Terror in Nordirland: "In den IRA-Splittergruppen sammeln sich erfahrene Kämpfer"

Droht Nordirland eine neue Spirale der Gewalt? Der frühere IRA-Kommandant Tommy McKearney spricht im SPIEGEL-ONLINE-Interview über die Effizienz der Terror-Splittergruppen - und die Sympathie, die ihnen nach den jüngsten Anschlägen entgegenschlägt.

SPIEGEL ONLINE: Herr McKearney, warum flammt die Gewalt in Nordirland wieder auf?

McKearney: Verschiedene Faktoren kommen zusammen. Ich glaube, dass in letzter Zeit eine Handvoll Leute zu den IRA-Abspaltungen gestoßen sind, die über tödliche Kompetenz verfügen. Dabei handelt es sich nicht um Nachwuchs, sondern um erfahrene Kämpfer, die lange Jahre inaktiv waren. Darauf deutet die schonungslose Effizienz hin, mit der die Attentate am Montag und am Samstag durchgeführt worden sind. Bisher hat man von diesen Organisationen zwar die alte Rhetorik der siebziger Jahre gehört, aber sie hatten nicht das Potential, ihre Drohungen wahr zu machen. Jetzt haben sie neue Leute, und das ist der Unterschied.

Graffiti mit Slogan der "Continuity IRA" (in Craigavon): "Frustration, die ein Ventil sucht"
AFP

Graffiti mit Slogan der "Continuity IRA" (in Craigavon): "Frustration, die ein Ventil sucht"

Beunruhigender ist jedoch, dass es in den marginalisierten und verarmten Vierteln Überreste von Unterstützung zu geben scheint. Der Neoliberalismus und die auseinandergegangene Schere zwischen Arm und Reich haben zu einer Frustration geführt, die ein Ventil sucht. In Frankreich hat das vor zwei Jahren die Aufstände der verarmten Bewohner der Vorstädte ausgelöst.

SPIEGEL ONLINE: Es existieren zurzeit zahlreiche Abspaltungen von der IRA. Worin unterscheiden sie sich, warum schließen sie sich nicht zusammen?

McKearney: Das liegt mehr an persönlichen als an politischen Differenzen. Es ist oft so am Ende eines Aufstands: Den übriggebliebenen Gruppen fehlt eine Strategie, eine kohärente Denkweise. Das führt zur Fraktionsbildung. Der Stalinismus war ja auch ein monolithischer Block, während die Trotzkisten sich zersplitterten.

SPIEGEL ONLINE: Sinn Fein, der politische Flügel der inzwischen aufgelösten Irisch-Republikanischen Armee (IRA), muss als Regierungspartei nun die britische Armee und die Polizei verteidigen, die während des Konflikts beide direkt und indirekt an zahlreichen Bluttaten gegen die katholische Bevölkerung beteiligt waren. Könnte das zu einem Problem für die Partei werden?

McKearney: Sinn Fein wird in diesen marginalisierten Vierteln inzwischen als eine Partei des Establishments gesehen, die das Drumherum und die Vorteile genießt. Ich glaube aber nicht, dass sich die Parteiführung allzu große Sorgen macht. Eine überwältigende Mehrheit der Bevölkerung ist gegen Gewalt, sie will diesen Alptraum nicht wieder durchmachen. In den letzten sechs oder sieben Jahren des Konflikts war es klar, dass die IRA keinen militärischen Sieg erringen würde. Es war nur noch eine Spirale von Blut, Tod und Gefängnis. Die Leute sind dankbar, dass die Sinn-Fein-Führung diesen Alptraum beendet hat. Das sieht man ja an den Wahlen: Die Gegner des Belfaster Abkommens vom Karfreitag 1998 haben nur ein paar Stimmen bekommen, während Sinn Fein zur stärksten Partei auf katholischer Seite wurde, obwohl sie bedeutende Veränderungen durchgemacht hat - von der Ausmusterung der Waffen bis hin zur Anerkennung der Polizei. Die Anschläge vom Montag und vom Samstag sind deshalb kontraproduktiv. Sie werden die Sinn-Fein-Führung stärken.

SPIEGEL ONLINE: Woher haben die Real IRA und die Continuity IRA ihre Waffen? Sind die doch nicht alle im Zuge des Friedensprozesses ausgemustert worden?

McKearney: Es gibt in Irland eine sehr lange Tradition der Aufstände. Irgendwo waren immer irgendwelche Waffen verbuddelt. Sicher sind bei der Ausmusterung auch Waffen zurückgehalten worden. Und in den vergangenen zehn Jahren sind wohl auch neue Quellen für die Beschaffung von Waffen aufgetan worden.

SPIEGEL ONLINE: Wie geht es weiter? Waren das einmalige Zwischenfälle?

McKearney: Am Samstag glaubte ich, dass es sich um eine einmalige Aktion handelte. Ich war überrascht, dass am Montag ein Polizist erschossen wurde. Es wird dazu führen, dass Armee und Polizei größere Vorsichtsmaßnahmen ergreifen. Die Soldaten werden nicht mehr unbewaffnet ihre Pizzen abholen, und die Polizei wird bei Notrufen wie am Montag mit Panzerfahrzeugen anrücken. Das wird solche Attentate in Zukunft erschweren. Außerdem wird man die Überwachung der Dissidenten verstärken. Es ist schwierig, sich frei zu bewegen, wenn dir ständig ein Polizeifahrzeug auf den Fersen ist.

SPIEGEL ONLINE: Weiß die Polizei denn, wer die Leute sind? Laut Geheimdienstberichten soll es sich um 200 bis 300 Leute handeln.

McKearney: Dabei sind die passiven Unterstützer mitgerechnet, glaube ich. Die Zahl der Aktiven ist eher zweistellig. Die Polizei kennt vermutlich 90 bis 95 Prozent davon. Natürlich weiß sie nicht, wer geschossen hat, aber der Kreis ist überschaubar.

Das Interview führte Ralf Sotscheck

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