auch Chérif Kouachi kennen.

Merah soll sich erst während seiner kurzen Haftstrafen dem radikalen Islam zugewandt haben. Nur bei den Kouachi-Brüdern begann die Radikalisierung nicht im Gefängnis. 2003 lernten sie den selbst ernannten Prediger Farid Benyettou kennen.

  • Kontakte zu islamistischen Gruppen

Der mutmaßliche Attentäter von Kopenhagen hat wohl nicht als Mitglied einer Terrorzelle gehandelt - zumindest nach derzeitigem Stand. Kontakte zu einer bestimmten Gruppe, Moschee oder einem Prediger sind nicht bekannt. Damit unterscheidet sich El-Hussein von den Paris-Attentätern und auch von Merah.

Coulibaly verkehrte, nachdem er in Haft Kontakt zu Dschihadisten bekam, auch in Freiheit mit ihnen. Merah wurde vom Inlandsgeheimdienst überwacht, da er sich den Salafisten zugewandt hatte und sich bei einer Reise nach Ägypten mit radikalen Islamisten traf. Im November 2010 fuhr er nach Kabul, wurde aber schon neun Tage später von der afghanischen Polizei in Kandahar aufgegriffen.

  • Fazit

Die kriminelle Herkunft, das zunächst sehr weltliche Leben und vor allem die Radikalisierung im Gefängnis: In diesen Punkten ähneln sich El-Hussein, Merah und Coulibaly - und viele andere Dschihadisten. Aber der mutmaßliche Attentäter von Kopenhagen verkörpert noch deutlich stärker das Profil von Terroristen, die den Sicherheitsbehörden größte Sorgen bereiten, weil sie vor ihrer Tat kaum auffallen. Der Hamburger Verfassungsschutzchef Torsten Voß sprach bereits im Dezember bei SPIEGEL ONLINE von Attentätern, "die ohne große Planung Schrecklichstes tun - vielleicht auch spontan".

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insgesamt 59 Beiträge
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Seite 1
crewmitglied27 17.02.2015
1. Was die Attentäter verbindet?
Das seit dem alle diese jungen Männer angeblich so blöd sind, Ausweise, persönliche Briefe und so weiter "liegen zu lassen" und das sie ohne ordentliche Gerichtsverfahren auf Verdacht hingerichtet wurden.
micromiller 17.02.2015
2. Es sind keine Glaubenirren
es sind hilflose in der westlichen Gesellschaft gestrandete Menschen, die willkommende Opfer der Glaubensirren mit dem Koran unterm Arm werden. Eine intelligente Einwanderungspolitik kümmert sich um die Menschen, die sie einlädt.
Wolffpack 17.02.2015
3.
Zitat von crewmitglied27Das seit dem alle diese jungen Männer angeblich so blöd sind, Ausweise, persönliche Briefe und so weiter "liegen zu lassen" und das sie ohne ordentliche Gerichtsverfahren auf Verdacht hingerichtet wurden.
Welcher Ansatz einer VT ist das denn wieder?
tobicus 17.02.2015
4.
Das was alle gemeinsam haben, ist der Wunsch Aufmerksamkeit zu erregen. Mit diesem Artikel unterstützen sie somit deren Ziele. Wie können sie als Jornalisten abends nach Hause zu ihren Kindern kommen und sagen, sie verdienen ihr Geld mit der Vorbereitung des nächsten Mordes?
archback 17.02.2015
5.
Was auch immer sie verbindet, das hat nichts mit dem Islam zu tun.
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