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Leben nach dem Anschlag in Paris: "Ich bin Jüdin. Ich bin ein Ziel"

Aus Paris berichtet

Jüdisches Viertel in Paris: Die Angst wohnt im Marais Fotos
AP

Der zweite Anschlag in Paris galt Frankreichs Juden. Vor ihren Schulen patrouillieren jetzt Soldaten. Ein Vater sagt: "Die Attentäter haben die Kindheit meiner Tochter zerstört." Mancher denkt ans Auswandern nach Israel.

Wie jeden Morgen bringt René Bouzier seine Kinder zur jüdischen Schule im vierten Arrondissement. Doch an diesem Montag ist etwas anders: Vor der Schule stehen zwei Soldaten der französischen Armee, die Waffe in der Hand. Frankreich hat nach den Attentaten die Sicherheitsvorkehrungen vor jüdischen Einrichtungen verstärkt.

Bouziers älteste Tochter, 13 Jahre, hat sich erstmals geweigert, zum Unterricht zu gehen. Sie ist zu Hause geblieben. "Sie hat Angst", sagt Bouzier. "Sie hat in den letzten Tagen verstanden: Ich bin Jüdin. Ich bin ein Ziel", sagt Bouzier. Leise fügt der 49-Jährige mit dem akkurat getrimmten graumelierten Vollbart hinzu: "Die Attentäter haben ihre Kindheit zerstört."

René Bouzier heißt eigentlich anders. Aber er möchte seine wahre Identität nicht preisgeben. Der praktizierende Jude ist persönlich vom Attentat auf den jüdischen Supermarkt am Freitag in Paris betroffen. Seine Verbindung zu den Opfern soll hier nicht näher ausgeführt werden.

Der Schock ist ihm drei Tage nach dem Anschlag noch immer anzusehen. Ständig schaut er um sich, als könnte jeden Moment in dieser ruhigen Seitenstraße im Herzen der jüdischen Gemeinde von Paris etwas Schlimmes passieren. Die Sorgen sprudeln aus ihm heraus.

"Wie sind wir an diesen Punkt gekommen? Die Islamisten - das sind unsere. Die sind hier aufgewachsen. Sie sind das Produkt unserer Gesellschaft, nicht des Iraks oder von anderswo", sagt Bouzier. Gleichzeitig schreckt ihn die wachsende Zustimmung für Rechtspopulisten in Europa. "Wir Juden stehen zwischen den Islamisten und den Rechten. Wir werden von zwei Seiten bedroht." Ein Teil von Bouziers Familie wurde in den Konzentrationslagern der Nazis ermordet.

"So können wir nicht leben"

An diese schlimmsten Zeiten fühlt sich der 49-Jährige nun erinnert. "Früher haben Minenarbeiter Kanarienvögel in die Gruben mitgenommen. Wenn es dem Vogel schlecht ging, wussten sie, es wird riskant. Wir Juden sind die Kanarienvögel einer Gesellschaft. Wenn wir angegriffen werden, ist es ein Zeichen dafür: Die ganze Gesellschaft ist in Gefahr."

"Unsere Regierung hat immer versucht, uns zu schützen. Aber die Soldaten vor unseren Schulen sind langfristig keine Lösung. So zu leben, kann ich mir nicht vorstellen. Wir brauchen Zeichen von der Regierung und unseren Mitbürgern, dass wir ein Teil der französischen Gesellschaft sind. Wir müssen unsere Religion frei ausüben können."

Israels Premierminister Benjamin Netanyahu hat am Sonntag die jüdischen Franzosen eingeladen, nach Israel auszuwandern. Bouzier kann sich das eigentlich nicht vorstellen. "Wir französischen Juden glucken selbst in Israel zusammen." Doch Bouzier fühlt sich, als habe er bald keine andere Wahl.

"Das ist, wie wenn jemand mit einer Waffe hinter einem herläuft. Ich will nicht gehen. Aber vielleicht muss ich es für meine Kinder. Ich habe sie zu Franzosen erzogen. Nun lernen sie: Sie sind in Frankreich nicht zu Hause."

2014 waren 7000 jüdische Franzosen nach Israel ausgewandert - doppelt so viele wie 2013. Insgesamt zählt Frankreich zwischen 500.000 und 600.000 Juden. Es ist die größte jüdische Gemeinde in Europa und die drittgrößte in der Welt nach Israel und den USA.

"Ich bin kein Israeli, ich bin Franzose"

In der Rue des Rosiers zieren Koscher-Zeichen die Restaurants und Lebensmittelläden. Mehrere Synagogen befinden sich dort. Die jüdische Gemeinde von Paris ist dort nach dem Zweiten Weltkrieg wieder aufgeblüht. Doch immer wieder kommt es auch zu Angriffen in der Straße.

Während der Gazakrieg-Demonstrationen im Sommer 2014 wurde die Rue des Rosiers von Polizisten geschützt. An einer Hauswand erinnert eine Gedenktafel an das Attentat auf das Restaurant Goldberg im Jahr 1982, bei dem sechs Menschen ums Leben kamen. Die Täter - mutmaßlich linke propalästinensische Terroristen oder deutsche Neonazis - konnten nie ermittelt werden.

Michael Rapaport, 44, arbeitet in einem jüdischen Café. Er stellt seinem einzigen Kunden, einem jüdischen Bekannten, einen Espresso auf den Tresen. Die beiden sind nicht so aufgebracht wie René Bouzier. Doch in ihrem Galgenhumor klingen die Sorgen durch.

"Auswandern ist für mich keine Option", sagt Rapaport. "Ich bin kein Israeli. Ich bin Franzose. Für mich ist die Frage: Wie sollen wir in Frankreich weiter zusammenleben?" Der Barkeeper glaubt, dass Frankreich bisher zu unentschlossen gegen Antisemitismus vorgegangen ist.

Die Zahl der antisemitisch motivierten Anschläge hatte sich 2014 im Vorjahresvergleich verdoppelt. Der öffentliche Diskurs ist ungeniert nach rechts gerückt.

"Frankreich ohne Juden ist nicht mehr Frankreich"

Rapaport ist in den berüchtigten Pariser Vororten aufgewachsen. "Zwischen Arabern und Muslimen - deswegen schere ich nicht alle über einen Kamm", lacht er. "Er ist ein Linker", kommentiert sein Stammgast augenzwinkernd, ansonsten will er schweigen.

Noch immer kennt der Barkeeper viele jüdische Familien, die in den Pariser Vororten leben. Der Crif, wie Frankreichs Zentralrat der Juden (Conseil Représentatif des Institutions juives en France) nur genannt wird, warnte, dass immer mehr Juden die Vororte verlassen würden. Rapaport hält den Fortzug aber nicht für ein jüdisches Phänomen.

"Jeder Franzose verlässt die Vororte, wenn er es sich leisten kann", sagt Rapaport. Allerdings glaubt auch er, dass der Antisemitismus in den Banlieus ausgeprägter sei. "Sie glauben, wir Juden seien alle reich." 2006 wurde der jüdische Franzose Ilan Halimi in einem Pariser Vorort von anderen Jugendlichen aus der Nachbarschaft zu Tode gefoltert. Sie wollten eine halbe Million Euro von seiner mittellosen Familie erpressen.

Vor dem Café marschieren Dutzende Polizisten auf. Denn Frankreichs Innenminister Bernard Cazeneuve kommt zu Besuch. Er schaut am Montagmorgen bei mehreren jüdischen Einrichtungen in Paris vorbei, um den Menschen in dieser schwierigen Stunde den Rücken zu stärken. "Frankreich ohne Juden ist nicht mehr Frankreich", sagte am Sonntag Premierminister Manuel Valls.

"Der Innenminister hat vorhin angekündigt, dass er ein neues Amt schaffen will", informiert Rapaport seinen Stammgast. "Es soll jetzt einen 'Obersten Verwaltungsbeamten für die Sicherheit der jüdischen Einrichtungen' geben".

"Das ist wie früher", spottet der Stammgast zurück. "Da hatten wir auch ein Generalkommissariat für Judenfragen." So hieß die Behörde des französischen Vichy-Regimes, die die Ermordung der jüdischen Franzosen organisierte.

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