Einzeltäter-Terroristen "Aus persönlichem Frust wird Radikalität"

"Einsame Wölfe" nennen Ermittler die Täter, die alleine möglichst viele Menschen töten. Extremismusforscher Florian Hartleb erklärt, was Islamisten wie der Manhattan-Attentäter und Rechtsterroristen gemeinsam haben.

Tatfahrzeug des Halloween-Angriffs in Manhattan, New York
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Tatfahrzeug des Halloween-Angriffs in Manhattan, New York

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Zur Person
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    Florian Hartleb, 38, ist Politologe und Autor. Er war Promotionsstipendiat der CSU-nahen Hanns-Seidel-Stiftung und publiziert zu den Themen Populismus, Extremismus und Terror.

SPIEGEL ONLINE: Kurz nach dem Anschlag von New York, bei dem der Angreifer mit einem Pick-up acht Menschen tötete, sprach der Gouverneur von einem fanatischen Einzeltäter - einem "lone wolf". Wie können Behörden das so schnell wissen?

Hartleb: Gar nicht, das ist nicht seriös. Dennoch passiert es häufig, dass vor den Ermittlungen und einer Zeugenbefragung bereits solche Einschätzungen abgegeben werden. Im Vergleich dazu lassen Nachbereitung und Analyse zu wünschen übrig.

SPIEGEL ONLINE: Im Zusammenhang mit der Tat wurde ein weiterer Usbeke festgenommen. Der Täter hatte Familie, lebte seit Jahren in den USA, hat eine Anleitung für Attentate des "Islamischen Staats" befolgt - ist das noch ein "lone wolf"?

Hartleb: Der Begriff bezieht sich auf die Tatausführung, unter den "lone wolves" gibt es sehr unterschiedliche Typen: direkt angeleitete, indirekt angeleitete, unangeleitete. Auch ein Familienmensch kann so ein Einzeltäter sein.

SPIEGEL ONLINE: Sie haben ein Gutachten zu dem Münchner OEZ-Schützen David S. erstellt, der im Juli 2016 neun Menschen erschoss. Er galt lange als gemobbter Schüler, der Rache nehmen wollte. War er ein "lone wolf"?

Hartleb: Schon, aber der Bewertung der Tat widerspreche ich. Er hat seinen Massenmord länger als ein Jahr geplant, sein Bekennerschreiben war unter dem Dateinamen "Türken auslöschen" abgespeichert. Sein Vorbild war der norwegische Rechtsterrorist Anders Breivik, er nutzte ihn als Profilbild und beging die Tat auf den Tag fünf Jahre nach dem Breivik-Anschlag. Sein Hass war rassistisch, er richtete sich gezielt gegen Türken, Araber und Menschen vom Balkan, die auch mehrheitlich die Opfer waren. Und der Waffenhändler, den er gleich zweimal und für mehrere Stunden traf, ist selbst ein aggressiv-kämpferischer Rechtsextremist. Das war Terrorismus.

SPIEGEL ONLINE: Warum dann in dem Fall die andere Festlegung auf das Mobbingopfer?

Hartleb: Die Ermittlungen waren insgesamt gründlich, aber der Schluss war der falsche. Es gibt zwei zentrale Fehler bei allen Terrortaten: Die Mär von der Blitzradikalisierung, der zufolge ein Mensch plötzlich Extremist wird. Das passiert nicht über Nacht. Der zweite Fehler ist, dass manche zu schnell allein auf psychische Störungen verweisen.

SPIEGEL ONLINE: Legt das Vorgehen, Menschen planvoll zu töten und den eigenen Tod in Kauf zu nehmen oder sogar einzukalkulieren, nicht eine psychische Störung nahe?

Hartleb: Natürlich ist der Grad an psychischer Störung, an Depressionen, Narzissmus und Phobien bei diesen terroristischen Einzeltätern wichtig. Die meisten hatten psychische Auffälligkeiten. Trotzdem wird akribisch und rational geplant: bei dem 77-fachen Mörder Breivik, der autistische Züge hatte. Und auch beim OEZ-Attentäter S. Psychische Störungen und politisch-ideologische Motive schließen sich ja nicht aus, ganz im Gegenteil.

SPIEGEL ONLINE: Wie kommen diese kranken Seelen zu ihrer Ideologie?

Hartleb: Der New Yorker Attentäter kam mit einer Green Card in die USA, offenbar mit Träumen für ein neues Leben. Sein Leben verlief aber, nach dem was wir wissen, frustrierend. Radikalisiert hat er sich offenbar in den USA, über IS-Propaganda aus dem Internet. Bei ihm wie bei anderen entstand eine persönliche Kränkungsideologie. Anders gesagt: Aus persönlichem Frust wird Radikalität. Die kann religiös oder politisch ausgeprägt sein, oder auch zu Ablehnung von Einzelthemen, wie Abtreibung oder Homosexualität. Psychische Schäden und der Fanatismus kommen zusammen, mal islamistisch, mal rechtsradikal, mal anders.

SPIEGEL ONLINE: Nach der Tat wird in der Analyse, oft aufgrund eigener politischer Einstellung, der politische oder der psychologische Charakter einer Tat betont. Für die einen ist es klar rechter oder islamistischer Terror. Andere stellen das Trauma des Täters in den Vordergrund.

Hartleb: Entscheidend sind die Fakten. Ich bin unverdächtig, einseitig aus politische Motiven den Kampf gegen rechts zu propagieren. Trotzdem sehe ich im Münchner Fall David S. eine rechtsterroristische Tat, die etwa in den Verfassungsschutzbericht gehört. Ich war Gutachter dazu, und meine Analyse ging hier am weitesten. Instrumentalisiert werden die Attentate immer. Zum OEZ-Attentat griffen auch Anhänger meiner These zu Verallgemeinerungen und verwiesen auf Rechtsextremismus an Schulen oder gesellschaftlich verankerten Rassismus. Beim Manhattan-Attentäter nutzte US-Präsident Donald Trump die Tragödie sofort für seine Agenda: gegen Einwanderung, für die Todesstrafe und für Kritik am vermeintlich laschen US-Justizsystem.

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wahrsager26 04.11.2017
1. Anstatt wieder mal das
Schreckliche verstehen zu wollen( was ohnehin nicht klappt) ,sollte sich auf das konzentriert werden ,was getan werden kann, um diese Verbrechen einzuschränken: Kontrollen und nochmals Kontrollen, auch an den Grenzen und dann abweisen.Das Verfahren als solches bringt ein Großteil der Verbrechen hervor und .....das wir wachsweich reagieren...das weis 'man'! Danke
hellas16 04.11.2017
2. Kontrolle ist wichtig
..., aber nicht nur an den Grenzen. Wer kontrolliert z. B. Alexander Gauland? Wer hat den NSU kontrolliert? Joschka Fischer hat es deutlich gesagt, es gibt keine "Rechtspopulisten", sondern einfach nur Nazis. Der Frust dieser "Patrioten" ist identisch mit dem Frust islamistischer Einzeltäter. Die Menschen merken einfach, dass sie in einer globalisierten Welt keine Chance haben.
Bürger Icks 04.11.2017
3. Was sagt uns der Artikel?
Im Grunde das diese Terroristen Amokläufer sind, die sich dann einer terroristischen Gruppe zuzählen lassen, oder von dieser Gruppe("IS") als einer die ihren, als "Soldaten des Kaliphats" deklariert werden(obs nun sein kann, logisch ist und zutrifft oder nicht). Dann bitte nicht die Beeinflussung durch die jeweiligen "Sicherheits"behörden vergessen. V-Männer, die psychisch labile Menschen zu Terrorakten anstacheln, z.B. Wieviel von "echtem" Terrorismus, so wie er uns verkauft wird um Angst und Stimmungen zu erzeugen, bleibt eigentlich am Ende übrig, wenn man die psychisch gestörten Amokläufer als solche bezeichnet und die von den "Sicherheitsbehörden" angestachelten Fälle und die fälschlich vom "IS" als eigene Terrorakte deklarierten Fälle abzieht? Womöglich nichts mehr? Keine wirklichen, realen Gründe mehr übrig dann, für immer mehr und mehr Kontrolle und Überwachung?
kaltmamsell 04.11.2017
4. Pausenhof-Mobbing kann einen weiten Weg gehen
Selbst bei nicht gemobbten Schülern. Sie können auf dominante Peer-Group-Akteure reagieren, indem sie beispielsweise deren Sprachduktus oder gar Akzent übernehmen. Zu meiner großen Verblüffung habe ich in den 90ern einen sehr netten sozial engagierten, verantwortungsbewußten Hauptschüler kennen gelernt, der rein deutsche Wurzeln hatte, aber seinem Sprechen einen Akzent verlieh, der einen Touch aus Ost-Nahost-arabischer Provenienz schließen ließ. Es ist wirklich nur eine Vermutung, aber es klang, als hätte er sich da den Sprechduktus der Power-Typen aus dem Pausenhof angeeignet. Das zumindest, also die deutliche Orientierung an den Stärksten der eigenen, pubertierenden Peer-Group, ist psychologisch schon nachvollziehbar. Insofern würde ich im vorliegenden Fall auch mal eher vom Terrorismus-Verdacht abrücken und erstmal den Fokus auf den Pausenhof-Terror richten. Ist eben auch altersgemäß.
rurei 04.11.2017
5. "Einsame Wölfe" nennen Ermittler die Täter
Immer schön brav sein, nicht kommunizieren, bloß nicht auffallen, sonst werden sie vorher erwischt, das ist der Weg zum "Erfolg", das ist die beste Vorbereitung für Terror. Das ist Methode. Wer wie üblich von einer "plötzlichen Radikalisierung" spricht hält diese Leute für dumm, jedoch das sind sie nicht.
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