Opfer in Manchester "Ruhe in Frieden, mein geliebtes Mädchen"

Wieder ein Terroranschlag, wieder unschuldige Tote. Doch die Bluttat von Manchester ist besonders schrecklich: Viele Opfer sind jung, manche noch Kinder. Wie geht das Land damit um?

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Alle hätten Saffie geliebt, sagt Lehrer Chris Upton am Tag nach der Tragödie. Sie sei ruhig und bescheiden gewesen, freundlich und warmherzig. Saffie, sagt Upton, war "einfach ein schönes kleines Mädchen, in jeder Hinsicht". Sie wurde acht Jahre alt.

Die Grundschülerin ist das jüngste Todesopfer der Terrorattacke in Manchester, bei der der Täter am späten Montagabend 22 Menschen mit in den Tod riss. Salman Abedi, ein Brite lybischer Herkunft, hatte im Foyer einer großen Konzerthalle seine selbst gebastelte Bombe gezündet. Der Zeitpunkt war offenbar bewusst gewählt. Tausende Menschen strömten gerade zu den Ausgängen. Viele von ihnen Eltern mit Kindern, nach einem unbeschwerten Abend. Sie hatten den Auftritt von Ariana Grande gesehen, einem amerikanischen Popstar.

In Europa sind Anschläge fast schon zur traurigen Routine geworden. Gesellschaften, Städte, Länder, rücken dann kurz zusammen, vereint vom Unfassbaren. Rasch mischt sich Trotz in die Trauer, das Gefühl "die nicht gewinnen zu lassen". So war es auch zuletzt nach der Attacke in London, als ein Islamist im März in eine Menschenmenge gerast war und dann einen Polizisten erstochen hatte.

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Manchester: Trauer nach dem Anschlag

Doch in Großbritannien sitzt der Schock diesmal vielleicht sogar noch ein bisschen tiefer. Weil es noch mehr Menschen traf, aber vor allem deshalb: Sängerin Grande ist ein Teeniestar, der Attentäter hatte eine Veranstaltung mit besonders vielen Kindern und Jugendlichen im Publikum attackiert - womöglich absichtlich. Allein unter den 64 Verletzen sind zwölf Kinder unter 16 Jahren.

Ein Obdachloser gehörte laut mehreren Medien zu den ersten Helfern, die ihnen Splitter und Metallteile aus den Körpern gezogen haben sollen. Ein Mediziner des Kinderkrankenhauses in Manchester sprach von der "schlimmsten Nachtschicht", die er je erlebt hat. Für manche kam jede Hilfe zu spät.

Grausamkeiten der Nacht

Die britischen Zeitungen sind voll von berührenden Geschichten und Schicksalen, die all die Grausamkeiten der Nacht von Manchester vergegenwärtigen.

Geschichten wie eben die von Saffie, der toten Grundschülerin aus Preston, einer Stadt etwa 60 Kilometer von Manchester entfernt. Auch ihre Mutter und Schwester waren bei dem Konzert, beide liegen jetzt schwer verletzt im Krankenhaus.

Oder die von Georgina, 18 Jahre alt und großer Grande-Fan. Vor dem Auftritt hatte sie der Sängerin auf Twitter noch voller Vorfreude geschrieben: "So aufgeregt, dich morgen zu sehen." Auch sie ist jetzt tot. Oder Charlotte, 15, deren Mutter auf Facebook schrieb: "Ruhe in Frieden, mein geliebtes, kostbares, wunderschönes Mädchen." Oder die beiden ebenfalls 15-Jährigen, die ihre Mütter verloren. Die Frauen wollten ihre Töchter von dem Konzert abholen. Geschichten, die ins Mark gehen.

Karte zum Anschlagsort
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"Junge Leben vom Terror gestohlen", titelt der britische "Guardian" am Mittwoch. Die "Times" macht mit einem großen Saffie-Bild auf, ebenso das Boulevardblatt "Daily Mirror" - "Bilder der Unschuld", steht daneben, "getötet vom Bösen". Wie konnte ein "barbarischer Mörder unsere schönen und unschuldigen Kinder töten", fragt der "Daily Express". Und die Lokalzeitung "Manchester EveningNews" schreibt: "Kostbare Leben brutal beendet".

Suche nach Vermissten

Der Anschlag, die Angst lassen viele Briten ratlos zurück. In Medien und sozialen Netzwerken kursieren jede Menge Fragen: Wie soll man so etwas den eigenen Kindern erklären? Wo kann man seine Jüngsten noch ohne Sorge hinschicken?

Das Land sucht noch nach Antworten. Premierministerin Theresa May hatte am Dienstag selbst das Kinderkrankenhaus in Manchester besucht. Sie war vor die Presse getreten und hatte von einem Angriff gesprochen, der mit "kalter Berechnung" auf die jüngsten Menschen des Landes gezielt habe, auf unschuldige, wehrlose Kinder und Jugendliche. Dann bekräftigte sie, "unsere Werte, unser Lebensstil werden immer gewinnen".

Doch für viele kommt der Blick nach vorne zu früh. Noch immer sind 20 Verletzte in einem kritischen Zustand. Noch immer sind nicht alle Opfer identifiziert. Noch immer gibt es Berichte über Menschen, die nach Angehörigen suchen, nach Konzertbesuchern, von denen seit der Attacke jede Spur fehlt.

Für einige von ihnen gibt es inzwischen traurige Gewissheit. Dan, der Bruder des 29-jährigen Martyn, schreibt nach zahlreichen Suchaufrufen am Mittwochvormittag auf Twitter: "Sie haben letzte Nacht meinen Bruder gefunden. Wir sind untröstlich."

kev

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