Arsenal der Pariser Attentäter Kalaschnikow für 1000 Euro

Die Attentäter von Paris waren mit Waffen aus dem ehemaligen Ostblock ausgerüstet. Sie seien auf dem Schwarzmarkt problemlos zu beschaffen, berichtet ein französischer Anti-Terror-Experte. Woher die Täter das Geld hatten? Sie nahmen einen Kredit auf.

Aus Paris berichtet

Schusswechsel der Täter mit der Polizei: Woher kamen die Waffen?
AFP

Schusswechsel der Täter mit der Polizei: Woher kamen die Waffen?


In Belgien hat sich ein Mann selbst angezeigt, weil er Amedy Coulibaly, einem der getöteten Pariser Terroristen, Waffen gegeben haben will - im Tausch für ein Auto. Mehrere belgische Medien vermuten ohnehin, dass ein Teil der Waffen, mit denen die Anschläge verübt wurden, aus dunklen Kanälen in Brüssel stammen.

Belgische Ermittler äußern sich zwar vorsichtig und bezeichnen solche Spekulationen als "Hypothese". Doch es scheint kaum Zweifel zu geben, dass die Attentäter von Paris ihre Waffen vom europäischen Schwarzmarkt erhielten: Die Terroristen konnten sie sich problemlos besorgen, berichtet ein ungenanntes Mitglied der französischen Anti-Terror-Einheit der französischen Zeitschrift "L'Obs".

Unklar bleibt aber, bei wem sich die Terroristen eindeckten.

Coulibaly hatte am Donnerstag vergangener Woche im Süden von Paris eine Polizistin getötet und am Freitag in einem jüdischen Supermarkt vier Kunden, bevor er von Sicherheitskräften erschossen wurde. Auch die Brüder Kouachi, die den Anschlag auf das Satiremagazin "Charlie Hebdo" verübten, hatten ein umfangreiches Arsenal an osteuropäischen Waffen bei sich, als sie getötet wurden:

  • vier Kalaschnikows,
  • vier tschechoslowakische und sowjetische Pistolen
  • sowie zehn Rauchgranaten.
  • Außerdem Sprengstoff für zivile Zwecke, wie er beispielsweise im Bergbau verwendet wird,
  • und eine tragbare Panzerabwehrwaffe jugoslawischer Herstellung.

Eine der Granaten soll als Sprengfalle auf dem Körper eines der Kouachi-Brüder befestigt gewesen sein, berichteten französischen Medien unter Berufung auf Polizeikreise. Nichts davon sei ungewöhnlich, wird der Anti-Terror-Experte weiter zitiert: In den Bandenkriegen in Vororten oder bei bewaffneten Raubüberfällen sei eine solche Ausrüstung an der Tagesordnung.

Die Spur führt auf den Balkan

Die Waffen der Attentäter stammten vor allem vom Balkan, berichtet der Experte. Seit dem Sturz des kommunistischen Regimes in Albanien 1990 und den Bürgerkriegen in Ex-Jugoslawien seien Tausende Kalaschnikows nach Westeuropa gekommen.

"Das ist illegaler Handel in Kleinstmengen", erläutert der Fachmann. "Zwei, drei Kalaschnikows sind in einer Kiste oder in einem Lastwagen versteckt, die von Bosnien oder Serbien kommen. Es handelt sich nicht um ein organisiertes Netzwerk oder um Gruppen - es ist unmöglich für die Sicherheitsdienste, das zu durchdringen."

Zwischen 1000 Euro und 2000 Euro koste eine Kalaschnikow auf dem westeuropäischen Schwarzmarkt, je nach Zustand und Herkunft. Eine tragbare Panzerabwehrwaffe mit Munition sei für ungefähr 2000 Euro zu haben. Sowjetische Tokarew-Handfeuerwaffen gebe es ab 500 Euro. Demnach hatte das Arsenal der Kouachis und von Coulibaly ungefähr einen Wert zwischen 8000 Euro und 13.000 Euro.

Zumindest über Coulibaly ist bekannt, dass er schon lange die nötigen Kontakte zu illegalen Händlern hatte: Seit 2001 wurde er immer wieder verurteilt wegen bewaffneten Raubüberfalls. Später arbeitete er auch als Drogendealer.

Doch woher hatten die Attentäter das nötige Geld für die Waffen? Alle drei Terroristen hielten sich vor den Anschlägen mit Gelegenheitsjobs über Wasser. Die französische Regionalzeitung "La Voix du Nord" berichtet, dass Coulibaly im Dezember einen Kredit über 6000 Euro aufgenommen hatte. Die Summe habe gereicht, um sich die Waffen zu besorgen. Der Bank hatte Coulibaly falsche Unterlagen eingereicht und behauptet, fest angestellt zu sein und monatlich knapp 3000 Euro zu verdienen. Für einen solchen Kredit in mittlerer Höhe habe er nicht erläutern müssen, wofür er ihn verwenden wollte, erläuterte ein Sprecher der Bank.

Insgesamt hätte Coulibaly in den nächsten 30 Monaten rund 8300 Euro zurückzahlen müssen. Denn er hatte die teurere Kredit-Variante gewählt für den Todesfall: Sie verspricht, dass dann die Bank und nicht seine Angehörigen für den Kredit aufkommen muss.

Mit seiner radikalislamistischen Ideologie hielt es Coulibaly dabei nicht so genau: Strenggläubige Muslime halten Zinsen für Wucher. Schulden solle man vermeiden und wenn, dann immer zurückzahlen, heißt es im Islam.

"Allah vergibt dem Märtyrer alle seine Verfehlungen, mit Ausnahme der Schulden", heißt es in einem der Hadithe, den Überlieferungen über die Ansprüche des muslimischen Propheten Mohammed. Für Coulibaly wird es also schwer mit dem Dschihadisten-Paradies.

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