Attentäter Coulibaly 2008 im Interview "Das Gefängnis ist die beste Schule für Kriminalität"

Bereits im Jahr 2008 hat die französische Zeitung "Le Monde" Amedy Coulibaly interviewt. Damals war er gerade aus der Haft entlassen worden. Er gab der Zeitung heimliche Videos von den katastrophalen Zuständen im Gefängnis.

Amedy Coulibaly im aktuellen Bekennervideo: Coulibaly ging im Gefängnis ein und aus
DPA

Amedy Coulibaly im aktuellen Bekennervideo: Coulibaly ging im Gefängnis ein und aus


Paris - Bei einem Blick in ihre Archive hat die französische Zeitung "Le Monde" Erschreckendes gefunden: Ihre Journalisten haben 2008 den damals 26-jährigen Amedy Coulibaly interviewt, einen der getöteten Attentäter.

Coulibaly hatte am Donnerstag im Süden von Paris eine Polizistin getötet und am Freitag in einem jüdischen Supermarkt vier Kunden, bevor er nach einer vierstündigen Geiselnahme von Frankreichs Sicherheitskräften erschossen wurde.

Damals war der spätere Attentäter gerade wieder aus dem Gefängnis freigekommen nach einer Verurteilung wegen Drogenhandels. Über seine Zeit in Haft sagte Coulibaly "Le Monde": "Das Gefängnis ist verdammt noch mal die beste Schule für Kriminalität. Bei einem einzigen kurzen Spaziergang kann man Korsen kennenlernen, Basken, Muslime, Räuber, kleine Drogenhändler, große Dealer, Mörder." Er rühmte sich: "Man kann dort Jahre Erfahrung sammeln."

Coulibaly ging im Gefängnis ein und aus. Er fing als Teenager mit Diebstahl an, machte mit bewaffneten Raubüberfällen weiter und handelte schließlich mit Drogen.

Nachdem Coulibaly 2008 mit dem Journalisten von "Le Monde" gesprochen hatte, wurde er 2010 wieder verurteilt: Dieses Mal hatte er den Qaida-Mann Djamel Beghal dabei unterstützt, Fluchthilfe für einen berüchtigten Terroristen zu planen. Auch der "Charlie Hebdo"-Attentäter Chérif Kouachi war in den Plan verwickelt. Coulibaly kam 2014 wieder frei.

Unter den Häftlingen gilt das Gesetz des Stärkeren

Die französischen Journalisten hatte der spätere Attentäter damals von sich aus kontaktiert. In Haft hatte Coulibaly mit anderen Insassen zusammen heimlich gefilmt: "Wir haben uns gedacht, wir müssen zeigen, wie es dort drinnen wirklich zugeht", sagte er "Le Monde".

Tatsächlich sind die Aufnahmen erschütternd: Die Wände der Duschen sind grün vor Schimmel. Es gilt das Gesetz des Stärkeren unter den Häftlingen. Man sucht sich Bündnisse, mit denjenigen, die das Sagen haben. Zur Strafe müssen manche Häftlinge in eiskalten Zellen ohne Heizungen sitzen. Krankheiten seien nur mit Schmerzmitteln behandelt worden, klagt Coulibaly. Die Videos wurden von mehreren unabhängigen Organisationen verifiziert.

Der französische Staat müsse das Haftsystem reformieren, sagte Coulibaly damals. Deswegen wolle er den Journalisten seine Aufnahmen geben. "Le Monde" vermutete aber auch andere Motive: Coulibaly hatte gehofft, die Videos zu verkaufen. "Ich bin kein Held", sagte Coulibaly. "Wir gehen Risiken ein, wir müssen uns absichern, zumindest unsere Anwälte bezahlen."

Die Filme wurden auf der Webseite von "Le Monde" gezeigt und seien 2009 auch von dem französischen Fernsehsender France 2 ausgestrahlt worden, schreibt die Zeitung. Ob Coulibaly dafür Geld bekam, ist nicht bekannt.

ras



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insgesamt 32 Beiträge
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erasmus89 13.01.2015
1. Es ist in der Tat auffällig
wie viele spätere Djihadisten und Terroristen im Gefängnis waren und danach radikaler herauskamen als zuvor. Islamisten sind dort unter sich und müssen sich daher auch gar nicht resozialisieren.
13-0-46 13.01.2015
2. Erschreckend
Die Anschläge scheinen in erster Linie ein hausgemachtes französiches Problem zu sein. Ich hoffe jedenfalls, dass bei uns Häftlinge besser behandelt und beschützt werden.
ykarsunke 13.01.2015
3. vorratsdatenspeicherung
vorratsdatenspeicherung - hätte man halt vorher auswerten müssen, gell?
darkmattenergy 13.01.2015
4. Ein gelungenes Plädoyer für konsequente Einzelhaft ohne jeden Kontakt zu Mitgefangenen
Strafanstalten jeden Anschein zu nehmen, als Ausbildungslager der Vervollkommenung krimineller Fertigkeiten zu dienen, ist ebenso unabdinglich geboten, wie es wirkungsvoll und sicher auszuschließen ist, Straftäter innerhalb unkontrollierbarer Gruppen der Selbstjustiz der "Rechtes des Stärkeren" auszusetzen. Ihre gesamte Strafzeit ruhig und entspannt und mit der maximal möglichen Zeit zur meditativen Selbstbesinnung zu verbringen, muß vom Gesetzgeber als unumstößliches Grundrecht für jeden Gefangenen garantiert und durchgesetzt werden.
TS_Alien 13.01.2015
5.
In Gefängnissen soll man sich auch nicht wohl fühlen, sondern seine gerechte Strafe absitzen (Opfer sehen das bei den vielen laschen Urteilen sicherlich anders) und zur Einsicht kommen, dass der kriminelle Weg der falsche ist. Wer nach einem Gefängnisaufenthalt weiterhin kriminell bleibt, hat die Botschaft nicht verstanden.
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