Terror in Paris Organisatoren der Anschläge sitzen offenbar in Syrien

Laut Frankreichs Premierminister Valls wurde die Terrorserie in Paris von Syrien aus organisiert. Auch gegen andere europäische Länder sollen Anschläge geplant worden sein. Bei Razzien wurden weitere Verdächtige festgenommen.

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Nach Informationen des französischen Senders RTL haben Ermittler den zentralen Drahtzieher der Terroranschläge in Paris identifiziert. Der 27 Jahre alte IS-Terrorist Abdelhamid Abaaoud soll die Operation demnach organisiert und überwacht haben.

Der Mann aus dem Brüsseler Viertel Molenbeek war bereits im Januar mit einer Anschlagserie Belgien in Zusammenhang gebracht worden. Er gilt bereits als der meistgesuchte Islamist Belgiens. Er soll sich zuletzt in Syrien aufgehalten haben. Mindestens einer der Selbstmordattentäter in Paris soll nach Informationen der belgischen Tageszeitung "De Standaard" mit Abaaoud befreundet gewesen sein.

"Wir müssen länger mit dieser Bedrohung leben", sagte Frankreichs Premierminister Manuel Valls am Montagmorgen dem französischen Sender RTL. Die Terroranschläge in Paris wurden von Syrien aus organisiert und geplant, sagte er.

Die Terrorbedrohung richtet sich laut Valls auch gegen weitere europäische Länder. "Wir wissen, dass Operationen vorbereitet wurden und noch vorbereitet werden, nicht nur gegen Frankreich, sondern auch gegen andere europäische Länder", sagte Valls. Frankreich wolle den IS zerstören, bekräftigte er.

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Überblick über den Stand der Ermittlungen

Die Bevölkerung Frankreichs rief Valls zu Wachsamkeit auf. Das Verhalten jedes einzelnen werde sich durch "diese terroristische Bedrohung verändern", sagte der Politiker. Die Terrormiliz "Islamischer Staat" (IS) "kann diesen Krieg gegen uns nicht gewinnen", aber sie versuche, Frankreich zu schwächen.

An mehreren Orten in Frankreich gab es in der Nacht zudem Razzien. Insgesamt habe es mehr als 150 Durchsuchungen in Frankreich gegeben, sagte Valls. Allein in der Region von Lyon und Villefranche-sur-Saône gab es 13 Durchsuchungen. Laut Ermittlerkreisen wurden bei einem Verdächtigen ein Raketenwerfer, Splitterschutzwesten, mehrere Pistolen und ein Sturmgewehr gefunden.

In der Region von Grenoble wurde laut der Zeitung "Dauphiné Libéré" "mehr als ein halbes Dutzend" Menschen festgenommen sowie Geld und Waffen beschlagnahmt. Auch im Hauptstadtvorort Bobigny habe es eine Razzia gegeben, berichtete die Nachrichtenagentur AFP unter Berufung auf Ermittler.

Laut der Regionalzeitung "La Dépêche du Midi" soll es einen Großeinsatz von Spezialeinheiten gegen Islamisten in Toulouse gegeben haben. Dort konzentrierten sich die Einsatzkräfte offenbar auf das Quartier, in dem der 2012 bei einem Polizeieinsatz getötete Terrorist Mohamed Merah lebte. Dieser hatte im Großraum Toulouse insgesamt sieben Menschen erschossen, darunter an einer jüdischen Schule drei Kinder und einen Lehrer. Mindestens drei Personen seien festgenommen und eine Waffe beschlagnahmt worden, schrieb AFP unter Berufung auf Kreise der Staatsanwaltschaft.

Die Zeitung "Le Dauphiné Libéré" berichtete zudem über eine nächtliche Durchsuchung von 15 Objekten im Großraum Grenoble.

Fahndungsbild des 26-jährigen Salah Abdeslam: In Frankreich und Belgien gesucht
AFP / POLICE NATIONALE

Fahndungsbild des 26-jährigen Salah Abdeslam: In Frankreich und Belgien gesucht

Bei den Pariser Anschlägen starben sieben Attentäter - doch befürchtet wird, dass gleich mehrere Komplizen abgetaucht sein könnten. Der zur internationalen Fahndung ausgeschriebene Salah Abdeslam wird offenbar in Belgien oder Spanien vermutet. Die französische Polizei hatte den Terrorverdächtigen nach den Anschlägen offenbar kontrolliert und dann laufen gelassen.

Die spanische Zeitung "El País" berichtete auf ihrer Website, Frankreichs Ermittlungsbehörden hätten die zuständigen Stellen in Spanien und Belgien über das Informationssystem des Schengenraums gewarnt, dass sich Abdeslam Salah dorthin absetzen könnte. Dies sei aber "nur eine Möglichkeit", hieß es in dem Zeitungsbericht.

Frankreich hatte am Sonntagabend mit massiven Luftangriffen auf die syrische Stadt Rakka, einer Hochburg der Terrororganisation "Islamischer Staat" (IS), begonnen. Präsident François Hollande sprach angesichts des Terrors in Paris von einem Kriegsakt des IS. Er will den verhängten Ausnahmezustand, der Einschränkungen der Bewegungsfreiheit und die Einrichtung von Sicherheitszonen erlaubt, auf mindestens drei Monate verlängern.

Innenministers Bernard Cazeneuve sagte dem Sender France 2, er wolle Moscheen schließen, in denen radikales Gedankengut verbreitet werde, und "Hass predigende" Imame des Landes verweisen.

Der britische Premierminister David Cameron warb unterdessen für britische Beteiligungen an den Luftangriffen in Syrien. "Wir müssen das Parlament überzeugen", sagt er in der BBC. Am Montagmorgen war bekannt geworden, dass London nach den Anschlägen von Paris seine Geheim- und Sicherheitskräfte aufstocken will. Das Personal der Geheimdienste MI5, MI6 und GCHQ werde um insgesamt 15 Prozent aufgestockt, berichteten der "Guardian" und die "Financial Times"

Videoanalyse: SPIEGEL-ONLINE-Nahost-Experte Christoph Sydow über das IS-Bekennerschreiben

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brk/dpa/AFP

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