Terror in Neu-Delhi Angriff auf Indiens Aufstieg

Indien will Großmacht werden - doch der Aufstieg ist gefährdet. Der Bombenanschlag in Delhi zeigt: Extremisten versetzen das Land immer wieder in Angst. Allein in diesem Jahr kamen bei Attentaten mehr als 800 Menschen ums Leben.

DPA

Von , Islamabad


Nur wenige Stunden nach der Explosion einer Bombe vor einem Gerichtsgebäude in Neu-Delhi, ging bei den indischen Medien eine E-Mail ein. Darin bekennt sich die in Pakistan ansässige Terrororganisation Harakat al-Jihad al-Islami (HUJI) zu der Tat, bei der mindestens zehn Menschen getötet und etwa 50 verletzt wurden.

In ihrem Schreiben verlangen die Verfasser die Umwandlung des Todesurteils gegen Mohammed Afzal Guru, der für schuldig befunden wurde, den Angriff auf das indische Parlament im Dezember 2001 geplant zu haben. Zwölf Menschen starben damals. Guru wurde 2004 zum Tode verurteilt und sitzt seither in der Todeszelle. Sollte das Urteil nicht umgewandelt werden, würden künftig weitere Gerichte, darunter der Oberste Gerichtshof von Indien, zum Ziel von Abschlägen, drohen die Schreiber der Mail.

Der Chef der indischen Bundespolizei NIA, S. C. Sinha, sagte vor Journalisten, man werde sich das Schreiben "sehr genau anschauen", könne aber derzeit die Täterschaft von HUJI nicht bestätigen. Polizisten in Neu-Delhi betonten gegenüber SPIEGEL ONLINE aber, es spreche sehr viel für eine Tat von Islamisten.

Indien wird seit Jahren zum Ziel von Terroristen.

Allein 2010 mehr als 2500 Tote durch Anschläge

Dies sind nur einige der Anschläge, über die weltweit berichtet wurde. Die meisten Terrorangriffe finden nur in der einheimischen Presse Beachtung. "Allein im Jahr 2010 sind mehr als 2500 Menschen in Indien durch Anschläge ums Leben gekommen", sagt Ajib Kumar Singh vom South-Asia-Terrorism-Portal, das von dem unabhängigen Institut für Konfliktforschung in Neu-Delhi betrieben wird. "Und in diesem Jahr haben Terroristen bisher 835 Menschen getötet."

Entgegen der öffentlichen Wahrnehmung seien aber nicht Islamisten die größte Gefahr für Indien, sondern die maoistischen Rebellen in den armen Gebieten des Landes, die sogenannten Naxaliten. "Man mag glauben, dass Mumbai und Delhi gefährliche Städte seien. Das ist aber nicht so. Objektiv betrachtet, sind diese Städte relativ sicher", erläutert Singh. "Die meisten Opfer von Terror gibt es in den armen Gebieten, die mehrere Unionsstaaten umfassen."

Seit vier Jahrzehnten kämpfen diese neokommunistischen Rebellen für mehr Gerechtigkeit für die Armen und Entrechteten Indiens. Seit die indische Regierung vor zwei Jahren eine Verstärkung des Kampfes gegen die Naxaliten angekündigt hat, nimmt der Terror drastisch zu. Premierminister Manmohan Singh bezeichnet sie als die "größte Gefahr für unsere Sicherheit, der wir je gegenüberstanden".

Zudem leidet Indien - mit über 1,2 Milliarden Einwohnern das Land mit der zweitgrößten Bevölkerung der Welt und flächenmäßig etwa neunmal so groß wie Deutschland - immer wieder unter separatistischen Bewegungen. Sie verleihen ihren Forderungen mit Gewalt Nachdruck:

  • von islamische Rebellen, die in der zwischen Indien und Pakistan umstrittenen Provinz Kaschmir kämpfen,
  • über Sikhs im Unionsstaat Punjab, die einst einen eigenen Sikh-Staat wollten,
  • bis hin zu Freiheitskämpfern im nordostindischen Assam.

Islamisten, Neokommunisten, Separatisten - die Zahl der Terrororganisationen in Indien ist unüberschaubar. Hinzu kommen Gruppierungen aus Pakistan (Islamisten), Nepal (Maoisten), Bangladesch (Islamisten) und Sri Lanka (tamilische Rebellen).

"Fest steht, dass die Angriffe auf Indien Angriffe auf unseren Erfolg sind", sagt ein hochrangiger Mitarbeiter des Außenministeriums in Neu-Delhi. "Wir sind ein Land, dessen Wirtschaft und dessen Bedeutung in der Welt wachsen." Man müsse jedoch selbstkritisch anmerken, dass nicht alle von dieser Entwicklung gleichermaßen profitierten.

300 Millionen Inder leben von weniger als einem Dollar pro Tag

Tatsächlich hat Indiens wirtschaftlicher Boom in den vergangenen zwei Jahrzehnten, seit der Öffnung des Marktes Anfang der neunziger Jahre für die globale Wirtschaft, mehr als einem Viertel seiner Bevölkerung nichts gebracht. Nach Uno-Angaben ist die Zahl der Inder, die von weniger als einem Dollar pro Tag leben müssen, mit etwa 300 Millionen immer noch so hoch wie vor 20 Jahren.

"Der Terror durch Naxaliten ist ein innenpolitisches Problem, während der Terror durch islamische Extremisten oft auch eine außenpolitische Komponente hat", sagt der Mann im Außenministerium. Vor allem die Beziehungen zu Pakistan sind seit der Teilung des Subkontinents im Jahr 1947, nach der Unabhängigkeit von der britischen Kolonialherrschaft, belastet. Die Terrorserie von Mumbai im November 2008 führte zu einem Abbruch der Friedensgespräche.

Beobachter befürchten, dass sich der Anschlag von Neu-Delhi erneut auf die Beziehungen beider Länder auswirken könnte, die gerade vor ein paar Wochen wieder die Gespräche aufgenommen haben.

Für Kritik sorgt auch die Unbeholfenheit der Regierung im Vorgehen gegen Terrorismus. Ein 2002 beschlossenes Anti-Terror-Gesetz musste wenige Jahre später auf Druck von Menschenrechtsorganisationen wieder kassiert werden, weil es Tür und Tor für Folter öffnete. Ein umfassendes neues Gesetz steht bislang aus.

Bereits am 25. Mai war eine Bombe vor dem Gericht in Neu-Delhi explodiert, hatte aber keinen größeren Schaden angerichtet. Indischen Berichten zufolge hatte das Innenministerium die Polizei von Neu-Delhi bereits informiert, es handele sich um eine Art Probelauf für einen größeren Anschlag.

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