Terror in Lahore Regierung verliert Kontrolle über Pakistan

Das Attentat auf Sri Lankas Kricket-Team wirft ein Schlaglicht auf Pakistans tiefe Krise. Einen ganzen Landstrich beherrschen radikale Islamisten, Terroranschläge nehmen überall zu. Experten bezweifeln, dass die Regierung die Talibanisierung des Landes ernsthaft bekämpfen will.

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Hamburg - Es waren gerade vier Stunden vergangen, als der für Häfen und Schifffahrt zuständige Minister vor die Kamera trat und behauptete, hinter dem Anschlag auf die Kricket-Nationalmannschaft von Sri Lanka am Dienstagmorgen in Lahore stünden Angreifer aus Indien. "Wir haben Beweise dafür, dass diese Terroristen über die Grenze von Indien kamen", sagte Sardar Nabil Ahmed Gabol dem privaten Fernsehsender Geo-TV.

Angriff auf Kricket-Spieler: "Kriegserklärung Indiens an Pakistan"
REUTERS

Angriff auf Kricket-Spieler: "Kriegserklärung Indiens an Pakistan"

"Das war ein Komplott, um Pakistan international zu diffamieren", erklärte der Minister. Es habe sich um einen Racheakt für die Anschläge in Mumbai vom vergangenen November mit mehr als 170 Toten gehandelt, bei dem die Drahtzieher und die Angreifer nach indischen Angaben aus Pakistan kamen. Der heutige Anschlag in Lahore, bei dem mindestens acht Menschen getötet und sechs verletzt wurden, sei eine offene Kriegserklärung Indiens an Pakistan, sagte Gabol.

Im Fernsehsender "Dawn News" erklärte dagegen der Gouverneur der ostpakistanischen Provinz Punjab, Salman Taseer, bei den Angreifern auf die sri-lankische Kricket-Mannschaft handele es sich um Terroristen derselben Organisation, die die Angriffe auf Mumbai geplant habe. Der Sender berichtete zudem, es seien vier Verdächtige verhaftet worden. Andere Sender meldeten, die Täter seien auf der Flucht. Zudem hieß es, es sei ein weißes Auto gefunden worden, mit dem die Terroristen zum Tatort gefahren seien. Die Polizei bestätigte das auf Nachfrage von SPIEGEL ONLINE nicht. Ein Sprecher erklärte lediglich, "alles" sei möglich - zum Beispiel, das Tamilen-Rebellen aus Sri Lanka hinter dem Anschlag steckten.

Sieben Tote, sieben Verletzte, ein dutzend Terroristen

Ziemlich sicher ist bislang nur eines: Sechs pakistanische Polizisten und ein Zivilist kamen ums Leben, als mindestens ein Dutzend Angreifer am Morgen in Lahore den Mannschaftsbus des Kricketteams von Sri Lanka attackierten. Sieben Spieler und ein Assistenztrainer wurden verletzt. Sie hielten sich zu einem Länderspiel in Pakistan auf.

Die Angreifer verfügten über ein beachtliches Arsenal an Waffen: Gewehre, Granaten, sogar Raketenwerfer setzten sie ein. Fernsehbilder aus Pakistan zeigen durchs Gelände kriechende Männer mit Rucksäcken. Sie haben Gewehre in der Hand und feuern Schüsse ab.

Der Aufsehen erregende Anschlag trifft das Land an einem empfindlichen Punkt: Pakistan befindet sich in einer tiefgreifenden Krise und bangt um seine Stabilität. Das Durcheinander der sofort einsetzenden Schuldzuweisungen ist symptomatisch dafür, dass die Regierung die Macht in dem Land verloren hat. Sie kämpft derzeit an vielen Fronten:

  • In der nordwestlichen Grenzprovinz verstecken sich immer mehr Taliban und bereiten sich dort auf den Krieg in Afghanistan vor. Im Swat-Tal, einst Touristenparadies, rieben Kämpfer die pakistanische Armee über Monate dermaßen auf, dass Islamabad sich im Februar auf einen vergifteten Kompromiss einließ: Die Regierung nahm das Angebot eines Waffenstillstands an und räumte im Gegenzug ein, dass in dem Tal das islamische Rechtssystem, die Scharia, das weltliche System ersetzen solle. Das Tal ist nur rund 150 Kilometer von der pakistanischen Hauptstadt Islamabad entfernt - es handelt sich also um ein Problem vor den Toren des eigentlichen Machtzentrums.

  • Am Montag starben sechs Menschen in der südwestlichen Provinz Balutschistan, als ein Selbstmordattentäter sich in einer Koranschule in die Luft sprengte.

  • Einem entführten Uno-Mitarbeiter drohen Separatisten aus Balutschistan mit dem Tod, sollte die Regierung bis Donnerstag nicht 1100 Gefangene aus der Haft entlassen.

  • Die Zahl der Terroranschläge im ganzen Land, insbesondere auf Ausländer und auf Hotels, in denen Menschen aus dem Westen vermutet werden, hat drastisch zugenommen.

  • Auch im Umfeld von Kricket-Turnieren hat der Terror zugenommen: Im Mai 2008 explodierte eine Bombe vor einem Hotel in Karatschi, die Nationalmannschaft von Neuseeland flog daraufhin ab. Die australische Kricket-Mannschaft verschob im März 2008 eine Tour durch das Land, nachdem bei einem Bombenanschlag 15 Menschen getötet worden waren. Einen direkten Angriff auf eine Mannschaft wie jetzt gegen die aus Sri Lanka hat es in Pakistan, wo Kricket - wie in ganz Südasien - fast wie eine Religion zelebriert wird, noch nicht zuvor gegeben.

Experten sind sich einig, dass die Situation in Pakistan sich verschlimmern wird, solange Präsident Asif Ali Zardari und Premierminister Yousuf Raza Gilani nicht ihre Politik des Dialogs mit Extremisten aufgeben. "Das Problem ist, dass die konservativen religiösen Kräfte nur so tun, als ließen sie sich auf einen Dialog mit einem gleichberechtigten Partner ein", sagt ein pakistanischer Politikwissenschaftler SPIEGEL ONLINE, der namentlich nicht genannt werden will. "Tatsächlich halten sie jeden, der nicht so fanatisch ist wie sie, für nicht ebenbürtig. Ihr Ziel ist, das Land zu beherrschen."

Fraglich ist, ob die pakistanische Regierung bislang ein echtes Interesse daran hatte, die Islamisten zu besiegen. Solange die Taliban ihren Kampf auf Afghanistan beschränkten und die USA und ihre Verbündeten einen Kampf gegen den Terrorismus führten, nahm Pakistan in dem internationalen Geflecht aus geostrategischen Gründen zwangsläufig eine herausgehobene Position ein.

Jetzt betrifft das Problem das eigene Land. Politische Beobachter bezweifeln, dass das die Regierung stört, sind in ihr doch auch konservative Kräfte vertreten. Zudem hat der pakistanische Geheimdienst ISI, durchsetzt von ultra-konservativen Meinungsführern, die die Scharia am liebsten in ganz Pakistan als gültiges Rechtssystem sähen, immer noch einen großen Einfluss auf das Regierungshandeln.

So geht die Talibanisierung des Landes voran. Längst gilt Quetta, die Metropole im Südwesten, als Rückzugsort für radikale Kämpfer aus Afghanistan. Vom Swat-Tal aus und von dem Grenzgebiet zu Pakistan aus bewegt sich die Talibanisierung Pakistans südwärts. Und der Waffenstillstand im Swat-Tal ist trotz Abkommens äußerst brüchig. Am Dienstagmorgen töteten Extremisten zwei pakistanische Soldaten, die gemeinsam mit mehreren Sicherheitskräften einen Wassertankwagen in die Region begleiteten. Es kam zu einem einstündigen Feuergefecht. Ein Sprecher von Maulana Fazlullah, Anführer der Islamisten in dem Tal, sagte, der Einsatz der Soldaten sei nicht vorher mitgeteilt worden - insofern müsse man sich nicht wundern, dass sie angegriffen worden seien.



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