Überblick Was in Paris geschah und wie die Welt reagiert

Wie gingen die Attentäter von Paris vor? Was ist bekannt über sie? Wie reagieren die Sicherheitsbehörden? Wie die Politik? Welche Angriffe fliegen französische Streitkräfte? Antworten auf die wichtigsten Fragen.

REUTERS

Wie gingen die Attentäter vor?

Die Terroranschläge von Paris waren eine konzertierte Kommandoaktion. Drei Selbstmordattentäter lösten ab 21.20 Uhr nahe dem Fußballstadion Stade de France, in dem ein Freundschaftsspiel zwischen Frankreich und Deutschland stattfand, Detonationen aus; außer den Terroristen selbst kam am Stadion ein weiterer Mensch ums Leben. Zeitgleich wurden an fünf weiteren Orten in Paris Cafés und Restaurants angegriffen.

Das Bataclan nach den Anschlägen: Koordinierter Angriff
DPA

Das Bataclan nach den Anschlägen: Koordinierter Angriff

Die meisten Opfer forderte der Anschlag auf den Konzertsaal Bataclan, wo die kalifornische Rockband Eagles of Death Metal spielte. Hier erschossen die Terroristen Besucher und nahmen sie zwischenzeitlich als Geiseln. Nach drei Stunden stürmte die Polizei den Saal. Insgesamt starben bei den Anschlägen mindestens 129 Menschen, mindestens 352 wurden verletzt, knapp 100 von ihnen befinden sich in kritischem Zustand. Der französische Präsident François Hollande rief noch in der Nacht den Ausnahmezustand aus. Der "Islamische Staat" (IS) bekannte sich zu den Anschlägen.

Was ist bislang über die Täter bekannt?

Fahndungsbild des 26-Jährigen Salah Abdeslam: In Frankreich und Belgien gesucht
AFP / POLICE NATIONALE

Fahndungsbild des 26-Jährigen Salah Abdeslam: In Frankreich und Belgien gesucht

Dass die Täter nicht bei der Planung der aufwendigen Anschläge entdeckt worden sind, spricht für ein hohes Maß an Professionalität. Sie gingen in drei Teams vor, stimmten sich untereinander genau ab. Laut Augenzeugen gingen sie ruhig und konzentriert vor, während sie auf ihre Opfer feuerten.

Möglicherweise wurden sie vom IS in Syrien oder im Irak militärisch ausgebildet. Zwei Attentäter hielten sich vor den Anschlägen offenbar in Syrien auf. Einer soll mit syrischem Pass nach Europa eingereist sein.

Die wichtigste Spur führt nun nach Belgien: Im Brüsseler Stadtteil Molenbeek nahm die Polizei bei einer Razzia mindestens drei Menschen fest. Zwei der getöteten Attentäter sollen zuletzt im Großraum Brüssel gelebt haben - beide sollen einen französischen Pass besessen haben.

Aus Ermittlerkreisen in Paris verlautete, dass auch drei Brüder in die Anschläge verwickelt gewesen seien. Einer sei bei den Attentaten selbst ums Leben gekommen, während sich ein zweiter derzeit in Belgien in Polizeigewahrsam befinde. Beim dritten Bruder sei nicht klar, ob er einer der Selbstmordattentäter war oder auf der Flucht ist. Nach ihm wird mit einem internationalen Haftbefehl aus Belgien gesucht. Französischen Behörden veröffentlichten Fahndungsbilder des 26-Jährigen.

Der deutsche Innenminister Thomas de Maizière warnt davor, dass möglicherweise noch mehrere Täter auf der Flucht seien.

Wie reagiert die Weltpolitik auf die Anschläge?

Obama und Putin beim G20-Treffen: Gemeinsam gegen den Terror?
Cem Oksuz/ Anadolu Agency/ AP

Obama und Putin beim G20-Treffen: Gemeinsam gegen den Terror?

François Hollande sprach angesichts der für Europa neuen Dimension des islamistischen Terrors von Krieg. Ein Begriff, den viele Staatsmänner aufgriffen: Bundespräsident Joachim Gauck nannte die Anschläge eine "neue Art von Krieg", der Papst sprach gar von einer "Art drittem Weltkrieg".

Die Anschläge bestimmten auch das G20-Treffen in der Türkei, unter anderem soll es intensive Gespräche zwischen US-Präsident Barack Obama und dem russischen Staatschef Wladimir Putin gegeben haben. Hier ging es vor allem um die Syrienfrage, die eng mit der Frage der Terrorismusbekämpfung verknüpft ist.

Offen ist die Frage, ob die Nato den Bündnisfall ausrufen wird. Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen hält das für möglich. Artikel 5 des Nordatlantikvertrags regelt, dass ein bewaffneter Angriff gegen einen Mitgliedstaat als Angriff gegen alle Bündnispartner angesehen wird. Bislang ist dieser Bündnisfall in der 66-jährigen Geschichte der Nato nur einmal ausgerufen worden: Nach den Anschlägen vom 11. September 2001 beschloss der Nato-Rat in Brüssel den Bündnisfall.

Bundeskanzlerin Angela Merkel ist derweil darum bemüht, mit den anderen Regierungschefs auf dem Gipfel eine Allianz gegen den Terror zu schmieden.

Welche militärischen Reaktionen gab es?

Frankreich hat am Sonntagabend zum Gegenschlag ausgeholt: Die Luftwaffe griff die IS-Terrormiliz in Syrien massiv an. Die Bombardements richteten sich gegen die IS-Hochburg Rakka. Zehn Kampfflugzeuge hätten 20 Bomben abgeworfen, teilte das Verteidigungsministerium in Paris mit. Ziele seien ein IS-Trainingslager und ein Camp gewesen, das den Dschihadisten als Kommandozentrale und Waffenlager gedient habe. "Die beiden Ziele der Luftangriffe wurden zerstört", teilte das Ministerium mit.

Frankreichs Luftwaffe fliegt bereits seit September 2014 als Teil einer US-geführten Koalition Angriffe gegen IS-Stellungen im Irak. Seit September dieses Jahres bombardierte Frankreich mehrfach auch Positionen in Syrien.

Welche Auswirkungen hat die Tat auf die deutsche Innenpolitik?

Beamter der Bundespolizei: Verstärkte Kontrollen
DPA

Beamter der Bundespolizei: Verstärkte Kontrollen

Nach den Terrorattacken von Frankreich fühlen sich die Kritiker der deutschen Flüchtlingspolitik bestätigt. Der bayerische Finanzminister Markus Söder etwa sagte: "Es beginnt eine neue Ära. Die Zeit unkontrollierter Zuwanderung und illegaler Einwanderung kann so nicht weitergehen. Paris ändert alles." Mit dieser Argumentation wollen er und andere Hardliner der CSU die Kanzlerin zum Kurswechsel zwingen.

Rückendeckung erhielt Merkel von SPD-Chef Sigmar Gabriel, der zu weiterer Solidarität mit den Flüchtlingen aufrief: "Wir dürfen sie jetzt nicht darunter leiden lassen, dass sie aus Regionen kommen, aus denen der Terror zu uns in die Welt getragen wird."

Deutsche Behörden reagieren alarmiert auf die Anschläge. Seit Samstag beobachten die Geheimdienste noch stärker als sonst die Islamistenszene - man stelle ein "gefährliches Grummeln" fest. Um die Bevölkerung zu beruhigen, ordnete Innenminister Thomas de Maizière eine höhere öffentliche Polizeipräsenz an Bahnhöfen, Flughäfen und belebten Plätzen an. Dort dürfen die Beamten jetzt auch mit Maschinenpistolen und Schutzwesten patrouillieren.

Und wie geht es mit Fußballveranstaltungen weiter?

Szene aus dem Stade de France nach den Explosionen: Eine Massenpanik wurde verhindert
AP

Szene aus dem Stade de France nach den Explosionen: Eine Massenpanik wurde verhindert

Beim Fußballspiel im Stade de France konnten die Attentäter ihre mörderischen Pläne nicht ausführen. Sie wurden offensichtlich bei der Einlasskontrolle in die mit knapp 80.000 Menschen gefüllte Arena abgewiesen. Eine genaue Rekonstruktion steht noch aus. Laut dem DFB waren 1000 Tickets an deutsche Fans verkauft worden.

Im Stadion befanden sich Präsident Hollande und der deutsche Außenminister Frank-Walter Steinmeier. Zudem saß eine Gruppe von etwa 1000 Helfern der Germanwings-Katastrophe auf den Rängen, die für ihren Einsatz mit Tickets für das Freundschaftsspiel belohnt werden sollten.

Trotz der lauten Explosionen vor dem Stadion konnte eine Massenpanik verhindert werden. Das für kommenden Dienstag angesetzte Länderspiel der deutschen Fußballnationalmannschaft gegen die Niederlande in Hannover soll trotz der Ereignisse stattfinden. Als Zeichen gegen den Terror wird Bundeskanzlerin Angela Merkel anwesend sein. Auch die EM 2016 soll wie geplant im kommenden Jahr in Frankreich ausgetragen werden. Im Stade de France von Paris sind das Eröffnungsspiel und das Finale angesetzt.

Videoanalyse: SPIEGEL-ONLINE-Nahost-Experte Christoph Sydow über das IS-Bekennerschreiben

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cbu/joe/otr

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